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Kumpel kamen mit LKW in die Stadt

Zum 50. Jahrestag des 17. Juni befasst sich das Geraer Stadtarchiv mit der Sichtung und Aufarbeitung von Dokumenten und Sachzeugen. "Leider ist aus dieser Zeit nicht viel vorhanden," bedauert der Leiter des Stadtarchivs Klaus Brodale. In privater Hand gebe es bestimmt noch Material, vermutet er, zum Beispiel Fotos, da sei er überhaupt nicht fündig geworden. Generell seien die Quellen nicht ergiebig. Aus der Sicht des Stadtarchivs stellt sich der denkwürdige Tag, der als Tag der Freiheit in die Geschichte eingegangen ist, für Gera folgendermaßen dar: Am Morgen des 17. Juni streiken in Gera etwa 500 Arbeiter aus verschiedenen Betrieben, dabei auch Beschäftigte aus dem VEB Kompressorenwerk und dem VEB Roto Record. Sie ziehen zum Gebäude der SED-Keisleitung und fordern die Senkung der HO-Preise, die Auflösung der Staatssicherheit, den Rücktritt von Walter Ulbricht und Otto Grotewohl. Einer der Wortführer ist Werner Gehrt. Er fordert die Streikenden auf, zum Rat des Bezirkes zu marschieren. Im Demonstrationszug werden Plakate mit den Aufschriften "Nieder mit der Regierung" oder "Der Spitzbart muss weg" mitgeführt. Auf dem Weg zur Bezirksleitung zerreißen die Demonstranten ein großes Ulbricht-Porträt. Immer mehr Betriebe, wie der VEB Wema-Union, der VEB Schraubenfabrik oder der VEB Fahrzeugzubehörwerke, schließen sich an, und bis zum Nachmittag wächst die Zahl auf ungefähr 6000 Menschen an. Versuche von SED-Funktionären, die Menge zu beschwichtigen, schlagen fehl. Ein Teil der Demonstranten dringt in das "Haus der Jugend" ein und zertrümmert teilweise die Einrichtung. Andere Demonstranten versuchen, die Untersuchungshaftanstalt am Amthordurchgang zu stürmen und die Gefangenen zu befreien. Eine andere Gruppe von rund 150 Besonnenen zieht zum Rathaus und versucht vergeblich, den Stadtfunk unter ihre Kontrolle zu bringen. An der Haftanstalt in der Greizer Straße will man die Demonstranten mit Wasser aus Feuerwehrschläuchen auseinander treiben. Doch die erboste Menge stürzt den Einsatzwagen der Feuerwehr um und zerschneidet die Schläuche. Wie Klaus Brodale weiter erforschte, wird von Auseinandersetzungen mit der Polizei in der Innenstadt berichtet, bei denen zwei Polizeifahrzeuge gestoppt, die Polizisten entwaffnet und zum Teil misshandelt wurden. Ein Schwerpunkt der Demonstration bildet sich vor dem Handelshof, dem Sitz des Rates des Bezirkes (heute Sparkasse). Hier versucht die Menge am frühen Nachmittag unterstützt von Bergarbeitern der Wismut, die mit LKW herangekommen sind die geschlossenen Eisengitter aufzubrechen und das Gebäude zu stürmen. Doch etwa um diese Zeit rollen sowjetische Panzer in die Innenstadt. Durch den Befehl des Chefs der Geraer Garnison wird der Ausnahmezustand über Gera verhängt. Der Demonstrationszug löst sich daraufhin auf. Das sowjetische Militär errichtet Straßensperren und patrouilliert durch die Innenstadt. Der Aufstand ist niedergeschlagen. In den Tagen nach dem 17. Juni werden auch in Gera zahlreiche Menschen verhaftet und zum Teil unter Anklage gestellt. Hierzu gebe es allerdings auch keine eindeutigen Aussagen, berichtet der Stadtarchivar. Anders als in Jena, wo der Arbeiter Alfred Diener als "Rädelsführer" zum Tode verurteilt und erschossen wurde. Wie die damalige SED-Zeitung Volkswacht berichtete, die den Aufstand als faschistische Provokation bezeichnete, seien in Gera die Verfahren gegen die Wortführer eingestellt worden. "Exakte Informationen über Verurteilungen, staatliche Maßregelungen und die bei den Auseinandersetzungen Verletzten bzw. über die Schadenshöhe lassen sich aus den Quellen des Stadtarchivs nicht ermitteln", bestätigt Klaus Brodale. Viele Menschen lebten nach dem 17. Juni 1953 in ständiger Angst, und viele von ihnen flüchteten in den Westen, was bis zum Mauerbau 1961 über Westberlin noch möglich war. Dass nur wenig Material vorhanden ist, ist auch dieser Angst geschuldet. Außerdem haben die SED-Behörden Fotoapparate beschlagnahmt und Filme vernichtet. Vom 17. Juni sollte niemand erfahren, aber er ging als Tag der Freiheit um die Welt.

( Helga Schubert, 13.06.2003 )

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