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„Für alles gibt es ein Papier”

Schon immer beherrschten Konflikte unsere Welt. In den letzten Jahrzehnten waren diese jedoch weit weg. Doch sie kommen näher. Sie sind bereits hier. Ursache ist nicht der einzelne Mensch, sondern die Gesellschaft, die Politik, der Kapitalismus. Doch das alles ist nicht greifbar und damit auch nicht haftbar. Es muss ein fassbarer Prellbock her. Gefunden im Flüchtling, geht das große Messerwetzen los.

Letztes Jahr kam er – der Flüchtling – ja, auch im großen Stil nach Deutschland. Viele schwarze Schafe haben diese Chance natürlich genutzt. Doch noch immer ist der größte Teil vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Tod geflohen und sucht einen neuen Ort, an dem er sicher leben kann und leben lässt. Nachdem er das neue Ufer erreicht hat, steht nun die nächste Herausforderung an. Man nennt es Integration. Doch was tun die Einwanderer selbst für ihre Integration und wie werden sie dabei von uns unterstützt? Dass es für alle Seiten schwer ist, stellt keiner in Frage. Doch der durchaus stark angestiegene Alltagsrassismus verhärtet die Seiten und so wird es für alle Beteiligten schwieriger die Aufgabe der Integration zu lösen. Gemerkt hat das auch Hussein al Assaad.

Der 24Jährige floh im vergangenen Jahr aus seiner Heimatstadt Idleb in Syrien. Zwei Monate war er zu Fuß, mit dem Taxi oder mit dem Bus von Syrien über die Türkei aus nach Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich unterwegs. „Töten oder Sterben waren meine Möglichkeiten“, erklärt Hussein al Assaad, warum er geflohen ist. Jetzt ist er seit fast einem Jahr in Deutschland und hält eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre in den Händen. Natürlich hofft auch er, wie die meisten seiner Landsleute, dass der Krieg bald endet. „Vielleicht ist der Krieg morgen vorbei, vielleicht erst in fünf Jahren. Niemand weiß, was passiert. Ich möchte zurückkehren und beim Wiederaufbau helfen, aber niemand weiß, wie lange das noch dauern wird und vielleicht habe ich mir dann hier auch schon ein neues Leben aufgebaut. Vielleicht muss ich gehen, vielleicht darf ich bleiben. Ich weiß nicht, was morgen passiert“, merkt man dem jungen Syrer an, dass ihm trotz Bleibeperspektive die Perspektive fehlt.

Eins weiß er jedoch schon jetzt: Rumsitzen und Abwarten soll nicht seinen Alltag bestimmen. So hat er bereits einen ersten Sprachkurs besucht, sich an Hochschulen nach Möglichkeiten informiert, sein in Syrien begonnenes Studium fortsetzen oder neu beginnen zu können, arbeitet derzeit Teilzeit in einem Schnellrestaurant und bemüht sich um einen weiterführenden, berufsqualifizierenden Sprachkurs. Doch genau hier kommt Deutschlands Bürokratie ins Spiel. Um den Deutschunterricht finanziert zu bekommen, muss er laut Jobcenter entweder arbeitssuchend (ohne Leistungsbezug) oder arbeitslos gemeldet sein. „Grundsätzlich werden weiterführende (nach dem Integrationskurs) berufsbezogene Sprachkurse aus Mitteln des ESF über das BAMF gefördert. Die Teilnahme am Sprachkurs ist auch möglich, wenn jemand einer versicherungspflichtigen Arbeit nachgeht. Die Förderung kann hier sogar voll übernommen werden, wenn beispielsweise noch Leistungen nach dem SGB II oder III (Hartz IV oder Arbeitslosengeld) erhält. So er nicht mehr bedürftig ist, ist eine Zuzahlung erforderlich. Wichtig ist in dem Zusammenhang aber, dass die Teilnahme an dem Sprachkurs Priorität hat. Es ist also sehr ratsam in Absprache mit dem Träger, der Arbeitsagentur/Jobcenter und Arbeitgeber eine Lösung zu suchen, so dass der Erfolg der Teilnahme nicht in Gefahr gerät, also die Zahl der vorgesehenen Unterrichtsstunden auch voll genutzt werden“, erklärt Carsten Rebenack von der Arbeitsagentur Gera-Altenburg, dass der 30stündige wöchentliche Sprachkurs als Vollzeit bewertet und dadurch die Aufnahme einer Teilzeitstelle faktisch ausgeschlossen wird.

