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Zwei Geraer erleben den Brexit

Es ist der Wunsch der Mehrheit der britischen Staatsbürger, die ihren Wohnsitz auf der Insel haben, aus der EU auszutreten. Das Vereinigte Königreich tritt 1973 der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bei, zwei Jahre später folgte ein EWG-Mitgliedschaftsreferendum, 67 Prozent der Wähler stimmten für einen Verbleib in der EWG. In den folgenden Jahren entwickelte sich die EWG zur Europäischen Gemeinschaft und später dann zur Europäischen Union.

2016, 41 Jahre nach dem EWG-Mitgliedschaftsreferendum, stimmten nun mit knapper Mehrheit (51,9 Prozent) die Briten gegen eine weitere Mitgliedschaft in der EU. Der eigentliche Austrittsprozess wird gemäß Art. 50 des Vertrags über die Europäische Union durch die Mitteilung der britischen Regierung an den Europäischen Rat rechtlich wirksam in die Wege geleitet. Die Mitteilung ist bisher noch nicht erfolgt. Seit 11 Jahren lebt der Geraer Tobias Fett auf der Insel. Nachdem er das Abitur am Goethe-Gymnasium absolviert hat, entschloss er sich eine Auszeit und Findungsphase zu nehmen. Dass daraus mehr wurde, ahnte auch er damals noch nicht. „Ich wollte erst einmal raus und andere Luft schnuppern. Nach zwei Jahren kam ich das erste Mal nach Gera zurück. Schnell wurde mir klar, dass meine eigetliche Heimat nun England ist”, erinnert er sich an seinen Entschluss zurück, seiner Heimat erneut den Rücken zu kehren. Heute lebt er in Oxford, hat Stadtplanung studiert und arbeitet in der dortigen Stadtverwaltung. Klar erlebte er den Brexit hautnah mit, doch mitentscheiden durfte er nicht. „Nur Bürger mit einem Pass und überwiegend wohnhaft in Großbritannien durften am Abstimmungsverfahren teilnehmen”, erklärt er, dass er zwar seine Stimme nicht abgeben konnte aber dennoch eine Meinung hat. „Vor dem Referendum wusste niemand, was passieren wird, mit dem Referendum wissen nun alle, dass vorerst nichts passiert. Niemand weiß, ob wir tatsächlich aussteigen wollen und werden. Die Regierung muss erst den Artikel 50 ins Rollen bringen. Viele dachten, wenn sie ‚Ja‘ zum Austritt sagen, dass sie übermorgen aus der EU raus sind. Niemand kannte den Artikel 50”, spiegelt der junge Mann das Geschehen wider.

Es muss natürlich davon ausgegangen werden, dass die Verantwortlichen und Verfechter des Brexit die Konsequenzen und Regeln kannten.

Weder vor noch nach dem Referendum wurden für den Bürger offensichtliche Vorkehrungen getroffen. „Cameron hatte nicht damit gerechnet, dass die Entscheidung so fällt, wie sie gefallen ist, daher hat auch er keine Vorbereitungen getroffen, einzig allein die Bank von England.”

Nach dem Referendum trat Premierminister David Cameron von seinem Amt zurück. Vier Kandidaten standen zur Auswahl, das Rennen machte Theresa May, ebenfalls aus den Reihen der Konservativen. Trotz neuem Kabinett mit Widersacher Boris Johnson als Außenminister wird May dieses Jahr den Artikel 50 nicht meht ziehen. „Es wird bis zu zwei Jahre dauern, bis wir tatsächlich ausgetreten sein werden. Doch welche Bedeutung das für uns haben wird, weiß wohl auch niemand”, ist sich Tobias Fett sicher.

Nachdem er 13 Jahren lang Land und Leute kennengelernt hat, ist er sich sicher, dass es nicht der hohe Migrationsanteil ist, warum die Bürger sich für einen Austritt entschieden haben. „Ja, zum einen haben sie sich gegen einen weiteren Zulauf osteuropäischer Bürger entschieden, aber zum anderen wollen die Bürger ‚back the control‘ (die Kontrolle zurück). London und Oxford haben sich für eine Verbleib in der EU entscheiden, ausschlaggebend waren die ländlichen Regionen in England. Dort gibt es kaum Migranten, sie leben in den Metropolen. Auf dem Land ist es die Arbeitslosigkeit, welche die Entscheiedung dominiert hat. Sie haben das Vertrauen in die Regierung verloren und wollten mit dem Referendum ihre Kontrolle zurückerobern.”

Auch die junge Mutter Jenny Behnke, hatte nicht mit diesem Ergebnis gerechnet. Sie ging mit 24 Jahren nach London, um die englische Sprache zu vertiefen. Geblieben ist sie aufgrund der Möglichkeiten, der beruflichen Perspektiven und schlussendlich wegen der Liebe. Verheiratet mit einem Deutschen, der ebenfalls vor Jahren nach England auswanderte, lebt sie heute, zehn Jahre später, in der Peripherie Londons in einem Reihenhäuschen und hat eine Tochter, die sowohl den deutschen als aus den englischen Pass besitzt. Jährlich besuchen sie mindestens zwei Mal ihre Familien in Deutschland. Wie die Ein- und Ausreise bei einem möglichen Austritt aussehen wird, ist fraglich. „Es kann durchaus sein, dass so wie wir derzeit einfach die Grenzen sowohl mit Flugzeug als auch mit Auto passieren, es nicht mehr möglich sein wird. Vielleicht bedarf es irgendwann wieder eines Visums”, vermutet Jenny Behnke.

Auch wenn vieles einfach noch unklar ist und sowohl Steuermann als auch Passagiere noch im Dunkeln tappen, ist allen eines sicher. Es wird auf jeden Fall alles teurer. Und ob es sich am Ende lohnt und wer die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat, weiß am Ende vielleicht nur das Milchmädchen.

Bei einem können sich Tobias Fett und Jenny Behnke samt ihrer Familie sicher sein, sie müssen nicht die Koffer packen. „Wenn man durchgehend mehr als fünf Jahre hier gelebt und gearbeitet hat, besitzt man andere Rechte”, weiß Jenny Behnke. Wie es um andere Einwanderer steht, die kürzer auf der Insel leben oder nicht zum Bruttosozialprodukt beigetragen haben, wird sich wohl erst im Laufe der nächsten zwei Jahre zeigen, wenn die britische Regierung denn Artikel 50 in Kraft setzt.

( Fanny Zölsmann, 03.09.2016 )

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