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Vom Meer, das nach Freiheit roch

Warum war die Ostsee für Millionen von DDR-Bürgern das beliebteste Urlaubsziel? Doch nicht, weil der FDGB die Plätze als Lob und Auszeichnung für vorbildliche Arbeit vergab, weil es am Getränke- und Imbissstand Anstehen hieß, weil es ab und zu einen geräucherten Fisch zu ergattern ab, weil die Strandkörbe, die dicht an dicht standen, nur schwer zu haben waren? Nein, sondern, weil das Meer nach Freiheit roch, weil der weiße Sandstrand und der Blick auf das scheinbar grenzenlose Wasser die Sehnsucht nach mehr Weite vermittelten. Und so sahen es auch die bildenden Künstler der DDR. In Scharen trieb es sie an solche Orte wie Ahrenshoop, Hiddensee oder den Darß. Kunstprofessoren fuhren mit ihren Studenten an den Ostseestrand, Pleinairs waren beliebt und gefragt.
Was die Künstler am Strand vorfanden, und dabei ging es nicht nur um Muscheln und Fischerboote, zeigt die Ausstellung "Sachsen am Meer", die den gesamten Sommer über von der Kunstsammlung Gera in allen Flügeln der Orangerie. Es sind dies Strandszenen und Gesellschaftsbilder ostdeutscher Maler. "Der Strand hat in einer geschlossenen Gesellschaft, wie die DDR eine war, eine doppelte Symbolik erlangt, einmal als Zone unangepasster Freizügigkeit und zum anderen als Motiv einer bis zum Mauerfall unerfüllt bleibenden Sehnsucht nach Überwindung staatlicher Grenzen", sagte Kurator Dr. Paul Kaiser. Der Dresdner Kunsthistoriker ist ein ausgewiesener Kenner der Kunst der DDR, die er lieber als ostdeutsche Kunst bezeichnet und einer Neubewertung bedürfe. Dabei soll jedoch nicht die DDR verklärt, sondern der Facettenreichtum sowie die wirtschaftlich-politische und gesellschaftliche Komponente, die die Künstler beeinflusste, gezeigt werden.
Viele Künstler zeigten in ihren Bildern des Meeres zugewandte Seite. Anders Walter Womacka. Sein "Paar am Strand" von 1962 wandte sich vom Horizont ab und blickte ins Landesinnere. Das Ölgemälde war d e r Ausdruck sozialistischer Kunstauffassung. Es wurde millionenfach kopiert als Kunstdruck, Postkarte oder Kunstkalender. Sogar auf einer Briefmarke war das Paar verewigt. Was aber sicher nicht viele wissen, es gab bereits 1961 ein Vorbild von Womackas "Paar am Strand", dieses befindet sich im Besitz der Kunstsammlung Gera.. 38 Jahre später regte das Bild Moritz Götze an, das Original etwas ironisch zu deuten und schuf ebenfalls ein "Paar am Strand (nach Walter Womacka)", weniger Idylle, weniger Sauberkeit, weniger Korrektheit, sondern mehr Müll und Unrat, mehr Lässigkeit. Das Gemälde von Götz, Jahrgang 1964, riecht förmlich noch nach Farbe, denn es kommt frisch aus dem Atelier.
Der Kunstwissenschaftler hat es sich ein Forschungsprojekt "Kunstatlas DDR" auf den Leib geschrieben. Viele Werke, die Künstler für die VEB und Kombinate, Kulturhäuser und Kulturzentren schufen, seien nach 1989 in städtische Galerien abgewandert und schlummerten in Magazinen und Abstellkammern, seien sogar verschollen. Die Ausstellung "Sachsen am Meer" ist deswegen etwas Besonderes und war so noch nicht zu sehen. Der Besucher findet Werke von Hans Körnig, der Geraerin Gerda Lepke, Wolfgang Mattheuer, Günter Richter, Horst Sakulowski, Willi Sitte, Barbara Toch, Werner Tübke, Arno Rink und viele andere, 70 Künstler an der Zahl. Der Titel der Ausstellung sei eine Metapher und deswegen gewählt, weil die sächsischen Nachbarn sehr zahlreich und unüberhörbar den Ostseestrand bevölkerten und ein besonderes Lebensgefühl widerspiegelt. Sehr anschaulich und einladend für den Besucher: ein frischer noch sauberer Strandkorb im Westflügel der Orangerie - wie übrigens auch Strandkörbe beliebte Szenenmodelle für die Künstler waren.

( Helga Schubert, 18.06.2010 )

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