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Neues Gera berichtet aus dem Gerichtssaal

Der Dolmetscher hat es schwer. Er muss vom Englischen ins Deutsche übersetzen und umgekehrt. Aber der Angeklagte spricht nur ein mäßiges Englisch. Das muss man ihm jedoch nachsehen. Denn er ist gebürtiger Sudanese und Asylbewerber. Er gibt sein Alter mit 20 Jahren an, ist aber gut und gerne vier bis fünf Jahre älter. Vor den Schranken des Landgerichts Gera ist Roberto Sinan (dieser und alle folgenden Namen geändert) angeklagt, gegen das BtMG verstoßen zuhaben. Das ist das berühmte deutsche Betäubungsmittelgesetz: Wer Drogenerwirbt oder damit handelt, muss mit gepfefferten Strafen rechnen. Roberto, der schon länger in Deutschland Gastrecht genießt, erwarb Kokain (auch Heroin war mitunter dabei) und verkaufte es wieder. Gramm-Preis um die 40 Euro. In Jena, wo er den schwunghaften Handelbetrieb, gab es einen erstaunlich großen Interessentenkreis. Nun ist Roberto seit Januar dieses Jahres in Haft. Die Staatsanwältin bezieht in ihre Anklage ein, dass sich Roberto bei der Festnahme eine tätliche Auseinandersetzung mit der Polizei lieferte. Das erfüllt den Tatbestand der Beamtenbeleidigung und des Widerstandes gegen die Staatsgewalt (Die neue Sprachregelung spricht von "Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte"). Roberto redet sich damit heraus, er hätte nichtgewusst, dass es Polizisten seien, da die Beamten in Zivil waren. Der Angeklagte war allerdings schon mal von der rechten Szene (Neonazis) angegriffen worden. Das glaubte er auch diesmal. Naja. Roberto bezog den Stoff von einem gewissen Hassan. Ein reichlich mysteriöser Lieferant! Der Angeklagte kennt von ihm angeblich weder Wohnort noch Herkunft, weder Nationalität noch Beruf. Hassan konnte bis heute von der Polizei nicht ausfindig gemacht werden. Aber der hätte eigentlich mit auf die Anklagebank gehört. Alles begann höchstwahrscheinlich im Januar 1999, zunächst im Asylbewerberheim. Hier lernte Roberto den Hassan kennen. Der nahm ihnmal mit nach Hamburg, um vor Ort zu studieren, wie man das Drogengeschäft betreibt. Roberto erwies sich als gelehrig, auch in Sachen Konspiration. Er legte sich eine Art Decknamen zu und wechselte mehrfach die Telefonnummer, unter der man eine Bestellung aufgebenkonnte. Verkauft wurde in "small portions". Am Telefon wurden ein oder zwei "G" (d. h. Gramm) bestellt. Roberto lieferte prompt. Meeting-point,also Treffpunkt, war in Jena sehr oft der Busbahnhof. Bezahlt wurde "cash". Roberto lieferte das Geld an Hassan ab, nach Abzug seiner"Provision". Wie die akribisch geführte Verhandlung des Vorsitzenden Richters zeigt, war der Angeklagte sich über die Gefährlichkeit der harten Drogen nicht im klaren, oder er wollte es nicht wahrhaben. Ihm ging es nur ums Geld. Als die Zeugin Sabine Kiesinger vernommen wird, sind die Spuren des Drogenkonsums deutlich zu sehen. Sie ist erst 38, sieht aber beträchtlich älter aus. Sie ist fahrig und wirkt krank. Die Frage ist: Woher hatte sie als Arbeitslose die großen Summen für den Erwerb von Rauschgift? In einem Fall des Drogenhandels ging es dramatisch zu: Der junge Zeuge Klaus Schießer berichtet darüber. Seine depressive Freundin, die er offensichtlich sehr gern hatte und mit der er zusammenlebte, war drogenabhängig. Auch sie bezog von Roberto den krankmachenden Stoff. Eines Tages wurde sie unter ominösen Umständen tot ausgefunden. Es bleibt im Dunkeln, welchen Anteil an ihrem frühen tragischen Tod die Robertoschen Lieferungen haben. Das Gericht einigte sich darauf, den Angeklagten für vier Jahre und zehnMonate hinter Gitter zu schicken. Zugrunde gelegt wurden vor allem 107 nachweisbare Fälle des Drogenhandels. Der Angeklagte muss die Kosten des Verfahrens tragen. Zugute gehalten wurde ihm, dass er nicht einschlägig vorbestraft ist, Einzeltäter blieb, also keine "Vertriebsorganisation" aufbaute. Das Verfahren entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Der Gewinn, den Roberto erzielte, war mäßig, vielleicht nie mehr als zehn Prozent. Er wollte lediglich sein karges Asylbewerber-Entgelt aufbessern. Die Suche nach einem Job verlief immer wieder ergebnislos. Wie er versicherte, wollte er seine schwangere deutsche Freundin heiraten. Aber er betriebeben unerlaubten Handel mit harten gefährlichen Drogen. Das zählt. Das Urteil nahm Roberto unter Tränen auf. Es tue ihm leid, was er getan habe. Er bitte alle um Verzeihung. Die Reue kommt zu spät.

( 08.08.2003 )

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