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Seit vier Jahrhunderten ein Born für Gesundheit und Wohlbefinden

Herzlichen Glückwunsch zum 400. Geburtstag! Wann darf man das schoneinmal sagen?! - Genau am 4. Februar dieses Jahres. Denn an diesem Tagemachte eine altehrwürdige Geraer Institution, die "Stadt-Apotheke", das 400. Jahr ihres Bestehens komplett. Und damit ist sie unbestritten die älteste der gegenwärtig 30 öffentlichen Apotheken in unserer Stadt. Am 3. Februar anno 1603 hatte der vormalige Hofapotheker von Heinrich Posthumus (1602-1670), David Oeder, auf dem Gelände des "Deutschen Hauses" auf dem Markt die Apotheke eröffnet. Ein wenig später zwar als die Gründungen in Nachbarstädten wie Altenburg (1517) und Schleiz (1572), dafür aber mit allerhöchstem Privileg und Konzession vom Posthumus-Sohn und Nachfolger Heinrich dem Jüngeren und als Konsequenz auf die in diesem Jahr in Gera furchtbar wütende Pest. Damit war auch in den Reußenlanden endlich verwirklicht, was gut 100 Jahre zuvor bereits Paracelsus (1493-1541) gefordert hatte: Arzneimittelherstellen anstatt auf der Suche nach dem Allheilmittel dem berühmten "Stein der Weisen" nachzujagen. Nur knapp 60 Jahre vor der Geraer Apotheken-Gründung war 1546 in Nürnberg das erste Arzneimittel-Verzeichnis erschienen, das auch Anweisungen für deren Zubereitung enthielt. In Gera jedenfalls kamen dann bald die Extrakte, Mixturen, Tinkturen, Salben, Pillen und Lotionen zu hohen Ehren. Gesammelt und verarbeitet wurden verschiedene Pflanzen aus der heimischen Natur oder sogar aus Übersee, darunter Opium aus Persien und die Borke des Chinarindenbaumes aus dem fernen Südamerika. Die bahnbrechenden Entdeckungen des französischen Chemikers Joseph Pelletier hatten ihre Wurzeln fast sprichwörtlich nach wie vor in der Pflanzenwelt. 1820 gewann er z.B. das medizinisch hochwirksame Alkaloid der Chinarinde, dem er den noch heutegebräuchlichen Namen "Chinin" gab, Atropin aus der Tollkirsche und Strychnin aus der Brechnuss kamen hinzu. Diese organischen Verbindungen wurden nur wenige Jahre später durch anorganische Verbindungen ergänzt, nachdem man selbst in der Zeit der Aufklärung daran festgehalten hatte, dass alle Stoffe "nur von Gott" geschaffen sein sollten. Niemand hat jemals aufgezeichnet, was alles in der "Stadt-Apotheke" inden Gründungsjahren hergestellt und verabreicht wurde. Akkurat vermerkt sind hingegen die 27 Besitzer oder Leiter der Apotheke, darunter so bekannte Namen wie Tobias Hoppe, Karl Friedrich Gotthilf Zabel und Heinrich XXV., der Bruder des Landesherren, der 1717 die Apotheke führte. Unter Dr. Ernst Herrmann Schröder siedelte 1847 die Apotheke - knapp 250 Jahre nach ihrer Gründung - zum heutigen Standort um, die prachtvollen Officin, Arbeits- und Verkaufsräume wurden in dem wunderschönen Kreuzgewölbe untergebracht. Äußerer Schmuck ist der herrliche Erker, eines der wohl heute am meisten fotografierten baulichen Kleinode unserer Stadt. Apotheker Dr. Siegfried Schellin beschreibt den Erker wie folgt: "Dem Betrachter hebt sich der Erker in feiner Form vor dem Hintergrund ab. Die gute Profilierung der Fensterumkleidung, die kräftige waagerechte Gliederung des alten Erkers geben mit dem reichen Schmuck der Felder und Pfeiler, die in leuchtenden Renaissancetönenstrahlen, und dem Zierrat der Erkerkonsolen (verwendet sind: Eierstab, Akanthusblatt und andere Beschlagmuster) ein feines, sorgsam abgewogenesharmonisches Bild. Antike Muster kehren hier in der Profilierung ständig wieder. Interessant ist die Darstellung der vier Jahreszeiten an der unteren Brüstung und der Wappen von Solms, Reuß, Schwarzburg und Hohenlohe an der oberen Brüstung. Sie stammen nach einer alten Handschrift aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts von der ehemals an der Marktecke gelegenen Kanzlei des Landesherrn. Die alte Wetterfahne des Erkers zeigt die Initialen H.D.J.R.H.V.P., das reußische Wappen und die Jahreszahl 1606. Sie ist wohl dem Erbauer vom Landesherrn Heinrich dem Jüngeren Reuß, Herrn von Plauen, zugebilligt