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Wer pflegebedürftig ist, möchte gut betreut werden

In Thüringen bedarf derzeit etwa jeder 35. Bürger (in absoluten Zahlen: rund 67.000) der Pflege. Wie ist denn die Lage im Oberzentrum Gera?
Genaue Auskunft zum Gesamtproblem können nur die Pflegekassen (zum Beispiel: die AOK) geben. In den Geraer Pflegeheimen jedoch werden 1005 Menschen betreut. Darüberhinaus erhält eine große Zahl im häuslichen Pflegebereich die entsprechende Fürsorge. Von den insgesamt Pflegebedürftigen werden etwa 80 Prozent im häuslichen Bereich gepflegt.

Bundesweit gibt es mehr als 9.000 Pflegeheime. Wie sieht’s damit in unserer Stadt aus?
Gera verfügt über 11 Pflegeheime und außerdem über 19 ambulante Pflegedienste und Sozialstationen. Das ist bedarfsdeckend. Die Heime sind voll ausgelastet. Ihre Belegungszahlen schwanken zwischen 90, wie zum Beispiel beim Unterhäuser Pflegeheim "Joliot Curie" (Diakonie), und 176 Plätzen, wie zum Beispiel beim Pflegeheim "Franz Lenzner" in Lusan. Letzteres Heim hat drei Stationen für Demenzkranke und eine Tagesbetreuung für diesen Personenkreis.

Die sogenannte Rürup-Kommission schätzt, dass es bundesweit bis zum Jahre 2030 rund drei Millionen Pflegebedürftige geben dürfte. Wie wird das Gera betreffen?
Allein die demographische Entwicklung, wonach die Zahl der älteren Bürger im Verhältnis zur Gesamtzahl anwächst, wird auch in Gera dazu führen, dass es mehr Pflegebedürftige geben wird. Gleichzeitig gehen viele junge Menschen von hier weg. Dadurch werden die familiären Netze gelockert. Zunehmend wird der Pflegebedarf steigen, der durch stationäre Pflege oder professionelle ambulante Dienste abgedeckt werden muss.

Wie sind wir auf den erhöhten Bedarf in Gera eingestellt?
Unsere Pflegeheime sind in einem guten Zustand - konzeptionell wie auch baulich. Bis auf das "Franz-Lenzner-Heim" wurden alle Einrichtungen neu gebaut oder saniert und modernisiert. Hierfür sind in beträchtlichem Umfange Fördermittel des Bundes und des Landes geflossen.
Wir vertreten die Auffassung, dass die Gesetzgeber die Voraussetzungen dafür schaffen müssen, um den zu erwartenden künftig höheren Bedarf im Pflegebereich überwiegend durch ambulante Betreuung abdecken zu können. Das entspricht weitgehend den Wünschen der Mehrzahl der Bürger. Die Zahl der stationären Pflegeplätze dürfte, auch für die Zukunft, ausreichend sein.

Wie es aussieht, wird ein Drittel der stationären Pflege aus der Sozialhilfe finanziert. Bald könnte es die Hälfte sein, wenn der Beitrag zur Pflegeversicherung bei 1,7 Prozent des Bruttoeinkommens festgeschrieben wird und vielleicht künftig sogar weiter ansteigt. Also: Leistungsangebot kürzen, oder?
Den Umfang der Leistungen legen nicht wir, sondern der Gesetzgeber fest. Wir kürzen keine Angebote. Das wäre auch rechtlich bedenklich.

Bei der ambulanten Pflege sind die Mehrzahl private Unternehmen. Diese klagen darüber, dass die Vergütungssätze kaum kostendeckend seien. Ihre Meinung?
Bei den von Pflegekassen zu erstattenden Personalkosten wird Tarifbindung nicht berücksichtigt. Das hat zur Folge, dass die Pflegedienste gezwungen sind, ihre Pflegekräfte außer Tarif zu entlohnen.
Hinzu kommt, dass bestimmte Betreuungsleistungen im ambulanten Bereich kaum erstattet werden. Persönliche Zuwendung wird derzeit nicht bezahlt. Gerade Pflegebedürftige brauchen Kontakte, brauchen soziale Kommunikation, brauchen menschliche Wärme. Hier gibt also von Seiten des Gesetzgebers dringenden Handlungsbedarf.

Kann es sein, dass es in Gera so wie in anderen Bereichen auch in Sachen Pflege bald Fachkräftemangel geben wird?
Für Thüringen und Gera insbesondere muss man das leider annehmen. Besonders das von der Landesregierung seit langem gepriesene niedrige Lohn- und Gehaltsniveau führt dazu, dass junge Menschen mit Pflegeberufen in andere Länder abwandern. Das schafft nicht nur im Pflegebereich akute Probleme.

Was halten Sie von der häuslichen Pflege?
Wer will, dass die Pflegebedürftigen so im Alter betreut werden, wie es den eigenen Wünschen entspricht, der muss den Schwerpunkt auf die Betreuung im häuslichen Bereich legen. Das kann durch professionelle ambulante Hilfe (Pflegedienste oder Sozialstationen) oder durch Familienangehörige bzw. in Kombination beider Formen geschehen. Erfahrungen zeigen, dass Familienangehörige, die pflegen, weitaus mehr Unterstützung brauchen als bisher. Derzeit werden sie mit diesen Aufgaben weitgehend allein gelassen. So können sie sich beispielsweise häufig weder Freizeit noch Urlaub gönnen, von der eigenen Lebensplanung ganz abgesehen.
(Das Gespräch führte Harald Baumann)

( 15.12.2006 )

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