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Ein Fettnapf voller Wortwitz und Wagemut

Zum Lachen muss man in den Keller gehen. Das heißt aber nicht, dass die Gerschen nicht gerne lachen. Im Gegenteil. Ihr Humor ist mitunter recht deftig, ihr Spott derb, trotzdem gutmütig und fröhlich. Viele GerscheOriginale belegen das. Doch irgendwie sind sie ausgestorben. Trotzdem konnte man sich außer in Kneipen zum kollektiven Lachen treffen. Die Älteren und Junggebliebenen können sich noch gut an den "keller 68"erinnern. Eine versprengte Schar Theaterleute sorgte hier in einem ausgebauten großen Keller des Hauses Nummer 68 in der Gagarinstraße für den Humor mit einem edlen klassischen, auch literarischen Programm mit versteckten Spitzen auf bestehende Politik. Am Ende mischten sich die Künstler unter das Volk, und es kann eine gemütliche Stimmung auf. Heute gehen wir immer noch zum Lachen in den Keller oder besser in den Höhler, und es stört uns nicht, wenn wir dabei in den Fettnapf treten. Im unterirdischen Bauch von Geras guter Stube begann es vor 30 Jahren zurumoren. Mit dem provokanten Titel "Därfn dien das?" eroberten die Kabarettisten um Gerhard Weidner, den man als Gründer des "Fettnäppchens" ansehen muss, die Herzen und Lachmuskeln der Gerschen im Sturm. Dass die Kabarettleute ihr Handwerk natürlich nur mit und nach Willen der SED-Führung verrichten konnte, daran dachte niemand, derunter dem Kreuzgewölbe des Höhlers in Tuchfühlung mit dem Nachbarn saß und sich vom Kalkstaub der Jahrhunderte berieseln ließ, dazu die frechen Sprüche, die pfiffigen Gesangsnummern mit gekonnter Pianobegleitung und einem Bier oder Wein genoss. Es war ein Politbürobeschluss, dass jede Bezirksstadt sein Kabarett haben musste und damit ein überprüfbares Ventil unwilliger äußerungen über bestehende Verhältnisse. Namen kamen und gingen, frühere "keller 68"-Leute stießen hinzu. Karl-Heinz Rothin wurde Chef, Hans-Dieter Leinhos, Dieter Tolk und Joachim Recknagel kamen hinzu, und ziemlich von Anfang an dabei: Gisela Hinzelmann. 1978 betrat Eva-Maria Fastenau - die jetzige Chefin - die Bühne des unterirdischen Gemäuers, und obwohl die gelernte Journalistin eine Dünenpflanze ist und es sie von der Ostseeküste nach dem thüringischen Gera verschlagen hatte, kreierte sie mit Bravour die "Ernavom Markt", die mit Herz und Waterkantenschnauze den Gerschen die Meinung geigte. Als Persona grata durfte sie Dinge aussprechen, die sonst niemand auszusprechen wagte. Erna war eine einfach Frau aus dem Volks, die so manches, was sich in der Stadt tat, nicht richtig verstand. Sie hatte immer die Lacher auf ihrer Seite. Programm folgte auf Programm. An eines erinnert sich Eva-Maria Fastenauheute besonders gern: "Reußens Gloria" aus den Jahren 1986/87. "Das war das erste hauseigene Kabinettstück, das kein Nummernprogramm war, sondern mit Figuren und Handlung. Da fiel auch der bedeutende Satz: ,Die Mauer muss weg", erinnert sie sich. "Es war doppelsinnig gemeint. Das Publikum wusste es, wie überhaupt das Publikum mit feinsinnigem Gespür Doppeldeutiges erkannte, genauso wie es zwischen den Zeilen lesenkonnte". Dann kam 1989. "Eine wilde Zeit", ihr Kommentar. Karl-Heinz Rothin gingans Theater zurück. Die Konzert- und Gastspieldirektion, die noch der Träger des Kabaretts war, ernannte Jörg Sobiella zum Direktor und "Erna vom Markt" wurde künstlerische Leiterin. "Damit trat auch ein Generationswechsel ein, und es ergab sich eine andere Arbeitsweise". Eva-Maria Fastenau sieht das durchaus positiv. Wild wurde es, weil dieTexte, die morgens geschrieben wurden, abends schon nicht mehr stimmten. Um aktuell zu sein, wurde das Programm ständig verändert. "Das hatkünstlerische Potenzen freigelegt, das hat uns aufgebaut und gefordert", ist sie sich sicher. Und das habe ihr auch die Privatisierung - es war die erste Kabarettprivatisierung im Osten überhaupt - leicht gemacht. Das "Fettnäppchens" wurde eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts mit Eva-Maria Fastenau als Geschäftsführerin. Ist es heute leichter, Kabarett zu machen? "Es ist nicht schwer, aber anders. Schwer ist die ökonomische Situation", weiß die gestandene Kabarettfrau aus Erfahrung. Neue künstlerische Ideen mussten her, denn allein von 70 Plätzen im Fettnäppchen kann man nicht leben. 1995 kam die zweite Spielstätte in Kapellendorf dazu. Im Sommer wird "Kabarett unter der Kastanie" im Botanischen Gartengespielt, Burg Posterstein und die Leuchtenburg sind weitere Möglichkeiten im Sommer, um das Lachen an das Publikum zu bringen. Und die inhaltliche Seite? "Früher durften wir uns mit Personen des Bezirkes oder der Regierung nicht beschäftigen. Heute kann man die Politikerkabarettistisch durchleuchten", sagt Eva-Maria Fastenau. Aber auf die Dauer, meint sie, macht das nicht an, viel interessanter sei die Auswirkungen der Politiker. Platten Comedystil lehnt die Fettnapfchefin ab, auch den erhobenen Zeigefinger. Ideen gehen nie aus."Obwohl ich das manchmal glaube, aber die Sichtweite auf soziale Probleme verändert sich ständig, und es bilden sich immer wieder neuegesellschaftliche oder kommunale Situationen, die ein Kabarett ist einfach aufgreifen muss". In 30 Jahren gab es 74 Premieren. 30 in DDR-Zeiten - eigentlich waren 34 Programme erarbeitet worden, doch vier fanden keine Gnade vor den Augender Abnahme - und 44 in der Neuzeit. Insgesamt standen ca. 50 Spielerinnen und Spieler auf der Fettnäppchen-Bühne. Heute gehören neben Eva-Maria Fastenau die Damen Gisela Hinzelmann, Andrea Roßbach, Lys Schubert und die Herren Michael Kost, Hans-Dieter Leinhos, Hannes Puppeund Markus Tanger zur Spielermannschaft. Sie alle sorgen gemeinsam mit den Mitarbeitern in Organisation und Gastronomie dafür, dass Abend für Abend eine verschworene Kabarett-Gemeinschaft in den Fettnapf tritt. Und den gibt es ja auch wirklich. Wie viele Fettbemmen schon verdrückt worden sind? Das kann keiner mehr sagen. Mehrere Tonnen. So soll es bleiben, gepaart mit Wortwitz und Wagemut.

( Helga Schubert, 12.09.2003 )

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