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„Mit HIV komm‘ ich klar. Mit Ablehnung nicht“

Ein junger, gut aussehender Mann schaut mich dieser Tage an und hält ein Plakat in die Luft, mit der Aufschrift: „Gegen HIV habe ich Medikamente. Gegen dumme Sprüche nicht”. Ich laufe weiter und fange an nachzudenken. Etwas weiter hinten kommt mir eine ältere Frau entgegen. Sie sagt mir: „Mit HIV komm‘ ich klar. Mit Ablehnung nicht.” Es rattert. An anderer Stelle kann ich den Mann hinter dem Plakat nicht erkennen. „Mit HIV kann ich leben. Mit dem ewigen Verstecken nicht”, ist seine Aussage.

Stimmt, wir haben Mitte November und am 1. Dezember ist der Welt-Aids-Tag. Doch nicht nur dieser eine Tag soll diese Krankheit ins Bewusstsein der Menschen rücken. Jeder, der sich im geschlechtsreifen Alter befindet, sollte die Tücken dieser Krankheit kennen und einschätzen können. 

Doch vielmehr beschäftigt mich die Frage: Würde ich diese Menschen ansprechen, ihnen die Hand geben, mit ihnen essen?

Es sind nur Plakate, die an den Litfasssäulen prangen und uns „Gesunde” erinnern und mahnen sollen. Aber die Frage bleibt dennoch im Raum: Würde ich?  

Ich kenne niemanden, zumindest weiß ich es von niemanden. Und das ist erschreckend – Nicht der Fakt, natürlich nicht, sondern das HIV und AIDS zunehmend aus der öffentlichen und privaten Wahrnehmung verschwinden, gleichzeitig aber die Schwelle sich mitzuteilen derer, die betroffen sind, immer höher wird. Nur wenn der 1. Dezember näher rückt, sprechen die Medien darüber, ob es auch die Gesellschaft, der einzelne Betroffene, macht? Kann er, der mit dieser Krankheit leben muss, gemeinsam mit uns leben? Allerorts ist von Integration, gar Inklusion die Rede, doch jene, die teilhaben sollen, sind außerhalb dieses Kreises. Denn irrwitziger Weise sind es ja jene „Normale” die Integration definieren.

„Wir wollen mit der diesjährigen Kampagne zum Welt-AIDS-Tag Solidarität fördern und Mut machen. Den Mut, aufeinander zuzugehen, über Ängste zu sprechen, dazuzulernen”, ist es nicht nur der Wunsch von Britta Gerlach von der Aidsberatung Gera.  

Seit 1993 ist sie im Gesundheitsamt der Stadt Gera tätig. Sie ist Ansprechpartner, Vertraute und Hilfesuchende. „Rund 600 Menschen jeden Alters kommen im Jahr zu mir. Sie wollen Beratung oder einen anonymen Test”, erklärt sie. Britta Gerlachs Arbeit ist bei weitem wichtiger und notwendiger als diese Zahlen ausdrücken können.

Sie kommen zu ihr, nachdem sie ungeschützten Geschlechtsverkehr hatten. Doch zuvor beginnt die eigene Zitterpartie zu Hause. Sechs Wochen Wartezeit gilt es hinter sich zu bringen, bevor ein Test mit einem aussagekräftigen Ergebnis durchgeführt werden kann. Der Gang in die Gagarinstraße, der Puls steigt je mehr Stufen man steigt. Angekommen in der zweiten Etage, schlägt das Herz bis zum Anschlag.     Dann nimmt Britta Gerlach das Blut ab und schickt es ins Labor. Ein zweiter Termin in der Gagarinstraße ist unumgänglich, an diesem Tag erfährt der Getestete sein Ergebnis. Ist es negativ, rutscht das Herz tief in die Hose zurück. Ist es positiv...ein unvorstellbares Gefühl. „Wenn ich jemanden ein positives Ergebnis mitteilen muss, dann kann ich die ganze Nacht davor nicht schlafen”, gesteht Britta Gerlach, die seit mehr als 20 Jahren diese Tätigkeit ausübt. Es ist eben keine reine Schreibtischarbeit. Hinter den Testergebnissen verbergen sich Menschen, die eine Geschichte schreiben. „Wenn sie das wünschen, bin ich für sie da und vermittle sie an die zuständigen weiterführenden Stellen, u.a. die Schwerpunktpraxis in Jena. Mit dieser arbeiten wir seit Jahren sehr gut zusammen. Wer das will, mit dem halte ich regelmäßig Kontakt. Ich stelle dies natürlich frei, jeder entscheidet für sich selbst, inwiefern er meine Unterstützung in Anspruch nimmt”, erklärt sie.    

Unterstützung hat Britta Gerlach, die fast ausschließlich Alleinkämpferin ist, aktuell in Tobias Kielies. Er ist angehender Verwaltungsfachangestellter der Stadt Gera. Drei Wochen hospitiert er jetzt in der Aidsberatung. Er ist 17 Jahre jung. Er beschreibt sich selbst als typischen Jugendlichen. „Ich bin ziemlich gelassen, treibe mich gerne und lange mit meinem Freunden draußen rum und gehe gerne auf Parties. Ich versuche einfach jeden Tag zu genießen. Eigentlich ist mein Leben perfekt. Ich denke nicht an morgen und schon gar nicht an ein ‚was könnte passieren‘. Erst jetzt beschäftige ich mich zunehmend mit dem Thema HIV und AIDS. Ja, klar, wir hatten es auch in der Schule aber damals war es nicht so prägend wie jetzt. Ich bemerke erst jetzt so richtig, dass die Welt, in der ich lebe und die Welt, die mich nicht betrifft, ein und dieselbe ist. Denn sind wir doch einmal ehrlich, eine Unachtsamkeit reicht aus und ich lebe zwar dann immer noch in der gleichen Welt, aber auf der anderen Seite.”

Am Donnerstag, 1. Dezember, ist Welt-AIDS-Tag. In Deutschland leben etwa 85.000 Menschen mit HIV. Dank Medikamenten kann man heute in der Regel mit HIV gut leben, aber nicht mit Diskriminierung, die leider noch immer vorkommt. Britta Gerlach wird gemeinsam mit dem Azubi Tobias Kielies und dessen Klasse am Donnerstag kommende Woche ab 10 Uhr auf dem Weihnachtsmarkt präsent sein, um Schleifen zu verteilen, Spenden für ein ausgewähltes Hilfsprogramm der Deutschen Aidsstiftung zu sammeln und Aids wieder ins Bewusstsein der Menschen zu rücken und Denkanstöße geben, über das eigene Schutzverhalten nachzudenken. 

( Fanny Zölsmann, 26.11.2016 )

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