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Elf neue Stolpersteine gegen das Vergessen

Am 16. Dezember 1992 verlegte der in Berlin geborene Künstler Gunter Demnig den ersten Stolperstein in Form einer Gedenktafel vor dem historischen Rathaus in Köln. Das Datum wurde gewählt, weil der damalige SS-Chef Himmler am selben Tag, 50 Jahre zuvor, die Deportation von „Zigeunern“ in das Konzentrationslager Auschwitz befahl. Demnig, der sich damit in die Diskussion um das Bleiberecht der aus Jugoslawen geflohenen Roma beteiligen wollte, entwickelte daraus in den Folgejahren das Projekt der Stolpersteine. Anfang Januar 1995 verlegte er dann, ohne behördliche Genehmigung, die ersten Steine in Köln und auch die ersten Stolpersteine gegen das Vergessen der Verbrechen in der NS-Diktatur in Berlin, verlegte er 1996 erst einmal ohne Genehmigung. Seine Aktion blieb nicht unbemerkt und so meldeten sich immer mehr Städte und Gemeinden, welche die Aktion unterstützten und Hinweise zu Personen gaben, die während der NS-Zeit im jeweiligen Ort lebten und durch das damalige Regime denunziert, vertrieben und im schlimmsten Fall ermordet wurden. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist und genauso ist es mit dem Regime der Nazis. Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die über die unmenschlichen Verbrechen berichten können. Auch die Erinnerung an die einzelnen Personen verschwimmt und hingegen allem, was passiert ist, zeigt sich jetzt wieder, wie wichtig es ist, dass wir den Menschen gedenken und an die unzähligen Verbrechen erinnern“, so Gunter Demnig bei der Verlegung weiterer Stolpersteine in Gera.

Mittlerweile wurden europaweit über 75.000 Stolpersteine verlegt. Hilfe bekommen Demnig und seine Unterstützer dabei von Archiven und Geschichtsvereinen sowie von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, die über ihre Recherche auf Schicksale einzelner Menschen, Familien oder Gruppen stoßen, weitere Informationen sammeln und einen Antrag zur Verlegung stellen. In Gera übernehmen Matthias Weibrecht, der Interkulturelle Verein und viele andere Mitstreiter diese Arbeit. Gemeinsam forschen sie nach Schicksalen jüdischer Opfer in Gera und Umgebung. Durch dieses Engagement konnte 2008 der erste Stolperstein in Gera verlegt werden, dem bis November diesen Jahres 81 weitere folgten. Doch bei Millionen jüdischer Opfer sieht man sich mit dem Projekt noch lange nicht am Ende und auch in Gera gibt es noch zahlreiche Opfer des Nationalsozialismus, an die erinnert werden muss.

So kamen jetzt, zu den bisher verlegten Stolpersteinen, elf neue hinzu. Der erste wurde am Nicolaiberg 6, dem Eingang zum Gymnasium verlegt und erinnert fortan an Studienrat Dr. phil. Walter Spiegel. Der Pädagoge lebte mit Ehefrau und seiner Mutter bis 1928 in Gera und lehrte an der Geraer Mittelschule am Nicolaiberg. Durch seine Vorfahren war er von den Rassegesetzen betroffen. Von anderen Lehrern denunziert, verlor er 1933 seine Anstellung, bekam Berufsverbot und wurde mit erst 47 Jahren in den Ruhestand versetzt. Er verarmte, wurde ausgebürgert und landete 1938 in Buchenwald. Von hier aus gelang ihm später die Flucht in die USA.

Auch Familie Sommerfeld, für die am ehemaligen Wohnort in der Hußstraße 12 zwei weitere Stolpersteine verlegt wurden, bekamen durch ihre jüdische Abstammung Probleme. Ruth Sommerfeld kam 1927 zur Welt und wurde 1938 in der Polenaktion ausgebürgert. Kurz vor Kriegsausbruch entkam die Elfjährige im August 1939 ihren Verfolgern auf spektakuläre Weise mit einem Kindertransport nach England. Trotz der Kindheitserlebnisse meisterte sie ihr späteres Leben, wurde Pädagogin und arbeitete bis zu ihrem Tod 2006 als Co-Direktorin in einer Schule in London. Ihre Mutter, Witwe Paula Sommerfeld, sah sie leider nicht wieder, denn sie kam an einem unbekannten Tag 1941 im Ghetto Wilna ums Leben.

Nicht weit entfernt von Familie Sommerfeld wohnte zur gleichen Zeit die ostjüdische Familie von David und Klara Wernik. Gemeinsam mit ihren beiden Kindern Max und Charlotte lebten sie in der Bauvereinsstraße 12. Auch hier wurden in Gedenken vier Stolpersteine verlegt, denn alle wurden in der Polenaktion 1938 ausgewiesen, obwohl Gera bereits seit 20 Jahren ihre Heimat war. Das folgende Martyrium überlebte nur Sohn Max, der damals nach Russland floh, Soldat der Roten Armee wurde und 1945 nochmals kurze Zeit in Gera verbrachte. Sein Vater David wurde 1942 in Auschwitz ermordet und auch seine Mutter und Schwester kamen 1942 ums Leben.

Letzter Ort der zehnten Stoplpersteinverlegung war die Berliner Straße 136. Vor dem heutigen Gelände von Schuh Petters wurden ebenfalls vier Steine eingebettet, um hier zder Familie Derbuel zu gedenken. In der Familie waren Großmutter, Mutter und Tochter Juden. Der Katholik Victor Derbuel war Fahrzeugingenieur und baute sich in Gera eine Autokompressoren-Fabrik auf. Da es sich um eine sogenannte Mischehe handelte, blieb die Familie bis zum Herbst 1944 verschont. Als die Frauen nach Theresienstadt deportiert werden sollten, tauchten sie mit Hilfe mutiger Mitbürger bis zum Kriegsende unter. Victor, der immer hinter seiner Familie stand, kam in ein Arbeitslager, welches er überlebte. Nach Kriegsende entschied sich die Familie für einen Neuanfang in Frankreich. Später folgte die Ausreise in die USA.

Drei weitere Stolpersteine folgten einen Tag später – erstmals in Ronneburg. Maria Hirschberg und ihre beiden getauften Söhne traf ein hartes Schicksal. Während ihre Mutter unter dem Druck der Zwangssterilisation mit eigener Hand in den Tod flüchtete, wurde Rudolf, der ältere Sohn, in Auschwitz umgebracht. Sohn Ferdinand kam in ein Arbeitslager, überlebte dieses bis zum Kriegsende und verließ Ronneburg 1945.

Wer mehr zum Projekt, den Orten in ganz Europa und zu den Stolpersteinen und deren Geschichte in Gera erfahren möchte, kann sich unter www.stolpersteine.eu und unter www.stolpersteine-gera.de informieren. Zudem freuen sich Matthias Weibrecht und der Interkulturelle Verein stets über Spenden, um weitere Stolpersteine gegen das Vergessen in Gera verlegen zu können. 

( Lars Werner, 11.12.2019 )

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