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"Nach der BUGA 2007 wird man Gera überall kennen"

Seit zwölf Jahren ist Ralf Rauch Oberbürgermeister der Stadt Gera. Aus Anlaß der zu Ende gehenden Wahlperiode haben wir ihn interviewt und schwerpunktmäßig gefragt, wie er selbst die Arbeit in den zurückliegenden Jahren einschätzt und wo er die Eckpunkte für die Arbeit in der Stadt für kommende Zeit sieht. Ralf Rauch bewirbt sich erneut um das Amt das Rathauschefs. Außerdem treten Bürgermeister Norbert Hein, Dr. Norbert Vornehm und Herbert Ziegenhahn an. Zur Abrundung haben wir auch ihnen die Möglichkeit gegeben, sich nach eigener Auswahl zu einem Schwerpunkt der Kommunalpolitik zu äußern. Die Überschriften wurden redaktionell gestaltet.
Seit zwei Legislaturperioden arbeiten die als Oberbürgermeister in Gera. Ihre Entscheidung zur erneuten Kandidatur kam relativ spät...
Das ist richtig und ich habe mir alles genau überlegt. Ich will das Amt noch einmal für sechs Jahre ausüben, weil das Denken und Handeln eines Oberbürgermeisters neben den Entscheidungen eines Stadtrates die Entwicklung der Stadt prägt und weil wir mit den Projekten der BUGA, dem Stadtumbau, dem Europäischen URBAN-Programm, der völligen Veränderung unserer Verkehrssysteme und der Chance der Eisenbahn-Erlebniswelt "Rail-World" mitten in einem Prozess rasanter Entwicklung stehen. Da kann ich nicht einfach nach Hause gehen.
Dazu haben sie allerdings - im Gegensatz zu allen anderen Mitbewerbern - kein Parteibuch in der Tasche?
Die Unabhängigkeit von einer Partei gibt die Chance der direkten Interessenvertretung für die Bürger ohne Verpflichtung gegenüber einer Parteidoktrin oder gar einer Ideologie. Auch ohne Parteiabzeichen habe ich mit meiner deutlichen Auffassung zu allen politischen Fragen einen festen Stand. Meine Entscheidungen treffe ich nach sachlichen Erwägungen. Übrigens: In Thüringen gibt es mittlerweile die meisten parteilosen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. So allein wie bei meinem Amtsantritt bin ich damit nicht mehr.
Haben Sie sich für die Arbeit Ihrer Amtsvorgänger interssiert und dafür was sie erreicht haben und was nicht?
Ich habe vor längerer Zeit einmal in den Archiven gestöbert. Allerdings möchte ich niemand besonders hervorheben, weil es viele bemerkenswerte Persönlichkeiten gegeben hat, deren Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen mich beeindruckt haben. Inzwischen habe ich, wie auch meine Vorgänger, gelernt nicht zu früh aufzugeben; manches dauert eben auch einmal zehn Jahre, bis es erreicht ist.
Wenn Sie auf Ihre Arbeit zurückschauen und sich die Frage stellen, on man sich daran auch später erinnern wird, woran denken Sie da ganz spontan?
Ein Beispiel dafür ist die Umgehungsstraße im Osten. Die Gerschen haben viele Jahre darauf gehofft, dass die Innenstadt vom Durchgangsverkehr entlastet wird. Diesen Effekt haben wir seit 2000. Weiterhin sind die Bundesgartenschau 2007 und ihre vielen Begleitprojekte und ihren immensen positiven Auswirkungen für unsere Stadt zu nennen. Schließlich ist die Sanierung unseres 100-jährigen Theaters eines meiner großen Ziele.
Das klingt im nachhinein relativ problemlos. Hat es da nicht auch schlaflose Nächte gegeben?
Doch, die gab es auch, betrafen aber nicht meine Arbeit als Oberbürgermeister, sondern die persönlichen Dinge, die Sie ja auch alle miterlebt haben. Ich kann es bis heute nicht fassen, dass Angriffe ohne jeglichen Grund so weit gehen dürfen.
Jeder Bürger sind naturgemäß nicht nur die Entwicklung der Stadt, sonderndie persönliche Lebensqualität. Kann die Stadtdarauf Einfluß nehmen.
