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Generationen mahnen Vergessen

Eine eigene Geschichte hat die Ausstellung "Pro Lidice", die selbst an eine Geschichte erinnert, Geschichte unvergessen machen will. Am 10. Juni 1942 haben deutsche Faschisten die Ortschaft Lidice, 20 km westlich von Prag, ausgelöscht. Die Aktion war von Anfang bis Ende geplant. Es sollte eine Vergeltungsaktion für das Attentat auf den Stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren sein. Die Bewohner des Ortes, darunter auch viele Kinder, wurden erschossen, verschleppt und vergast. Lidice wurde dem Erdboden gleichgemacht, der Name gelöscht. Doch das Gegenteil trat ein. In der ganzen Welt regte sich Widerstand, und viele Orte in USA, Brasilien oder Mexiko nahmen den Namen Lidice an. Zweiter Teil der Geschichte: 1967, ein Vierteljahrhundert nach dem menschenvernichtenden Akt, entstand die Idee, gemeinsam mit Künstlern aus aller Welt ein modernes Kunstmuseum auf dem blutgetränkten Boden in Lidice zu errichten. Bereits nach Ende des Krieges, als sich ein internationales Lidice-Komitee gebildet hatte, stifteten viele Künstler ihre Werke, und in Berlin motivierte der Avantgardegalerist René Block Künstler seines Bekanntenkreises, eigens Werke für das Museum zu errichten. Beuys, Palermo, Vostell und andere, die heute zu den Spitzenkünstlern der Nachkriegszeit gehören, waren dabei. Nach langem Hin und Her wurde die Bildersammlung in einem VW-Bus hinter den Eisernen Vorhang nach Prag gebracht. Mit dem Ende des Prager Frühlings brach der Kontakt zur "anderen Seite" ab, die Bilder verschwanden in der Versenkung.
Dritter Teil der Geschichte: René Block hat Lidice nicht vergessen. 1996 begab er sich auf die Suche nach den verschollenen Arbeiten. Prager Kunsthistoriker halfen, die Werke wieder zu entdecken. Alle befanden sich unversehrt in einem Lagerraum eines kleinen Schlößchens bei Prag. Sie wurden in Vorbereitung der Ausstellung "Deutschlandbilder" nach Deutschland geholt, und für René Block war dies ein Anlass, Künstler der nachfolgenden Generation erneut zu einer Stiftungsaktion für ein künftiges Kunstmuseum Lidice aufzurufen. Es entstand eine brisante Ausstellung "Pro Lidice", die bis 8. August in der Kunstsammlung Gera zu sehen ist. Sie vereint Arbeiten von 52 Künstlern aus Deutschland, jene 21 Werke von 1967 und die neuesten, die zum Lidice-Thema zusammengetragen wurden. Die Ausstellung wird zunächst an mehreren Orten in Deutschland gezeigt. Gera ist der erste ostdeutsche. Zuvor war sie in Kiel und Kassel zu sehen, wandert von Gera aus nach Regensburg. Das Interessante an der Ausstellung ist der Generationsunterschied der Künstler und ihr Aufwachsen in unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen, ihre Biographien sagen wiederum etwas über die deutsche Geschichte aus. Auch unter diesem Aspekt und in einer Zeit, in der wegen ethnischer Säuberung wieder Kriege entfacht werden, sollte man sich "Pro Lidice" ansehen.
Vierter und letzter Teil der Geschichte: die Eröffnung des Museums in Lidice? Bisher nur ein Versprechen von vor 30 Jahren und Wunschtraum vieler, die das Vergessen anmahnen. Hunderte von Kunstwerken sind dafür bereits gesammelt. René Block hegt noch immer die Hoffnung, dass sich Mäzene finden, die den im 20. Jahrhundert begonnenen Bau im neuen Jahrtausend "Pro Lidice" beenden.

( Helga Schubert, 26.06.1999 )

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