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Integration heißt: Geben und Nehmen

„95 Prozent derjenigen, die herkommen sind Analphabeten.” „Sie nehmen uns unsere Arbeit weg.” „Sie leben auf unseren Kosten.” „Sie bevölkern unsere Städte und berauben uns unserer Kultur.”

„Sie werden den demografischen Wandel stabilisieren.” „Sie bereichern mit ihrem Wissen.” „Sie tun uns gut.” „Sie wollen ihren Beitrag an der Gesellschaft leisten.”

Nichts spaltet die Massen gerade mehr, als die noch immerwährende Debatte um die aktuelle Flüchtlingssituation. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) sind weltweit knapp 60 Millionen Menschen auf der Flucht – so viele wie nie zuvor. Die Gründe für die Flucht aus der eigenen Heimat, von Zuhause, oft auch von der Familie, sind immer existentielle Nöte und Angst. „Ungefähr 1,1 Millionen Geflüchtete sind 2015 in Deutschland angekommen. Laut Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge wurden 2015 in Deutschland insgesamt 476.649 Asylanträge gestellt, 13.455 davon in Thüringen”, schreibt die Friedrich-Ebert-Stiftung.

In Gera sind 2015 mehr als 900 Menschen angekommen, jene nicht mitgezählt, die in beiden Erstaufnahmestellen untergebracht sind. Die Flüchtlingssituation stellt Gera vor Herausforderungen in der Arbeitsmarkt-, Wohn- und Sozialpolitik. „Es muss unser Ziel sein, den Bürger gleich welcher Herkunft mit seinen Fähigkeit am Leben im höchsten Maß teilhaben zu lassen. Wir betrachten es ganzheitlich”, bringt es Sozialdezernentin Sandra Schöneich auf den Punkt. Das im vergangenen Jahr von Sandra Schöneich gründete Behördennetzwerk, an dem das Schulamt, das Jobcenter, die Agentur für Arbeit, Fachdienste der Stadt und die Polizei teilnehmen, soll der besseren Abstimmung dienen. „Wir sind gut aufgestellt. Wir wollen es schaffen, dass Familien hier bleiben. Die Kinder sollen in unsere Schulen gehen, die Eltern eine Arbeit finden. Dafür ist dieses Netzwerk wichtig, dass wir eng verzahnt miteinander arbeiten und so die Integration aller Beteiligten auf den Weg bringen. Doch Integration bleibt eine mühevolle Kleinstarbeit”, weiß die Sozialdezernentin. „Und es dauert Zeit. Nichts ist schlimmer als Schnellschüsse. Integration, die gelingen soll, ist ein Prozess”, betont Nicole Landmann, die neue Migrationsbeauftragte der Stadt Gera.

„Noch wollen viele Menschen Gera verlassen, weil sie keine Chance oder Perspektive in der Region sehen. Dies müssen wir ändern, denn dann würden sie auch bleiben. Es gibt hier gute Angebote, günstige Wohnungen in Zentrumslage, gute Ausbildungsangebote und Betriebe, die händeringend nach Mitarbeitern suchen. Wir müssen sie für unsere Region überzeugen, denn es gibt viele qualifizierte Leute, die unsere Region braucht. Und die Stadt braucht junge Menschen”, zählt Dr. Tawfik Raihan auf. Er ist Jurist, kam vor sieben Jahren mit seiner Frau aus Syrien nach Deutschland. Derzeit leben sie noch mit ihren Kindern in Jena, wollen aber nach Gera ziehen, da beide hier Arbeit gefunden haben. Dr. Twafik Raihan arbeitet als Arbeitsvermittler und Berater in der Agentur für Arbeit, seine Frau Lama Rehaibani als Vermittlerin mit speziellen Sprachkenntnissen gleich nebenan im Jobcenter. „Im Zuge der Arbeit mit Flüchtlingen haben wir aktiv nach Mitarbeitern mit Sprachkenntnissen gesucht”, erklärt Ralph Burghart, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Altenburg-Gera. Aber nicht nur bei der Einstellung neuer Mitarbeiter sind Jobcenter und Agentur für Arbeit aktiv. „Wir holen die Flüchtlinge ab, um sie in Richtung Arbeit zu filtern”, versucht es Arndt Fröde, Arbeitgeberservice in der Agentur für Arbeit zu umreißen.