Es scheint eine Art Mutprobe zu sein: Wer in Deutschland leben möchte, muss bürokratische Hürden überwinden können. „Neben der Sprache habe ich schnell gelernt, dass es in Deutschland für alles ein Papier gibt. Egal was man tun will, man benötigt immer irgendeinen Zettel. Diese verstehe ich natürlich nur sehr schwer, wegen der Sprache und weil es das bei uns nicht gibt. Aber es beruhigt mich, dass einige Papiere auch für den Deutschen schwer zu verstehen sind“, schmunzelt der Syrer nachdenklich. Denn so erweist sich eben alles etwas schwieriger, als er es gewohnt war. In Idleb hat er bereits seit drei Jahren Wirtschaft studiert, einfach fortsetzen ist nicht. „Ich brauche Zeugnisse und Nachweise, beides habe ich nicht. Die Uni in Idleb gibt es nicht mehr.“ Wie es hier weitergeht, steht noch in den Sternen, wobei es aber bereits wenige Hochschulen gibt, die mit den Flüchtlingen Tests machen, um die Studierfähigkeit und Plausibilität des Lebenslaufes zu prüfen.

Doch zur Integration gehört mehr als nur Sprache und Beruf. Wichtig ist auch das Miteinander im alltäglichen Leben. Hier hat der junge Syrier unterschiedliche Erfahrungen gemacht. So gibt es viele hilfsbereite Menschen, die zur Seite stehen, wenn er fragt. Aber natürlich hat auch er schon schlechte Erfahrungen gemacht. So wurde er mit Glasflaschen beworfen, musste sich einige verbale Attacken gefallen lassen und spürt bei so manchem, die Abneigung schon beim Betreten des Raumes. „Ich kann die Menschen verstehen, wir kommen in ihr Land, nehmen ihr Geld, ihre Sicherheiten. Doch die meisten von uns, können nichts für das, was gerade passiert. Vor 70 Jahren haben die Deutschen ähnliches erlebt. Auch sie mussten fliehen. Wir alle sind Menschen und sollten uns helfen“, hofft Hussein al Assaad auf gegenseitig mehr Verständnis. „Ja, die Abneigung mancher Menschen spüre ich auch und das, obwohl ich schon seit 1994 hier bin“, erzählt Cihan Basaran, der neue Chef von Hussein al Assaad, der selbst aus der Türkei stammt. Er ist seit mehr als zwei Jahrzehnten mit einem türkischen Restaurant in Langenberg selbstständig und hat mit Hussein sieben Angestellte. Ihm ist egal, woher jemand kommt, er muss nur zupacken und arbeiten können, darauf legt Basaran wert. Bei Hussein passt das und deshalb hat er ihn auch sofort eingestellt. Außerdem findet er es gut, dass jemand schnell arbeiten will, um sein Leben selbst zu finanzieren. „Ich verstehe die Deutschen, wenn Menschen herkommen und sich in der sozialen Hängematte ausruhen wollen. Aber es gibt überall solche und solche. Das kann man nicht pauschalisieren“, erklärt Basaran weiter. Doch auch ihm machen die Anschläge in Europa Angst. „Die Abneigung gegen uns ist größer geworden“, gibt er dabei zu bedenken und ist sichtlich besorgt. Auch mit der Politik in seinem Heimatland ist er nicht zufrieden, denn diese schürt Angst und Gewalt. Wenn es nach Cihan Basaran ginge, würden alle aufeinander zugehen, einander zuhören und gegenseitig die Ängste ernst nehmen, denn nur gemeinsam und ohne Waffen seien Lösungen möglich.

Doch nicht nur Flüchtlinge und Anwohner sind bei der Integration wichtig, sondern auch die jeweiligen Länder und Gemeinden können mit Angeboten einen Beitrag leisten, so dass ein aufeinander zugehen und verstehen gefördert wird. „Integration ist zunächst einmal ein Prozess und braucht Zeit, um eine gleichberechtigte Teilhabe auf allen Ebenen zu ermöglichen. Dafür setzt sich die Stadt im Rahmen ihrer Handlungsspielräume ein. Spracherwerb bleibt weiter die Schlüsselrolle für einen erfolgreichen Start im Aufnahmeland. Er ist der Ausgangspunkt für Qualifikation und Beruf. Nach den ersten Monaten gewinnt nun aber auch immer mehr die soziale Integration an Bedeutung. Hier geht es vor allem um Freizeitaktivitäten und den Aufbau von Nachbarschaftsbeziehungen. Letztendlich geht es darum sich mit dem neuen Lebensumfeld zu identifizieren. Wichtige Stützen der sozialen Integration sind Offenheit, Begegnung und Dialog zwischen Einheimischen und Geflüchteten in unserer Stadt, denn Integration funktioniert am besten, wenn sie als beidseitiger Prozess verstanden wird“, erklärt Nicole Landmann, die Migrations- und Integrationsbeauftragte der Stadt Gera dazu. Auch Hussein al Assaad weiß, dass man Europa vor eine große Aufgabe gestellt hat, die aber bei einem besseren Miteinander bewältigt werden kann. 

( Von Lars Werner und Fanny Zölsmann, 12.08.2016 )

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