worden. "Wer hätte wohl so viel Geschichte am Beispiel eines einzigen Hauses vermutet? Und dann noch die unter der Apotheke gelegenen Höhler. Als Entstehungsdatum wird 1712 angegeben. In den Höhlern, die rund acht Meter unter der Erdoberfläche liegen, herrschen ganzjährig Temperaturen um 10 Grad Celsius, ideal - wie schon früher die alten Geraer fanden - für das Bier, aber auch für Tinkturen und Lebertran, so Apotheken-Chef Dr. Schellin heute. Die "Stadt-Apotheke" ? fast so etwas wie ein weit aufgeschlagenes Geschichtsbuch unserer Stadt. Mit allen Höhen, mit allen Tiefen. So hat der Zahn der Zeit am historischen Erker genagt, und nicht nur dort. 1997 werden die großen Schäden sichtbar, die gesamte anschließende Häuserzeile der westlichen Markseite muss ebenfalls saniert werden. Die Geraer Wohnungsgesellschaft (Gewo) stellt sich dieser Aufgabe und wagt den Spagat: Erhaltung der historischen Substanz und Schaffung der Vermietungsfähigkeit der sanierten Räume. Der Apothekenerker wird komplett abgenommen, große Teile des Hauses müssen durch Neubau ersetzt werden. Die Apotheke selbst zieht in das Ausweichquartier ehemaliges Wismut-Möbelkaufhaus. Am Markt natürlich - wo denn sonst? Und damit befindet sie sich an einem weiteren historischen Standort. Hier war um 1738 schon einmal das Domizil der alten Hofapotheke. Nach Abschluss der Sanierung wird die ganze Kunst der Bauleute sichtbar. Fast könnte man von einem Preis-Feuerwerk für die gelungene Sanierungsprechen: Höhler des Jahres 2000, Denkmalspreis 2000, Denkmalspreis der Stadt Gera 2001. Und das alles für ein Gebäude bzw. die Westseite des Marktes. Der östliche Teil wird weniger fotografiert; er liegt noch imArgen! Die unterschiedlichen Geschichtsepochen haben um die "Stadt-Apotheke" keinen Bogen gemacht. Vom fürstlichen Privileg über die Bezirksapothekebis zur "Stadt-Apotheke VEB" hat sie nahezu alle Eigentumsformen über sich ergehen lassen müssen, Enteignung durch die damalige sowjetische Militäradministration eingeschlossen. Die "alte Dame Stadt-Apotheke" hat alles überlebt. Fast war es am 1. Dezember 1990 ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, als unter dem neuen Inhaber Dr. Siegfried Schellin der private Apothekenbetrieb aufgenommen wurde. Oder war es eher eine Belastung? Dr. Schellin erinnert sich an die Erneuerung der Sanitäreinrichtungen, Elektroversorgung, Beleuchtung und Türen. Und dann die hochoffizielle Abnahme durch die Aufsichtsbehörde, die natürlich zuerst und vor allem auf die Einhaltung aller apothekenspezifischen Auflagen achtete. Die Zeit der Provisorien war dann glücklicherweise vorbei, am 18. Februar 1993 erfolgte die Einweihung - wieder einmal - ganz offiziell. Vorbei die Zeit, wo Apotheker und die Mitarbeiter vielleisten und manchmal auch improvisieren müssten. In Sachen Bau natürlich! Denn ansonsten ist die Pharmazie natürlich die Wissenschaft, in der es um peinliche Präzision geht, die fastsprichwörtliche Apotheker-Waage ist dafür zum Sinnbild geworden. Die pharmazeutische Wirtschaft fertigt heute viele Medikamente industriell. Trotzdem: Fast zehn Prozent der Arzneimittel werden aus unterschiedlichen Gründen nach wie vor ganz individuell hergestellt. Mit der Erfahrung und dem Können des Apothekers. Und keine Konfektion, und sei sie noch so perfekt, kann den Rat des Pharmazeuten ersetzen, der noch immer kostenlos ist - wie schon vor 400 Jahren. Apotheker - so sagt man hinter vorgehaltener Hand - sollen sich auch auf die Herstellung eines edlen Tropfens verstehen, der etwas profan als Apothekerschnaps bezeichnet wird. Es ist nicht bekannt geworden, ob auch Dr. Schelling, der 27. Stadt-Apotheker solch ein Rezept erhalten hat und bewahrt. Aber anstoßen darf man guten Gewissens auf 400 Jahre "Stadt-Apotheke" Gera! (Zum Jubiläum des "Stadt-Apotheke" hat Dr. Siegfried Schellin eine Festschrift herausgegeben, deren Angaben dankens werter Weise für diesen Beitrag genutzt werden durften.? R. S.)

( Reinhard Schubert, 07.02.2003 )

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