 „Mittels Fragebögen in mehreren Sprachen gehen wir in die aktuell laufenden Deutschkurse. Hier haben wir schon viel über die Fähigkeiten der Einzelnen erfahren. So gibt es unter ihnen Klempner, Elektriker, Krankenpfleger und Ingenieure. Viele von ihnen wollen schnell arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen. Sie sind recht talentiert und motiviert und wir sehen diese Menschen auch schnell integriert”, so Fröde. Ergänzend Ralph Burghardt: „Wir nutzen unsere Kontakte zu den Kammern. So wissen wir, dass viele Betriebe interessiert an der Beschäftigung von Flüchtlingen sind. Wir wollen vor allem die Zeit des Wartens auf den Asylantrag schon aktiv nutzen. Menschen mit hoher Bleibeperspektive, aus Syrien, Irak, Iran und Eritrea, sollen und können auch schon arbeiten, wenn sie bereits länger als drei Monate in Deutschland sind, unabhängig vom Asylantrag, da dieser aktuell länger dauern kann.“

Auch im Jobcenter gibt es ähnliche Bemühungen. „Vor allem junge Menschen, zieht es gen Westen, weil sie dort mehr Arbeit vermuten. Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten, dass Menschen, die hier herkommen, die Potentiale sehen und vielleicht hier eine Ausbildung oder ein Studium beginnen, statt ewig im Jobcenter zu verharren”, verdeutlicht Enrico Vogel, Geschäftsführer des Jobcenter Gera. Aber es wird schwer junge Menschen, die ohne Abschluss nach Deutschland kommen, in Arbeit zu bringen. Das duale Ausbildungssystem, ein Aushängeschild für Deutschland, gibt es in jenen Ländern nicht. „Nach der Schule können jene, die nicht studieren wollen, gleich im KfZ-Betrieb um die Ecke, beim Bäcker nebenan oder beim Schneidermeister des Vertrauens ihre Tätigkeit beginnen. Nach ein paar Jahren dann beherrschen sie alle Fähig- und Fertigkeiten für diesen Beruf. Ein Studium gestaltet sich in Syrien ähnlich wie in Deutschland, es ist teilweise sogar schwerer einen Platz an der Universität zu bekommen. So wollte meine Frau Lama in Syrien Medizin studieren, da sie aber ihre Schule mit 80 Prozent abgeschlossen hatte, wurde ihr kein Platz gewährt. Hier in Deutschland dann hatte sie mehrere Möglichkeiten zu studieren”, gibt Dr. Tawfik Raihan nur einen kleine Einblick in die beruflichen Strukturen in Syrien.

Für Enrico Vogel ist dies keine leichte Aufgabe, denn so kommen 80 bis 90 Prozent ohne anerkannten Berufsabschluss nach Deutschland, was nicht heißt, dass sie nichts können. Es mangelt lediglich am deutschen Zertifizierungssystem. „Wir sind aktuell mit den Kammern im Gespräch, dass wir die praktischen Fähigkeiten derjenigen testen und sie eventuell die Theorie in Modulen oder einzelnen Kursen nachholen, um den deutschen Ansprüchen von Zertifikaten gerecht zu werden”, so Vogel. Für den einzelnen Menschen, der vielleicht nur mit einem Rucksack geflohen ist, wird es schwer werden, seine Zeugnisse, wenn vorhanden, in Deutschland anerkennen zu lassen. Er befindet sich vielleicht auf einem langen Weg, bis er hier in Gera integriert sein wird: Deutschkurse, Integrationskurse, Nachweise der deutschen Sprache bis zum B1-Status, bevor eine Ausbildung begonnen werden darf und Anerkennung der Schulabschlüsse aus seinem jeweiligen Land. „Für jeden Flüchtling gibt es einen Weg, doch nicht für jeden mündet dieser Weg kurzfristig in einer deutschen Firma mit einem bedarfsdeckenden Einkommen. Wir schätzen, dass wir zehn Prozent, der in Gera lebenden Flüchtlinge in diesem Jahr in Arbeit und Ausbildung bekommen”, bilanziert Vogel.