Ich sehe diese Problematik auch und verstehe die berechtigten Anliegen der Menschen. Der Spruch, dass "die Deutschen über ihre Verhältnisse leben" hilft uns weder weiter, noch sind wir hier im Osten dafür verantwortlich. Wir wissen aber, dass wir radikale soziale Veränderungen zum Teil schon erleben müssen und dass wir sie noch stärker zu erwarten haben. Trotz aller politischen Bemühungen sowohl auf Länderebene wie auf Bundesebene sind finanzielle Kürzungen und Leistungseinschnitte nicht zu verhindern. Mit den Wohlfahrtsverbänden und Hilfevereinigungen ist für unsere Bürger in Gera eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit effizient organisiert. Das betrifft zum Beispiel die Sicherung unseres Kindertagesstättenangebotes oder die medizinische Betreuung in der Stadt und die Serviceangebote für bedürftige und Not leidende Menschen.
Trotzdem steht fest: Die Kassen sind leer. Ist Gera damit eine arme Stadt geworden?
Wir haben in den letzten Jahren viel Geld investiert und damit gut für die Zukunft der Stadt angelegt. Lassen Sie es mich so sagen: Der Stadt geht es nicht anders als jeder Familie, jedem Geraer. Wenn alles, auch das Vermögen und die Geldanlagen mitgerechnet werden, dann sind wir keine arme Stadt. Ob das Schulsanierung, Theatersanierung, Straßenbau oder auch die Straßenbahn sind. In der Kulturarbeit haben wir vieles auf Vereine verlagern müssen. Aber Investitionen wie in unsere Museen gibt es in kaum einer anderen Stadt. Ebenso die Sporteinrichtungen, die Tonhalle - das alles sind Wertanlagen, in denen jetzt die Kultur stattfindet. Nebenbei bemerkt haben wir in Gera trotz dieser hohen Investitionen die niedrigste Pro-Kopf Verschuldung aller kreisfreien Städte in Thüringen. Selbstverständlich gibt es trotzdem noch vieles, was sofort getan werden müsste, wir gegenwärtig aber nicht finanzieren können. Dies betrifft insbesondere die Instandsetzung unserer Straßen und die grundhafte Erneuerung der noch nicht sanierten Schulen und Turnhallen.
Unsere Stadt sucht seit langem nach einem nach außen wirkenden Imagebild. Natürlich sind da die BUGA und das Bemühen um die manchmal schon rührende Hilflosigkeit als Ott-Dix-Stadt Gera. Wird hier zu wenig getan?
Nein, wenn wir alles das bündeln, was wir haben, kommen wir zu einem genauso starken Imagebild, wie es andere Städte haben. Ich denke da an die vielen nationalen und internationalen Sportveranstaltungen wie unsere Reitturniere, die Geraer Rollsporttage, die Tanz-Europameisterschaften und viele andere mehr. Allerdings sind wir noch nicht zum Bündeln gekommen, wir zählen es immer nur auf. Es geht nicht nur um immer neue Ideen, sondern um die Koordinierung.
Bleiben wir beim Image. Warum erklären wir die Geranie nicht zur Stadtblume. Die Wiege der Dahlien ist nicht weit entfernt, wir haben den schönen Dahliengarten. Und dazu dann noch ein Rathaus mit Blumenkästen voller Geranien...
Im vorigen Jahr haben wir mit "Entente Florale" erlebt, dass die Geraer im richtigen Moment zur Sache standen. Da wurden schon viele dieser Dinge realisiert, ohne das auf den Punkt zu bringen. Aber das hätte vielleicht im Vorjahr schon wieder wie Eitelkeit geklungen, wenn wir gesagt hätten, wir küren jetzt die Stadtblume. Ein guter Anlass hierfür wird aber die BUGA 2007 sein.
Die Stadtverwaltung soll Dienstleister für die Einwohner sein. Ist sie das schon oder ist sie zumindest auf dem Weg?
Bürgerservice ist ein grundlegendes Anliegen der Verwaltung, was sich nicht zuletzt in den nachfrageorientierten Öffnungszeiten und im kundenfreundlichen Verhalten der Mitarbeiter zeigt. Die Verwaltungsstruktur ist nicht für ewige Zeiten aufgestellt, sondern wird ständig an geänderte Ansprüche angepasst und fortentwickelt. Gerade die Vorbereitung des Bürgeramtes als zentrale Anlaufstelle für die Anliegen der Bürger ist auf einem guten Weg. Parallel hierzu wird gemeinsam mit anderen Städten das Angebot aufgebaut, Behördengänge von zu Hause aus per Internet zu erledigen.
Das A und O bleibt auch in Gera die Wirtschaftsentwicklung. Durch den starken Strukturumbruch hat die Stadt viele Federn lassen müssen. Grund zum Verzagen?
