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„Er war seiner Zeit voraus“

Seit einigen Monaten ist das neue Werk von Bernd Kemter, u.a. Vorsitzender der Goethe-Gesellschaft Gera e.V., auf dem Markt. In diesem Buch widmet sich der ehemalige Journalist dem Eisenberger Philosophen Karl Christian Friedrich Krause.

Geboren als Sohn eines Lehrers kam er 1781 in Eisenberg zur Welt. In Jena studierte er Theologie, Philosophie und Mathematik. Er nahm an Vorlesungen sowohl von Fichte, Schelling und Schlegel als auch von Kant teil. Mit 20 Jahren erwarb er den Doktortitel und habilitierte sich ein Jahr später. Im gleichen Jahr, 1802, heiratete er. Mit seiner Frau Amalia Concordia Fuchs hatte er 14 Kinder, von denen zwei nach der Geburt verstarben. Anfangs ernährte er seine Familie als Privatdozent in Jena. Doch später sollte er von Erfolglosigkeit, Zurückweisungen und Armut verfolgt sein.

Kern seines philosophischen Wirkens war der Panentheismus, die All-in-Gott-Lehre. Trotz seines weitsichtigen Denkens – seiner Zeit um ein Vielfaches voraus – blieben seine Theorien unerwünscht. Bernd Kemter widmet sich in seinem Buch „Fackel in tiefer Nacht” diesem scharfsinnigen Kopf mit seiner „originären Philosophie”, der im Schatten von Fichte, Schlegel, Schelling und Hegel in Deutschland keinen Ruhm erntete. „Angenommen wird ein vollkommenes göttliches Wesen, das sowohl in der Natur als auch im menschlichen Leben wirkend gegenwärtig ist. Demnach entwickelt sich die Menschheit vom Individuum, von einfachen Bünden wie Familie und sozialen Zusammenschlüssen bis hin zum Staat letztlich zum ‚Menschheitsbund‘. Krause entwickelte recht moderne Auffassungen. Er war seiner Zeit voraus. So sprach er sich für die Souveränität der Völker, Gleichberechtigung der Frau, Rechte des Kindes und Eigenrecht der Natur, sogar für die der Tiere aus”, bringt es Kemter auf den Punkt. Und dennoch blieb er Zeit sein Lebens von anderen bekannten Philosophen verschmäht, verachtet und ungeliebt. Vielleicht ein der Zeit unabhängiges Phänomen? Waren denn nicht schon immer Menschen, Querdenker, Rebellen, das System hinterfragende, die bereits heute das Morgen erkannten, ungeliebte Kinder der Gesellschaft?

Akzeptanz seiner Lehren fand Krause in Spanien des 19. Jahrhunderts. „1842 veranlassten reformerische Kräfte die Suche nach einer modernen Philosophie, die geeignet schien, das geistig weit zurückgebliebene Spanien in die neue Zeit zu führen. In der Krause‘schen Philosophie fanden sie Ansichten, die dem Land zum Durchbruch verhelfen könnten”, so Kemter. So war diese zum einen dem katholischen Glauben der Spanier als auch dem Harmonismus eng verbunden. Im Buch heißt es dazu: „Wir haben hohe Erwartungen an die Erkenntnisse Ihres Vaters. Unser Land befindet sich in tiefster Not. Immer noch herrscht Leibeigenschaft, die Erträge gehen zurück und die Latifundistas (Anmerkung der Redaktion: Kleinbauern oder Sklaven, die in Spanien auf einem 500 Hektar großen Landgut, dem Latifundium, arbeiteten) verweigern sich allen Formen des agrarischen Fortschritts. Freie Bauern braucht das Land; die ihre Parzellen mit Eifer, aber auch nach modernen Arbeitsweisen bearbeiten, damit die Hungersnöte ein Ende haben. Eine Landreform ist daher unerlässlich. Ebenso kläglich stellt sich die Lage des Gewerbes, Handel und Handwerk dar. Mittelalterliche Zunftordnungen hindern uns daran, mit anderen Ländern Schritt zu halten. Leistungsfähige Manufakturen wie in England und Frankreich werden Sie in Spanien vergeblich suchen. Vor allem Neubeginn brauchen wir jedoch eine zeitgemäße Lehre über ökonomische Abläufe und Visionen. Ohne sie werden alle Reformversuche scheitern. Wir wollen wissen, was Ihr Vater hierzu beizusteuern vermag.” Bernd Kemter schickt in seinem Buch den jüngsten Krause Spross auf Reisen. Ernst soll die Schriften des Vaters nach Spanien bringen, sie dort lehren und am Umbruch mitwirken. Doch mit Argwöhnen beobachtet die katholische Kirche dieses Begehren.