„Auch 2016 werden die Themen Integration und Zuwächse auf unserer Agenda ganz oben stehen, dabei werden wir unsere anderen Themen natürlich nicht aus den Augen lassen”, resümiert Sandra Schöneich. Integration heißt Geben und Nehmen.

Dass sich niemand bedroht oder gar von den Flüchtlingen verdrängt oder vernachlässigt fühlen sollte, bekräftigten die Mitglieder des Verwaltungsausschusses der Arbeitsagentur Altenburg-Gera. Sie verabschiedeten eine öffentliche Erklärung zur Flüchtlingsthematik. Darin unterstreichen sie die Notwendigkeit, durch abgestimmtes und zielgerichtetes Agieren aller Partner auf dem regionalen Arbeitsmarkt die Herausforderung der Flüchtlingsthematik zu bewältigen. Durch das frühzeitige Aufzeigen von Perspektiven auf dem regionalen Arbeits- bzw. Ausbildungsmarkt und die möglichst nahtlose Verknüpfung von Sprachausbildung, Kompetenzerhebung und ggf. Qualifizierung kann ein wesentlicher Beitrag für erfolgreiche gesellschaftliche Integration geleistet werden.

Aber neben dem Fokus auf Flüchtlinge/Asylbewerber muss gewährleistet sein, dass die inländischen Arbeits- und Ausbildungssuchenden gleichrangig betreut und gefördert werden können. Somit geht es um eine Umsetzung einer Doppelstrategie:

1. Inländische Arbeitsuchende müssen gezielt gefördert und aktiviert, ihren Fähigkeiten und den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts entsprechend qualifiziert sowie möglichst passgenau in Beschäftigung und Ausbildung vermittelt werden. Dies gilt insbesondere für junge Menschen, Langzeitarbeitslose, Geringqualifizierte, Berufsrückkehrerinnen und andere Gruppen, die bisher nicht ausreichend von der guten Arbeitsmarktlage profitieren konnten.

2. Flüchtlinge müssen die Möglichkeit haben, schnell die deutsche Sprache zu lernen und sich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Dazu gehört die Teilhabe am Arbeitsleben. Hierfür braucht es passende Qualifizierungs-, Ausbildungs- und Beschäftigungsangebote sowie entsprechende Unterstützung der Arbeitsagenturen, Jobcenter und weiterer relevanter Netzwerkpartner.

Inländische Arbeitsuchende und Ausbildungssuchende dürfen nicht gegen Flüchtlinge und Asylsuchende ausgespielt werden. Vielmehr müssen beide Gruppen wirksam unterstützt werden, um ihnen eine dauerhafte Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Hierfür müssen die Jobcenter entsprechend ausgestattet werden, um für die Herausforderungen gerüstet zu sein. Weiter ist durch den Gesetzgeber in Betracht zu ziehen, das bestehende Instrumentarium zur Arbeitsmarktintegration, inklusive der Maßnahmen bezüglich des 2. Arbeitsmarktes, anzupassen.

Die Vertreter der Bänke erklären sich bereit, in ihren jeweiligen Verantwortungsbereichen die enge und zielgerichtete Vernetzung mit der Arbeitsagentur bzw. den Jobcentern zu befördern und zu unterstützen. Damit entsteht die Basis für erfolgreiche Integrationsarbeit.

( Fanny Zölsmann, 30.01.2016 )

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