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Gestrauchelte in Geras sicherem Gewahrsam

Ihr Gefängnis, pardon: ihre Justizvollzugsanstalt, sieht so gar nicht wie ein Knastgebäude aus. Wie kommt’s? Aus den wenigen Unterlagen, über die wir verfügen, ist ersichtlich, dass das Gebäude bereits 1886 als Bürgerliches Brauhaus genutzt wurde. Es ist ein typischer Klinkerbau. Bis 1920 ist hier Bier gebraut worden. Mitte der 50er Jahre wurde das Gebäude zu einer Untersuchungshaftanstalt umgebaut. Anfang der 90er Jahre entsprach diese nicht mehr den bundesdeutschen Anforderungen. Also antike Hülle. Doch wie’s da drinnen aussieht, geht niemanden was an. Oder? Innen geht es modern zu. Wir haben die Anstalt von 1992 bis 1999 grundlegend saniert, also die Hafträume (früher sagte man: die Zellen), die Aufenthaltsräume, die Sanitäranlagen und die Sicherheitstechnik (z. B. ausbruchssichere Gitter und Video-Überwachung) auf den neuesten Stand gebracht, die Fassade erneuert, die Außenmauern sicherer gestaltet. Natürlich wurden auch die Büros modernisiert und die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter verbessert. Insgesamt wurden rund 17 Millionen Mark aufgewendet. Das ist allerdings entschieden billiger als ein Neubau, der gut und gerne das Mehrfache gekostet hätte. Unsere Anstalt entspricht nun den hohen Anforderungen des modernen Strafvollzugs. Wer betreut die Gestrauchelten? Unsere Anstalt ist auf maximal 166 Gefangene ausgelegt, die von 83 Beamten des Mittleren Allgemeinen Vollzugsdienstes betreut werden. Die Kollegen haben eine zweijährige Ausbildung mit Laufbahnprüfung hinter sich. Sie sind Fachleute des Wach- und Aufsichtsdienstes. Zugleich beschäftigen wir mehrere Beamte für den sozialen und psychologischen Dienst. Ziel ist, die Gestrauchelten schon hier zu resozialisieren und auf ihre Entlassung vorzubereiten, damit sie künftig ihr Leben gestalten, ohne straffällig zu werden. Sicher wie in Abrahams Schoß - so bezeichnen Sie Ihr Haus. Wieviel Knastbrüder sind dennoch seit der Umgestaltung in den letzten zweieinhalb Jahren stiften gegangen?Toi, toi, toi hatten wir bisher keinen vollendeten Ausbruch. Allerdings gab es einige wenige Inhaftierte, die die sogenannten Lockerungsmaßnahmen (z. B. Urlaub oder Ausgang) mißbrauchen wollten. Dennoch glauben wir, zu den sichersten Anstalten in Thüringen zu gehören. Das ist auch insofern bedeutsam, weil wir überwiegend Untersuchungsgefangene einsitzen haben, deren Hiersein höchstem Sicherheitsstandard entsprechen muß. Irgendwann war ja jeder Schwerstkriminelle mal Untersuchungsgefangener. Was sind das für Leute, die bei Ihnen gratis Kost und Logis erhalten?Bei uns sitzen im Prinzip nur Männer ein, lediglich vorübergehend und kurzzeitig haben wir auch einige wenige Frauen "zu Gast". Vertreten sind Straftäter jeder Coleur, vom Ladendieb bis zum Brandstifter und Mörder. Die Aufenthaltsdauer für Untersuchungsgefangene beträgt maximal ein Jahr. Nach gerichtlicher Verurteilung wird der Gefangene in eine für ihn zuständige thüringische Justizvollzugsanstalt überführt. Gefangene, deren Strafmaß sechs Monate nicht übersteigt, sitzen ihre Strafe hier im Hause ab. Hartnäckige Gerüchte besagen, den Knackis gehe es zu gut hinter schwedischen Gardinen. Stimmt das?Das stimmt nicht. Der geschlossene Vollzug ist kein Kuraufenthalt. So sind die meisten Gefangenen bis zu 23 Stunden täglich "unter Verschluß" und haben demzufolge oft nur eine Stunde Hofgang. Allerdings gibt es ein angemessenes Freizeitangebot mit gemeinschaftlichem Fernsehen, mit Billard, Kraftsport, Tischtennis und Bibliothek. Lockerungsberechtigte, also rechtskräftig verurteilte und geeignete Gefangene, haben die Möglichkeit, außerhalb der Haftanstalt am Gruppenausgang (z. B. zu Sportveranstaltungen oder zu einem Museumsbesuch) teilzunehmen. In der Regel einmal im Monat bieten wir Vorträge zu praktischen Alltagsproblemen an (z. B. Schuldnerberatung oder zu Gesundheitsfragen). Diese Veranstaltungen bestreiten überwiegend ehrenamtliche Vollzugshelfer, Mitarbeiter des Sozialamtes und des Vereins der Bewährungs- und Straffälligenhilfe. Humaner Vollzug heißt natürlich auch ansprechende Verpflegung und regelmäßige ärztliche Betreuung. Zu letzterer steht ein spezieller Anstaltsarzt zur Verfügung. Was machen Sie, wenn ein Gefangener bösartig stänkert? Solche Renitenten gibt es tatsächlich, also Gefangene, die sich zeitweilig aggressiv und ungesteuert verhalten. Wir bringen sie kurzzeitig in einen sog. vandalensicheren Raum. Außerdem erfolgt psychologische Betreuung durch einen entsprechenden Fachdienst. Manchmal sind diese Maßnahmen auch zum Schutz des eigenen Lebens für den Gefangenen (z. B. wegen Suizidgefahr) erforderlich. Und das Gegenteil: Gibt’s vorzeitige Entlassung bei guter Führung? Ja, das ist möglich. Bei guter Führung und günstiger Sozialprognose kann der Gefangene nach zwei Dritteln der Strafverbüßung entlassen werden. Der Rest der Strafe wird auf Bewährung ausgesetzt. Wie sind die Besuchszeiten für Angehörige geregelt? Wir haben für die Angehörigen täglich Besuchszeit. Jedem Gefangenen wird monatlich eine Stunde Besuch der Angehörigen ermöglicht. Das wird in der Regel auch genutzt. Was waren Sie, bevor Sie sich mit dem zungenbrecherischen Titel "Justizvollzugsamtsrat" schmücken konnten?Ich bin gebürtiger Weimarer, Jahrgang 1952, habe eine Fachhochschule absolviert und einen Abschluß als Staatswissenschaftler. Seit 1987 arbeite ich in leitender Stellung im Vollzug. 1992 wurde ich Leiter der JVA Gera. Mein Titel ist nun mal eine amtliche Bezeichnung. Aber was ist das schon gegen die österreichische Titulierungswut, bei der Beamte sich wahre Titel-Ungetüme zugelegt haben, vielleicht "Oberpostministerialsekretärsanwärter" oder so ähnlich.

( Das Gespräch führte Harald Baumann, 15.02.2002 )

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