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Reise zu verborgenen Schätzen unserer Kulturlandschaft

Im Winter ist es still in der weithin sichtbaren Kirche von Niebra mit dem mächtigen 20 Meter hohen Turm. Jede vierte Woche vielleicht einmal ein sonntäglicher Gottesdienst, sonst wird das Tor nur aufgeschlossen, wenn sich Besucher bei der Schlüsselverwalterin, die gleich gegenüber wohnt, melden. Anny Ruf ist Kirchenälteste und versieht dieses Amt bestimmt seit gut 50 Jahren. Ihr Mann war Pfarrer in dieser Gemeinde, und so hängt ihr Herz bis heute am Wohl und Wehe des Gotteshaus. Sie weiß viel über die Geschichte der Kirche. Ihr Mann habe schließlich ein äußerst aussagefähiges Archiv geführt. Leider ist es jetzt in alle Winde zerstreut, bedauert sie, um so mehr freut es sie, dass sich der Verein zur Rettung sakraler Kunstwerke Thüringens der Historie annimmt und, wenn man so will, eine große Besucherwerbeaktion für die Kirchen auf den Weg gebracht hat. Freilich, jetzt in der kalten Jahreszeit bleiben die Besucher aus, und es ist still in dem Gotteshaus. Wenn die Autos die Höhe erklommen haben, fahren sie rasch vorbei auf der Stecke nach Werdau. Und bei einer 50-Seelen-Gemeinde, die zur Stadt Gera gehört, kann man auch kein wahres Volksgetümmel erwarten.
Wir haben uns mit Mitgliedern des Vereins zur Rettung sakraler Kunstwerke verabredet und noch etwas Zeit. Ein vorwitziges Eichhörnchen kommt von der großen Dorflinde, die vor der Bruchsteinmauer um den kleinen Friedhof, der die Kirche umschließt, steht, heruntergehopst und beäugt ziemlich frech die Störenfriede. Es springt über den Zaun in Nachbars Garten und sucht seelenruhig nach etwas Nagbarem. Nüsse und Eicheln sind hier oben rar. Ausgefranste Tannenzapfen liegen schon in Mengen herum. Noch ein kurzer Blick, ob wir nicht doch etwas in der Tasche haben, und husch, ist es wieder über die Friedhofsmauer verschwunden.
Inzwischen ist das Tor auch aufgetan, und sieben Beauftragte des etwa 30 Mitglieder zählenden Vereins sind aus Gera, Bad Köstritz und Eisenberg eingetroffen: Sigrid Seise, Antje Löffler, Margrit Wollgramm, Ingrid Pauli, Ilka Rotha und Jutta Ziegengeist, die mit Dr. Thomas Frantzke als Leiter der ABM-Maßnahme eine unwahrscheinliche Kleinarbeit leisten, um Kirchen für Besucher und Touristen erlebbar zu machen. Wir sind ein geschichtsträchtiges Land und leben auf dem Kernland der Reformation. Aber viele Menschen wissen gar nicht, auf welchem kulturhistorischen Boden wir stehen3, gibt der engagierte promovierte Germanist zu bedenken. Und da unsere Kulturlandschaft von Kirchen bestimmt ist, sei es sehr wichtig, ihre Bedeutung, vor allem aber ihre inneren Werte, ihre zum Teil unbekannten Schätze zu erfassen, zu sichern und zu bewahren.
Im März 1997 gründete sich der Verein. "Unsere Idee war es", erläuterte Dr. Frantzke, "Informationsblätter über die Kirchen, ihr Umfeld, ihre historische Bedeutung, aber auch Natur und Umwelt zu erarbeiten, Wanderwege und Besonderheiten der Region aufzuzeigen, damit man über den Tourismus die Kleinode sakraler Kunst erhalten kann und vor allem sie ins Bewusstsein rückt". Seit etwa eineinhalb Jahren sind 26 ABM-Kräfte des Vereins auf diese Weise tätig. Da gibt es blaue Blätter, die eine allgemeine Aussage zur Kirche und den Ort enthält, rosa Blätter, die über das Kunsthistorische informieren, gelbe Blätter zur Historie, grüne Blätter zur Flora und Fauna, und ein letzter Teil ist eine kleine geologisch-mineralogische Exkursion. Wenn man bedenkt, dass alle, außer Dr. Frantzke, aus anderen Berufen kommen, muss man wirklich Hochachtung vor der ABM-Leistung haben. Ein Wehrmutstropfen für die Enthusiasten: Für 16 von ihnen gibt es keine Verlängerungen mehr. "Der Verein hat leider keine Tausende von Mark, um den Eigenanteil zu tragen. So bleiben dann noch zehn, die weiter geduldig Daten sammeln, in Archiven stöbern, seltene Tiere und Pflanzen ausfindig machen und einen Wanderweg selbst ergründen und vorschlagen. Überall dort, wo der Verein ganze Arbeit geleistet hat, darf man sich die farbigen Blätter zum Nachlesen und Weitersagen mitnehmen. Für den Tourismus gäbe es ungeahnte Möglichkeiten, ist sich Dr. Frantzke sicher. Im Stillen träumt er von Bussen mit Gästen aus Übersee, aber natürlich sind Interessenten aus Deutschland und aller Herren Länder willkommen. Gezielte Themen könne man anpacken, wie Orgeln, Altäre, Glasfenster oder Architektur. Ideen gibt es für das Motto Europastraßen oder für Schulen. Die Möglichkeiten seien noch nicht erschöpft. Verdient gemacht haben sich die "Kirchenforscher" um die Herausgabe von Ansichtskarten. Zunächst gelangen drei Motive, die etwas über das Fürstentum Reuss erzählen, zum Verkauf, weitere sind in Arbeit.
Die Kirche in Niebra verdiente Halt und Ansichtskarten gleichermaßen. Der gut erhaltene reich mit Gold verzierte Flügelaltar ist einzigartig. 500 Jahre ist das Meisterwerk alt, und man muss es ehrfurchtsvoll bestaunen. Bisher ist es noch nicht gelungen, zu ergründen, wieso das kleine Anwesen Niebra zu einem solchen Kirchenbau mit diesem prunkvollen Schnitzalter kam. Ebenso unbekannt sind der Auftraggeber wie auch der Schnitzer und Maler. Doch zeugt der Altar von außerordentlicher Begabung und vollendetem Können aus der Zeit der Spätgotik. Das Kunstwerk sucht in unserer Gegend seinesgleichen.

Alle Kirchen, die vom Verein aufgenommen worden sind, können auch von Einzelreisenden oder einsamen Wandersleuten besichtigt werden. Einem Aushang ist zu entnehmen, wer der oder die Schließgewaltige ist, denn die Gebäude müssen aus Sicherheitsgründen verschlossen werden. In Niebra liegt der Schlüssel für das Gotteshaus in guten Händen. Frau Ruf öffnet, wenn man klingelt, auch wenn es kalt ist, wie jetzt um diese Jahreszeit.

( Helga Schubert, 23.12.1999 )

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