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Runde 100 Jahre Eis-Zeit - la de Bernardo

Seit dem letzten Sommer hört man zunehmend Dialekte aus verschiedenendeutschen Bundeslanden im italienischen Eiscafé auf der unteren "Sorge" bei de Bernardo. Eine überregionale Tageszeitung hatte deren Familien-Saga aufgegriffen, nachdem sich mit Luciano Petschauer ein Eiszauberer in 4. Generation international ins Gespräch brachte. Der Enkel der langjährigen Patronin Alma Magris de Bernardo eroberte mit Mandarinen-Eis seiner Art einen 4. Preis der UNIT (Verband italienischerEisdielen Europas) bei der 41. Mostra Internazionale del Gelato in Longarone bei Venedig. Seine Großmutter erhielt dort einen Spezialpreis. Doch noch interessanter fanden Deutschlands Zeitungsmacher das jetzt gerade 100-jährige Firmenschicksal und zeichneten kürzlich ihrerseit seinen Beitrag der Autorin Sigrun Matthiesen unter "Eiskalter Krieg -aber bitte mit Sahne" mit dem OstEnergie VEAG Journalisten-Preis (Schirmherr ist Bundestags-Präsident Wolfgang Thierse) aus. Ihre Geschichte, ihre Leben als ausländische Privatunternehmer in der DDR -Stoff, aus dem heute gute Artikel zu machen sind. Wo und wann beginnt aber die Story? Genau genommen 1902 mit Urgroßvater Antonio und eigentlich in Ludwigsburg. Oder für Lokalpatrioten besser mit jenem Umberto de Bernardo, der 1934 in Gera sein erstes eigenes Geschäft eröffnete, und dem damals die Großhändler kaum Kredit, sprich: Eier und Sahne auf Kommission geben wollten? Er muss ein guter Geschäftsmann gewesen sein, denn zehn Jahre später besaß er im Umland ein halbes Dutzend Filialentrotz der Unbill des Krieges. 1941 lernte er seine Alma kennen, die gerade erstmals in Deutschland ihren Bruder besuchte; eine flotte Liebe. Wohl nur eine Handvoll italienische Eiscafés gab es in der DDR. Doch fast büßte Gera seinen südländischen Eismeister ein. Dem passten die Verhältnisse der Nachkriegszeit im Osten kaum. Er wollte lieber mit einem einzigen Löffel in der Freiheit wieder anfangen, als zu bleiben, hatte schon einen Mietvertrag für einen Eissalon in Hann.-Münden, als ihn die Folgen einer nicht ausgeheilten Lungenentzündung ereilten. Nun von 1956 bis 1973 war Alma, die Verkäuferin, die Seele des Geschäftes. Sie fürchtete die Ungewißheit in einer unbekannten westdeutschen Stadt, blieb mit ihrer 10-jährigen Tochter Marisa und ertrug manch Folge und Anspielung auf italienische Wollpullover, Petticoats und Nahtstrümpfe...Besser vielleicht, nachdem der Bergmann Kurt Petschauer ihre temperamentvolle Marisa heiratete, auf "gelatiero" umsattelte und das Eislabor übernahm. Beide bewiesen organisatorisches Talent, als Bananen und Mandarinen knapp waren und es eher ans Eingemachte ging. Als man aber von den Petschauers verlangte, sie sollten aus dem Zentrum an den Stadtrand ziehen, erinnerte sich Marisa an die Maxime des Großvaters und stellte Anfang 1988 einen Ausreiseantrag. Sie fanden im fränkischen Kulmbach Unterschlupf. Kaum jedoch waren sie auf der Suche nach einem Eissalon in Nürnberg fündig, kam auch schon die Wende. Alles hin? Sie versuchten, in Gera wieder zu eröffnen. Doch verhinderten "ungeklärte Eigentumsverhältnisse", dass sie ihr altes Geschäft übernehmen konnten. Schließlich fanden sie 1994 ein Ladenlokal nur zehn Häuser entfernt am unteren Ende der Fußgängerzone. 200.000 Mark investierten sie allein ins Eislabor, und Ende September 1995 gelang die Wiedereröffnung. Heutzutage bereitet die Auslage mit gut zwei Dutzend Sorten Eis alleneine süße oder fruchtige Qual der Wahl. Der vorjährige Sommerschlager war rot-gelbes Pokemon-Milcheis. Und dann lässt sich ja noch phantasievoll in den Eisbechern zaubern, so etwa wie beim geheimnisvollaus blauem Wasser im Sockel dampfenden kühlen "Coppa Vulcano". Offiziell ist Luciano nun der Besitzer des Eiscafés; aber Signora Marisa steht fleißig hinter dem Tresen und schwatzt gern über alte und neue Zeiten, Signore Kurt wirbelt im Eislabor; und die italienische Bedienung plaudert und scherzt mit den Gästen. Also: Wer bestimmt Anfang oder Ende der Geschichte?

( Thomas Triemner, 15.03.2002 )

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