Auf rund 270 Seiten wird der Leser auf eine lebendige aber fiktive Reise mitgenommen. Spannend, geschichtsträchtig, kulturreich – denn Ernst begibt sich zu Fuß, manchmal zu Kutsche von Eisenberg aus nach Santiago de Compostela. Er lässt seine Verlobte Angelika zurück, die er hofft bald wieder in seine Arme schließen und dann ehelichen zu können. Mit einem Hauch von Liebe, ein paar Intrigen und ein bisschen Gewalt lockert der Autor die Wirkungsgeschichte der Krause‘schen Philosophie mit belletristischen Mitteln auf.

So ist das Abenteuer um Ernst gewürzt mit Einblicken in die Krause‘schen Ansichten, die dem geneigten Leser Lust auf eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Eisenberger Gelehrten machen kann. Es gelingt dem Autor anhand dieses Werkes ein Verständnis für die Lehren Krauses zu erhalten. Später, Ernst ist mittlerweile in Spanien angekommen, hält er eine erste Vorlesung. Hier bekommt der Leser eine umfänglichere Erklärung zur All-in-Gott-Lehre seines Vaters. ,,Mein Vater geht jedoch über sie (Anmerkung der Redaktion: Kant, Fichte, Schelling) hinaus. Behauptet Fichte, Gott sei nur das selige Leben, so setzt mein Vater dagegen, dass Gott mehr ist als das; nämlich das eine allumfassende Leben, das in sich das Leben aller Einzelwesen enthält. Gott steht zwar an sich außerhalb der Welt, andererseits vermag die Welt nicht außerhalb Gottes zu sein. Gott ist zuerst er selber, er ist jedoch zugleich das einigende Band alles anderen. (...) Fichte meint, erst indem ich mich dem äußeren Objekt entgegensetze, werde ich mir meiner selbst bewusst. Dem widerspricht mein Vater: Um ein Äußeres überhaupt schauen zu können, müsse das Ich schon eine Grundanschauung von sich selbst haben, bevor es sagen könne, dass dort ein Äußeres sei. Auch widerspricht mein Vater Kant, der meinte, eine wissenschaftliche Erkenntnis Gottes sei dem menschlichen Geist unmöglich. Der forschende endliche Geist weiß sich vielmehr in Gottes unendlicher Person gestellt.” Es ist Bernd Kemter gelungen einen kurzen, prägnanten und verständlichen Abriss der Philosophie Krauses zu vermitteln. Mit diesem Werk wird der vergessene Thüringer Sohn wieder verstärkt ins Bewusstsein gerückt.

Zu Krauses Schriften gehören die „Grundlagen des Naturrechts oder philosophischer Grundriss des Ideals des Rechts (I), „Grundriss der historischen Logik für Vorlesungen”, „Grundlagen eines philosophischen Systems der Mathematik”, „Faktoren und Primzahlen” und „Entwurf des Systems der Philosophie, 1. Abteilung”.

Bernd Kemter, Fackel in tiefer Nacht, Spanien und der deutsche Philosoph Karl Christian Friedrich Krause, Anthea Verlag 2015,

269 Seiten, 14,90 Euro

( Fanny Zölsmann, 29.08.2015 )

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