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Gera - tot oder lebendig?

Ein Gespenst geht um in Gera - das Gespenst des Pessimismus und de rSchwarzmalerei. Allerlei Bedenkenträger und Miesmacher scheinen sich zueiner Art verschworener Gemeinschaft zusammengefunden zu haben. Gespräch auf der Einkaufsmeile Sorge: Er: Früher ging’s uns gut, jetzt geht’s uns besser. Sie: Ja, aber besser wär’s, es ging uns wieder gut! Kennen Sie noch den aus DDR-Zeiten stammenden Begriff "Nöl"? In der Umgangssprache war das die Maßeinheit fürs Quengeln, fürs Nölen. Ein "Nöl" - das waren zehn Minuten auf die Nerven gehendes Meckern. Diese "Sportart" scheint in Gera fröhliche Urständ zu feiern. Menschen jeden Alters, aller Berufsgruppen und jeder Funktion klagen weinerlich: Gera sei tot, nicht mehr liebenswert, ein Trauerspiel. Es braucht eben Optimismus. Zum Chor der Wehleidsgesänge gehören einige einseitige deprimierende Presseveröffentlichungen, aber auch Äußerungen von Politikern, Abgeordneten, Managern und Vereinschefs. Gerade aber dieser erlauchte Kreis trägt Verantwortung dafür, daß bei allen Problemen, die Gera drücken, sich keine Lethargie breit macht. Man kann Miesmacherei fördern. Man kann aber auch Optimismus entwickeln helfen. Leider gibt es in der Stadt - auch in leitenden Positionen - zu viele Untätige, Abwartende und Negierer. Der bisherige Präsident der IHK Gera Lothar Späth nennt solche Leute in seinem jüngsten Buch "Was jetzt getan werden muss": Zukunftsverweigerer und Besitzstands wahrer. Unbestritten ist: Gera hat Sorgen, vielleicht mehr als manch andere vergleichbare Großstadt. Die Arbeitslosigkeit ist mit etwa 17 Prozent sehr hoch. Die Zahl der Investoren, die neue Jobs schaffen, hält sich in Grenzen. Wer in die Stadtkasse hinein ruft, bekommt das Echo ungebremst zurück. Wobei ein leeres Stadtsäckel auch andere Kommunen beklagen, selbst das so wohlhabende München. Allerdings gehört Gera zu den Städten, die weiterhin für soziale und kulturelle Belange relativ hohe Summen aufwenden. Wie reagieren? Durch meckerndes Nichtstun oder, wenn auch vielleicht zähneknirschend, durch Zupacken? Nicht mehr so viel nörgeln Kaiser Wilhelm hat es sich seinerzeit einfach machen wollen. Als anno 1897 protestierende Studenten vor sein Schloß zogen, befahl er seinem Innenminister: "Sorgen Sie dafür, daß im Volke nicht mehr so vielgenörgelt wird!" Hm, schwer durchzusetzen in Gera. Besser ist, den Meckerern in die Parade zu fahren. Besser ist, Aufbruchstimmung zu schaffen. Vielleicht so, wie es der Diener des französischen Philosophen Saint-Simon tat. Wenn er jeden Morgen seinen Herrn zu wecken hatte, rief er: "Stehen Sie auf, Herr Graf! Sie haben Großes zu vollbringen!" Wieschön wäre es, wenn es einen gäbe, der jeden Morgen ruft: "Steht auf, ihr Geraer! Ihr habt Großes zu vollbringen! "Beispiel Industrie. Richtig: Gera war einst eine blühende Industriestadt mit mindestens 50 gutgehenden Unternehmen, was im Gefolge einen respektablen Wohlstand brachte. Rückwärtsgewandte Klagegesänge aber führen zu nichts. Ansiedlungen von Großbetrieben wird es nicht wiedergeben. Alles Beschönigen hilft nicht: Der Privatisierungsfeldzug der Treuhand zur Wendezeit, so schrieb unlängst das angesehene Wochenmagazin "stern", habe schlimmere Verwüstungen hinterlassen als die Demontagender Russen nach dem zweiten Weltkrieg. Von 1990 bis heute habe die Ex-DDR 43 Prozent aller Industriearbeitsplätze verloren, was einer sozialen Katastrophe gleichkäme. Diese Abwicklungspolitik traf auch Gera mit aller Härte. Heute sind sich viele Wirtschaftsexperten und Wissenschaftler darin einig, daß es auch andere Wege gegeben hätte, als sie die Treuhand einseitig beschritt.Aber wenn wir uns schon von industriellen Großprojekten verabschieden müssen, dann hilft nur eins: kleine und mittlere Unternehmen ansiedeln, fördern und hochpäppeln. 