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Mitte-Deutschland-Verbindung bleibt nur auf der Schmalspur

Hoffnung keimte in Gera auf, als die Bundesregierung die ICE-Verbindung Nürnberg - Berlin mit der Streckenführung über Erfurt kippte. Wahrhaftig nicht aus Schadenfreude, aber mit der Erwartung, dass nunmehr Thüringen quasi als Entschädigung wenigstens eine leistungsfähige Mitte-Deutschland-Verbindung erhalten sollte. Das ist die Strecke, die vom hessischen Frankfurt/Main über Kassel ins thüringische Eisenach und von dort aus über Erfurt, Weimar, Jena und Gera nach Sachsen führt, in die industriellen Ballungszentren von Chemnitz und Dresden und schließlich in Richtung Polen.
Die Hauptstrecke hat es beinahe zu der einmaligen Berühmtheit gebracht, daß sie eingleisig und streckenweise in desolatem Zustand ist, zwischen Weimar und Gößnitz darüber hinaus nicht elektrifiziert, daß die Reisegeschwindigkeit dem Zustand Tribut zollen muß. Nicht gerade attraktiv für das "Unternehmen Zukunft", die Deutsche Bahn AG. Verkehrsentwicklungen können natürlich nicht nur von der Frankfurter Bahn-Zentrale aus gesteuert werden, sie sind in höchstem Maße politische Entscheidungen. Und die Politik hatte dieses Problem recht schnell erkannt und die Mitte-Deutschland-Schienenverbindung im Bundesverkehrsplan an eine der vorderen Stellen gesetzt. Neue Hoffnung keimte in Gera auf. Schließlich war es vor allem die Wirtschaft, die dringend eine zufriedenstellende Lösung verlangte. Dahinter mag der Egoismus von Firmen stecken, die auf ein florierendes Verkehrsnetz angewiesen sind, aber - und da hört der Egoismus auf - es geht um Arbeitsplätze. Oder - wie oft hat man es schon gehört - für Investoren sollen günstige Bedingungen geschaffen werden. Wenn sich ein Investor in Ostthüringen anmeldet, wird er zuerst nach der Infrastruktur und den Verkehrsbedingungen fragen. Die Antwort fällt selbst hartgesottenen Verfechtern der Vorteile Ostthüringens nicht leicht.
Zu den Zeiten der Wahlkämpfe gehörte der Eisenbahnanschluss zu den Standardfragen, denen sich die aus Bonn angereiste Politprominenz stellen musste. Da hatte kein Geringerer als der damalige Bundesverkehrsminister Franz Müntefehring bei seinem Besuch in Gera betont, dass der zweigleisige Ausbau der Mitte-Deutschland-Schienenverbindung kommen werde, allerdings - so gestand er auf Rückfragen ein - nicht als elektrifizierte Strecke. Selbst diese Kröte wollten die Betroffenen in Ostthüringen noch schlucken, hatte doch der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ostthüringen, Dr. Bernhard Strelow, auf seinen Brief an das Bundesverkehrsministerium, in dem er um Auskunft zu Zeit- und Vorhabenplänen gebeten hatte, wenigstens die beruhigende Antwort aus Bonn erhalten, dass bis zum Jahre 2006 die Strecke Weimar - Glauchau für rund 665 Millionen Mark saniert und für den Einsatz von Neigetechnikzügen vorbereitet werde.
Das Wahlkampfversprechen war schnell vergessen, Ende September waren neue Töne aus dem Verkehrsministerium zu hören: Die Schienenverbindung wird nicht durchgängig zweigleisig ausgebaut, sie werde vielmehr in drei Überholabschnitten für den Begegnungsverkehr erfolgen. Dr. Strelow reagierte prompt: "Die jetzige Auskunft aus dem Ministerium ist für uns Signal, gemeinsam mit dem Land noch einmal aktiv zu werden." Dabei erinnerte der IHK-Hauptgeschäftsführer an seine Auffassung, dass es nicht sein könne, dass man auf der Mitte-Deutschland-Schienenverbindung "von Dortmund mit Tempo 200 bis Erfurt kommt, dort auf eine Ausweichstrecke umsteigen muss und erst ab Glauchau in Sachsen wieder flott voran kommt." Strelow schob nach, dass die Ostthüringer Wirtschaft diese Abkopplung von der Bahnfernverbindung nicht hinnehmen werde. Ein Verschieben der Elektrifizierung werde noch hingenommen, der zweigleisige Ausbau der Bahnverbindung habe aber absolute Priorität.

Die Kammer hat sich inzwischen an den neuen Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt gewandt und ihre Forderungen unmissverständlich mitgeteilt. Schließlich sollten für das Verkehrsvorhaben sogar EU-Gelder locker gemacht werden. Eine Weimarer Tageszeitung will sogar erfahren haben, dass jetzt diese Gelder möglicherweise zum überwiegenden Teil in den Streckenausbau in den alten Ländern fließen könnten. Nicht viel Hoffnung für Gera!

Die Aktivitäten der Industrie- und Handelskammer stehen nur als Beispiel. Oberbürgermeister Ralf Rauch, die Fraktionen des Geraer Stadtrates, der Bahnförderverein, Wirtschaftsverbände und viele einzelne Persönlichkeiten haben mit Nachdruck und großem persönlichen Engagement für die Verkehrsverbindung gearbeitet und gestritten. Sie werden es weiter tun müssen!
Der neue Bahn-Chef will seine Aktiengesellschaft in relativ kurzer Zeit an die Börse bringen, da werden gute Dividenden für die Aktionäre gefragt sein - Einsparung ist dabei meist ein beliebtes Mittel. Schließlich hat die Bahn auch immer einen Trumpf im Ärmel. Ihr Argument: Die Nachfrage reicht nicht aus. Nicht sehr überzeugend, denn die alte marktwirtschaftliche Binsenweisheit, dass die Nachfrage das Angebot regelt, oder - wenn man will - das Angebot die Nachfrage, gilt natürlich auch für eine durchgängige Mitte-Deutschland-Schienenverbindung. Dabei sieht das Angebot in Gera traurig aus: Die einzige Großstadt Deutschlands ohne ICE-Anschluss, ständige Verschlechterungen im Fahrplanangebot durch wegfallende Direktverbindungen und wohl die letzte Hauptstrecke ohne Elektrifizierung.
In dieser Woche wieder eine überraschende Wendung: Der Chef der SPD-Fraktion im Thüringer Landtag, Heiko Gentzel, kündigte noch für diese Woche die Unterzeichnung einer Finanzierungsvereinbarung zwischen Bundesverkehrsministerium und Bahn an. Bei Redaktionsschluss lag noch keine Bestätigung vor. Rund 200 Milllionen Mark habe die Bahn veranschlagt, das würde nach Gentzels Auskunft reichen, 63 Prozent der Stecke Weimar - Gera zweigleisig befahrbar zu machen. Aber eben nur 63 Prozent! Es würde karge 15 Minuten Fahrzeitverkürzung bringen. Bleibt für Gera nur wieder einmal das so bewährte Prinzip Hoffnung.

( Reinhard Schubert, 30.10.1999 )

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