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"Kunst ist ein Anreiz zum Leben"

Ganz schlicht ist der Name: Haus Schulenburg. 1913/14 von dem Geraer Woll- und Seidenweberfabrikanten Paul Schulenburg gebaut. Nach dem Entwurf von Henry van de Velde und unter der Bauleitung von Thilo Schoder. Haus - nicht etwa Villa, mit einer Toreinfahrt und keinem Portal, mit einem großräumigen Garten und keinem Rosarium. Zweckmäßig, mit funktional begründeter Ästhetik, weitläufig und großzügig, nicht protzig. Eben das Haus Schulenburg in der Straße des Friedens.Knapp neun Jahrzehnte sind vergangen, seit der Grundstein gelegt worden war. Viel mehr, als ein normales Menschenleben lang ist, 90 Jahre mit zwei Weltkriegen, zwei Diktaturen, mit Hoffnungen und Enttäuschungen, mit Generationen, die mit und für das Haus gelebt haben: Landhaus der Familie Schulenburg, Enteignung, Volkseigentum, Schwestern-Fachschule, Leerstand…90 Jahre hat der Zahn der Zeit dem Gebäude zugesetzt. Und dann 1996: Dr. Volker Kielstein erwirbt das Haus und hat fortan neben der Erfüllung eines lang gehegten Wunsches, ausgestattet mit vielen Ideen und konkreten Plänen, auch manche schlaflose Nacht übernommen. Gern und freiwillig, mit Wünschen und Visionen - mit den neuen Sorgen. Denn die Zeit der Mäzene scheint vorbei zu sein, Geldströme sprudeln nicht, um Kultur und Kunst macht die Teuerung keinen Bogen. Warum tut sich das Ehepaar das an? Ist es die Freude, etwas Altes neu zu schaffen, die Verbundenheit zu Gera, der Kunstsinn, das Geschäftsinteresse. Vielleicht von jedem etwas, weil nur alle drei Säulen in ihrer Einheit ein festes Fundament bieten können. Dr. Volker Kielstein kommt aus Gera. Der Vater war Arzt, die beiden Geschwister sind Ärzte, die Ehefrau ist Ärztin, die beiden Kinder sind Ärzte. Da wird immer gesagt, dass Mediziner eine besondere Beziehung zu der Kunst und den Musen im allgemeinen, eben eine künstlerischen Ader haben. "Das wird oft so gesagt", so Dr. Kielstein, "aber ich weiß gar nicht, ob das so unbedingt stimmt." Musische Atmosphäre jedenfalls herrschte im Elternhaus, regelmäßige Theaterbesuche und das Spielen eines Instrumentes gehörten dazu. Ausgeprägt wurde das zur Studienzeit in der DDR, wo Kunst auch so etwa wurde wie ein subversives Element: "Sich mit Schopenhauer zu beschäftigen oder mit Kandinsky, in einer Zeit, in der sogar Old-Time-Jazz nicht gern gesehen war, war das die Grundlage einer besonderen Kommunikation: Man war sich einig, wer Paul Klee gut findet, der findet die sozialistische Eineengung nicht so gut." Und in dieser Zeit ist auch das Interesse für van de Velde verstärkt worden, von dem der junge Volker Kielstein Veröffentlichungen in der väterlichen Bibliothek gefunden hatte. Schließlich sieht er in der Kunst tatsächlich einen Ausgleich, denn "wer sich ausschließlich in medizinischen Denkbahnen bewegt, wird einseitig. Kunst ist Anreiz zum Leben und Erweiterung des Horizonts, ganz klar." Doch wie findet man zu van de Velde? Auch das scheint fast ererbt zu sein, im Blut zu liegen. Dr. Kielstein sen. war oft Gast im Haus Schulenburg als Dozent der Schwesternschülerinnen. Seine Ehefrau erinnert sich noch heute daran, dass er von dem Haus geschwärmt hat. Bei Spaziergängen mit den Kindern kam man ebenfalls an dem Haus vorbei und dabei lernten die Kinder das Haus schätzen, erkannten den großzügigen Geist, der aber gleichzeitig menschengerecht ist. Sehr bald entstand der Gedanke - und er ist heute bereits realisiert und wird zielstrebig weiter verfolgt - hier eine Tagesklinik für Suchtkranke zu eröffnen, wo Abhängigkeitserkrankungen und psychosomatische Störungen behandelt werden. Nach dem Beispiel von Magdeburg, wo eine derartige Klinik von dem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie geleitet wird. Die größte ihrer Art in ganz Deutschland, deren Modell Dr. Kielstein schon zu DDR-Zeiten entwickelt hatte. Aber: "Ich hätte es nicht gemacht, wenn es nicht Gera gewesen wäre." Das hat für den Mediziner auch etwas mit dem familiären Kontakt zu tun, die Mutter und weitere Familienangehörige leben hier. Gera auch aus weiterem Grund. Nach der politischen Wende wollte der Arzt endlich einmal bis an das Ende seiner Möglichkeiten