9000 Arbeitsplätze durch Gewerbegebiete. Nur vom Mittelstand ist noch zu erwarten, daß Arbeitsplätze und Steuereinnahmen kommen. Das wollen auch die Stadtväter. Ob immer mitgenügendem Engagement oder mit Kompetenz und Erfolg steht auf einem anderen Blatt. Seit der Wende wurden fünf größere und mehrere kleinere Gewerbegebiete geschaffen. Und mit ihnen etwa 9000 Arbeits- und Ausbildungsplätze. Dazu gehören solche Areale wie Bieblach-Ost/Trebnitz, Russen-Kaserne Tinz, Gewerbepark Keplerstraße, Leibnizstraße und in Vorbereitung Leumnitz-Süd sowie Leumnitz-Zoche. Zu diesen Bemühungen gehört auch das Hickhack um den mit etwa 200 Hektar vorgesehenen größeren Industriestandort Korbußen, ideal gelegen an der Autobahn. Er ist ein Musterbeispiel für die in Gera verbreitete Kalamität. Zuerst erwiesen sich die bäuerlichen Grundstücksbesitzer als - pardon - Krämerseelen. Dann kam die Landrätin von Greiz als Bedenkenträgerin ins Spiel: Sie wolle lieber kleinere Brötchen backen. Dann erhielt die Stadt von der Landesregierung einen kräftigen Schuss vor den Bug. Das "Erfurter Kreuz" bei Arnstadt sei vielleicht doch besser geeignet und dorthin sollen vor allem die Fördermittel fließen. Ostthüringen hinter Jena zu Ende? Und damit sind wir bei einem zweiten entscheidenden Punkt für Geras Nöte und sein nur gebremstes Vorankommen in der Marktwirtschaft. Die Landesregierung vernachlässigt ganz offensichtlich ihre östlichste Region des Freistaates. Vielleicht ist sie der irrigen Annahme, daß Ostthüringen hinter dem boomenden Jena zu Ende ist. Fragen wir doch maldie sechs Landtagsabgeordneten der Region, denen es im allgemeinen dankregelmäßiger Diätenerhöhungen recht gut geht, mit welchem Eifer sie im Landtag für die Interessen Geras und seiner Umgebung eintreten. Nicht anders ist es bei einer Reihe Leuten aus der Politikermannschaft in Erfurts Regierungskreisen. Gibt’s mal einen nennenswerten wirtschaftlichen Erfolg, schon sind sie da und lassen sich feiern. Gibt’s Probleme, werden sie kaum gesehen. Wie sagt doch der Volksmund? "Der Sieg hat viele Väter, die Niederlage ist ein Waisenkind. "Müssen wir aber der Landesregierung nicht zugute halten, daß sie die BUGA 2007 Gera-Ronneburg unterstützt? Ja, schon. Doch zunächst gab es von dort anfangs nur eine zögerliche Befürwortung. Erst nachdem die Geraer Industrie- und Handelskammer (IHK) mit ihrem Präsidenten Lothar Späth und Hauptgeschäftsführer Bernhard Strelow und erst nachdem Geras Oberbürgermeister Ralf Rauch und eine Reihe Stadtväter energisch Dampfmachten, ging’s besser voran. Die BUGA ist mit Investitionen in Höhe von rund 140 Millionen Euro verbunden. Das heißt Ausbau der Infrastruktur, Aufträge für die Unternehmen, verstärkter Tourismus. Welch eine Chance für das gebeutelte Gera! Und doch ist schon wieder die Schar der Miesmacher und Bedenkenträger groß, die bei vielen Maßnahmen der BUGA-Vorbereitung ihr Veto einlegen. Die BUGA wäre aber die beste Gelegenheit, dass durch Gera ein Ruck geht und der Schlachtruf ertönen könnte: "Wir packen es, denn wir lieben unsere schöne und schöner werdende Stadt und ihr Umfeld!" Stattdessen engagieren sich nur wenige, so der BUGA-Förderverein, der Wirtschaftsverband, der Tourismusverein. Und wer noch? Gera hat in seinen Mauern über 100 Vereine. Wenn ein jeder sein unterstützendes Konzept für die BUGA-Vorbereitung einbringen würde - welch ein Kraftquell ließe sich erschließen, um die Stadt aus der drohenden Lethargie zu reißen und sie attraktiver zu machen. "Arbeiten und nicht verzweifeln!" Als der neue Rektor der Uni Edinburgh, Carlyle, 1866 seine Antrittsrede hielt, rief er seinen Zuhörern zu: "Arbeiten und nicht verzweifeln!" Auch allen miesepetrigen Geraern müßte man predigen: "Arbeiten und nicht verzweifeln!" Aber das setzt selbst redend voraus, daß auch alle Arbeit haben. Es gibt natürlich auch in Gera Leute, die Optimismus ausstrahlen und ein Herz für ihre Stadt haben. Bei allem, was es sicherlich kritisch zusagen gibt: Der Oberbürgermeister gehört dazu. Der glüht für seine Stadt. Freilich, schon Billy Wilder meinte in der Schlußszene seines berühmtesten Filmes: "Nobody is perfect!" Auch Ralf Rauch hat Fehlergemacht. Doch: Wenn einer glaubt, daß er