Wir haben ganz eindeutig zu wenige Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe und in der Industrie. Ich will die dafür verantwortlichen Umstände nicht nochmals aufzählen. Aber, und das ist aus meiner Sicht schon erfreulich, wir haben auf diesem Gebiet aufgeholt: Unternehmensansiedlungen wie Loh mit Starcon und Neef, Dagro-Gera, Thorey und Getzner, GEDA-Dechentreiter, Aga-Präzisionsteile, Kaeser-Kompressoren, EHL-Baustoffwerke und zahlreiche andere mittelständische Unternehmen sind dafür der Beweis
Hat Gera nicht zu lange auf den Status Einkaufsstadt gesetzt?
Wir sind als Standort für Dienstleistungsunternehmen für rund 500.000 Einwohner der Region Ostthüringen gefordert. Die Entwicklung des Handels in Gera ist keine Spielwiese des Oberbürgermeisters, sondern entsteht aus dem Ansiedlungsinteresse der Handelsunternehmen, wie jetzt aktuell beim Media-Markt. Die Vielfalt der Dienstleistungsangebote lockt zahlreiche Menschen des Umlandes nach Gera, stärkt damit die zentrale Funktion - und sie schafft und sichert Arbeitsplätze.
Den Begriff BUGA kann man nahezu täglich lesen oder hören. Sind die Erwartungen auf diesem Gebiet zu hoch.
Allen Zweiflern zum Trotz: Inzwischen sind alle Projekte und Baumaßnahmen durchgeführt oder zumindest begonnen und in Fertigstellung. Wir werden im nächsten Jahr einen Besucheransturm erleben, den wir in freundlichster Weise meistern. Nach der BUGA 2007 wird man Gera überall kennen, der Satz "Gera kennt man nicht" wird endgültig verschwunden sein. Ein weiterer Vorteil unserer BUGA 2007 ist das enge Zusammenrücken Geras mit Ronneburg und dem Landkreis Greiz durch gemeinsame Interessen und erfolgreiche Zusammenarbeit. Und noch eine Bemerkung darf ich anschließen: Für den Sport haben wir seit dem Jahr 2000 mit dem BUGA-Sportstättenkonzept Investitionen von fast 40 Millionen Euro umgesetzt. Auch die Radrennbahn sowie zahlreiche weiter Turnhallen und Sportplätze werden folgen. Diese Investitionen gewährleisten zusammen mit dem herausragenden ehrenamtlichen Engagement der Stadtsportbundes, seiner über 100 Vereine und den 15.000 Mitgliedern beste Bedingungen für den Geraer Sport.
Wenn Sie von Jugendlichen gefragt werden, warum die in Gera bleiben sollen. Was sagen Sie ihnen?
Das ist eines der schwierigsten Unterfangen. Natürlich haben wir für unsere Schulabsolventen die Berufsakademie und dankenswerterweise auch viele Unternehmen, die Lehrlinge ausbilden. Aber uns fehlt der universitäre Bereich. Bei den Ausbildungsstellen sind wir nicht besser und nicht schlechter als die Nachbarstädte, aber wir sind eben nicht ausreichend aufgestellt gegenüber den Möglichkeiten im Westen Deutschlands. Und dort sehen sich junge Leute natürlich auch um.
Wie wird es in Gera weitergehen? Vielleicht nahmen wir den Zeitraum bis 2012.
Wir haben in den letzten Jahren gelernt, wie im Wettkampf der Städte gearbeitet wird. Konsequent fortsetzen werden wir die Beschaffung Europäischer Fördermitteln, wir werden die vorbereiteten Großobjekte plangerecht bearbeiten, die BUGA 2007 und die Stadtbahnlinie erfolgreich abschließen. Das Projekt Eisenbahn-Erlebniswelt "Rail-World" bringt uns Zuversicht zur Beschäftigung zahlreicher Menschen wie erfahrener Techniker oder Dienstleister im Ausstellungs-, Organisations- und Hotelwesen - also für ältere wie auch für jüngere Geraer. Der Theaterstandort ist für Ostthüringen zu sichern, die Fachhochschule ist erfolgreich anzusiedeln. Auf der Basis dieser so geschaffenen Bedingungen und der neuen Bekanntheit Geras werden wir besser als bisher Unternehmen zur Ansiedlung gewinnen und Arbeit anbieten können. In der Stadt gibt es nach den Großprojekten unendlich viele Aufgaben - als ein Beispiel sei nur die Instandsetzung unserer Neben- und Wohnstraßen genannt - also Arbeit ohne Ende und damit die Chance, Bürger in diese Arbeit zu bringen. Das ist mein Anspruch, an dem ich mich messen lasse. Die Voraussetzungen sind geschaffen.

( Reinhard Schubert, 28.04.2006 )

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