gehen, endlich einmal das tun, was man bisher nicht tun konnte. Deswegen privatisierte er die Magdeburger Klinik. "Nicht auf halbem Weg stehen bleiben!" - Vielleicht die herausragende Erfahrung aus der Wende.Schließlich natürlich Henry van der Velde, über den Dr. Kielstein fast ins Schwärmen kommt: Ein Mann, der zeitgleich mit van Gogh in Antwerpen studierte, der die gesamte französische und belgische Avantgarde sowie die japanische Kunst integrierte, der im Weimar wirkte, dafür sorgte, dass Gropius sein Nachfolger wird und vieles, vieles andere. Und dann durchläuft der Mann eine depressive Zeit, weil er nicht mehr gebraucht wird, und steigt dann wieder auf, in die zweite schöpferische Phase mit Bauten zu den Weltausstellungen 1937 in Paris und 1939 in New York, schafft ganz moderne Architektur und modernes Design - eine enorme künstlerische Spanne. "Einer, der bis an die Grenze seiner Möglichkeiten gegangen ist. "Und so hat Dr. Kielstein mit van der Velde die dritte Säule. Ganz in diesem Sinne sieht er auch heute das Haus Schulenburg. Folgerichtig: "Wir haben alle so viel Hoffnung in die Wende gesetzt, und auf einmal gibt es solche lahmen und verzagten Zeiten. Deshalb sollten wir jetzt einfach die Initiative ergreifen."Tagesklinik, Kulturzentrum, kulturhistorisches Denkmal unter einem Dach. Viele erfolgreiche Schritte hat es schon gegeben. Mit der Tagesklinik tun sich die gesetzlichen Krankenkassen noch schwer, umso mehr Anerkennung finden Rekonstruktion des Hauses nach den strengen denkmalpflegerischen Vorstellungen und die Sammlung- und Ausstellungstätigkeit. Die Toreinfahrt wurde material- und detailgetreu im Originalzustand wieder hergestellt, ebenso das Pförtnerhaus, die Arbeiten am Haupthaus befinden sich im fortgeschrittenen Stadium. Dr. Kielstein wurde dafür im vergangenen Jahr mit dem Sonderpreis des "Bundespreises für Handwerk in der Denkmalpflege" durch Thüringens Ministerpräsident Dr. Vogel ausgezeichnet. Dieser würdigte bei der Gelegenheit das Haus Schulenburg als Denkmal von europäischer kulturhistorischer Bedeutung. Namhafte Ausstellungen hat Kielstein in das Haus gebracht, erinnert sei an "Japanische Kunst aus der Sammlung Georg Brühl", an "Henry van de Velde - Paul Schulenburg" sowie an die Piet-Stockmans-Ausstellung, die alle dazu beitrugen, den Ruf Geras als Kulturstadt zu festigen und bekannt zu machen. Alle Ausstellungen wurden in Zusammenarbeit der "Europäischen Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes e.V." organisiert, die von Frau Prof. Rita Kielstein geleitet wird. Die van de Velde-Schulenburg-Ausstellung war dabei zweifellos der Höhepunkt. Baupläne, Metallgestaltungen, Tür- und Fensterbeschläge, Tapeten, Stoffe, Teppiche, Farbgestaltungen, Möbel, Keramik aus dem Haus Schulenburg wurden gezeigt, aber auch eine Sammlung von Texten und Buchgestaltungen sowie Bücher über das Werk van de Veldes. Aus dem Besitz der Familie Schulenburg wurden Dokumente und Erinnerungsstücke zusammengetragen, ferner Informationen über die Fabrik Schulenburg und Bessler. "Zusammengetragen" darf man in vielen Fällen durchaus wörtlich nehmen. Das Ehepaar Kielstein hat recherchiert und gesammelt, mit Spürsinn und vielleicht auch mit etwas Glück. Darunter viele Originale, Unikate und andere Zeitzeugen, um die sie manches Museum beneiden dürfte. "Einfach die Initiative ergreifen" - so soll es weiter gehen. Der Garten wird umgestaltet und bis zur Bundesgartenschau grünen und blühen, das Haupthaus nicht nur Ausstellungs-, sondern auch Kommunikationszentrum werden…Aber heute schon in seiner schlichten Einmaligkeit ein Haus der offenen Türen, kein verstaubtes Museum, sondern beeindruckende Sammlung, Gastlichkeit, die man sprichwörtlich nehmen darf, wenn man den Besuch zum Beispiel in der Caféteria beschließt. Und alles das zu Ehren von Henry van de Velde, vielleicht einem der ersten wirklichen Europäer. Der Mann, der in Belgien, Frankreich, Holland, der Schweiz und Deutschland zu Hause war, gleichzeitig aber dort überall Ausländer. Aber unbestritten ist sein reiches Schaffen ein europäisches Werk, das schließlich auch in Gera eine Heimstatt hat.

( Reinhard Schubert, 20.12.2002 )

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