es besser machen kann, möge er sich melden. Wenn seinerzeit die Nikotingegner mit dem Spruch warben "Ohne Rauch geht’s auch", dann sagen viele in Gera zurecht: "Ohne Rauch (Ralf) geht’s eben offensichtlich nicht." Zu den Aktivposten, die sich in ihrer Stadt einsetzen, gehören auch solche Leute aus Politik, Wirtschaft und Kultur wie Peter Carqueville, Wolfgang Reichert, Frank Siegmund, Gabriele Klöpfel, René Serge Mundt, Norbert Vornehm, Margit Jung, Julia Rzegotta, Christel Russe, Hans Mikosch, ja, und auch Percy Wesselly sowie weitere. Was erforderlich ist: Kreatives Miteinander Übrigens: Rauch hat’s oftmals wahrlich nicht leicht. Zu oft ist der 46-köpfige Stadtrat zerstritten. Zu oft gingen diesem oder jenem Stadtrat und Stadtverwaltungs-Mitarbeiter Parteiengezänk und Profilierungsgehabe über ein kreatives Miteinander, um die Stadt voranzubringen, Entscheidungen zur Ansiedlung von Gewerbe rasch zutreffen. Für so manche Beratung traf zu, wie Willibald Alexis eine Sitzung charakterisierte: "Der Sieg des Hintern über den Geist". Hinzu kommt für Gera auch noch Pech: Wortbruch westlicher Manager. Man könnte auch sagen: Kapitalismus pur. Beispiel Heizkörperhersteller Vogel & Noot. Nachdem dem Unternehmen der rote Teppich ausgelegt worden war, hat es sich klammheimlich wieder davon gemacht, weil es sich in Ungarn billiger produzieren läßt. Weiteres Beispiel: Rittal, ein Unternehmender weltweit tätigen Loh-Gruppe, die High-tech-Schaltschränke produziert. Nach großem Brimborium, bei dem für die Stadt 300 Arbeitsplätze versprochen wurden, sagte man kleinlaut (vorerst) wieder ab. Vielleicht kannten die Herren schon damals den aktuellen Fernseh-Spot "Geiz ist geil!" Kommen wir zu einem Hemmnis, das bundesweit und so auch in Gera Kapriolen schlägt: Die wuchernde Bürokratisierung. Manche dieser Spezies scheinen nach der Devise zu handeln: "Schiebe niemals auf bis morgen, was du übermorgen kannst besorgen." Sicherlich, es gibt auch in Geras städtischen Ämtern und Betrieben eine Vielzahl fleißiger Mitarbeiter - von den 1500 gewiß die Mehrzahl. Aber vielleicht sollte man an eine beiden Franzosen gängige Weisheit erinnern, die da lautet: "Pour mieuxgouverner, il faut gouverner moins", was so viel heißt wie "Um besser zu regieren, muß man weniger regieren. "Weniger Vorschriften - Plus für die Wirtschaft Thüringens Innenminister Trautvetter verkündete kürzlich, er wolle 2600 Verwaltungsvorschriften entrümpeln. So etwas täte auch Gera gut. Die Stadt sollte mithelfen bei einer solchen De-Regulierungskampagne. Wenn es versuchsweise gelänge, allein die Anzahl der Vorschriften zuhalbieren, die Land und Bund bei der Gewerbeansiedlung auferlegen -welch ein Plus wäre das für die wirtschaftliche Erholung Geras! Will Gera begehrenswert für Investoren werden, sind wissenschaftliche Einrichtungen, die Experten ausbilden, wichtig. Ein äußerst erfreulicher Lichtblick ist da für Gera die geschaffene Berufs-akademie, für die in den nächsten Jahren ein Neubau in Tinz entsteht. Der Freistaat stellt dafür 10,6 Millionen Euro bereit. Zunächst verhielt sich Erfurt jedoch recht zögerlich. Erst auf massives Drängen der IHK und von OB Rauch kam Bewegung in die Sache. Diese "Bewegung" steht noch aus, was den Wunsch der Stadt nach einer Fachhochschule betrifft. Soll Gera Oberzentrum bleiben, ist auf längere Sicht eine höhere Bildungseinrichtung unerläßlich. Freie Bahn für die Mutigen. Fassen wir also zusammen: Bei allen Sorgen, Problemen und Kümmernissen, die die Stadt plagen, läßt sich sagen: "Gera packt’s!" Nicht die Zweifler, Miesmacher und Negierer dürfen die Oberhand gewinnen, sondern die Mutigen, die Vorwärtsdrängenden, die Optimisten, die ihre Stadt lieben und sich mit ganzer Seele für ihr Vorankommen einsetzen. Stehen zwei an der Theke, um einen zu heben. Sagt der eine: "Worauf trinken wir?" - Sagt der andere: "Weißt du, dauernd wollte ich resignieren, aber jetzt habe ich es aufgegeben!" - Na, bitte!

( Harald Baumann, 17.01.2003 )

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