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Vier streitbare Herren, und jeder will das Beste für Gera

Es ging zu Wochenbeginn hoch her im edlen Ambiente des Foyers im Hotel Dorint-Novotel. Der Ostthüringer Wirtschaftsverband hatte die Bewerber für das Amt des Geraer Oberbürgermeisters eingeladen. Vorstandsvorsitzender Dr. Michael Kneisel begrüßte vier, wie sich herausstellen wird, streitbare Herren, von denen jeder nach eigenem Bekunden das Beste für Gera will und deshalb am 7. Mai gewählt werden möchte: Ralf Rauch, Norbert Hein, Dr. Norbert Vornehm und Herbert Ziegenhahn jr.
Etwa 200 Wähler in spe, vor allem Mittelständler, aber auch Gäste (die Veranstaltung war öffentlich) hatten sich eingefunden zur Diskussionsrunde, vermutlich die einzige, die alle vier Bewerber für den Chefsessel im Rathaus zusammenführte. Dabei sind die Leute, die sich heute hier einfanden, ein bedeutsames Wählerpotential. Vertritt der agile Wirtschaftsverband doch immerhin derzeit 97 Unternehmen, die etwa 6500 Beschäftigte ausweisen. Was Wunder, dass beim Forum Wirtschaftsthemen dominierten, die Kandidaten regelrecht gelöchert wurden, wie sie die Elstermetropole wirtschaftlich voranzubringen gedenken.
Die Bewerber hängen ja seit Tagen schon an den Straßenlaternen (als Plakatkarton, versteht sich), und jeder macht für seine Person mit flotten Losungen Werbung. Noch-Amtsinhaber Ralf Rauch, teilweise ohne und wenn, dann mit schemenhaftem Foto, postuliert: "Parteilos. Echt Gera. Gut für Gera. Leistung statt großer Sprüche". Norbert Hein mit attraktivem Foto fährt großes Geschütz auf mit dem Schlagwort: "Die starke Alternative für Gera". Dr. Norbert Vornehm mit gewinnendem Lächeln gibt sich dezent vornehm mit der Losung "Zeit für Veränderung". Von Herbert Ziegenhahn jr. ist weder Foto noch Wahlmotto im Stadtbild zu entdecken.
Eigentlich ist mit diesen kurzen Losungen grob umrissen, womit der jeweilige Kandidat punkten will. Der parteilose Rauch legte vor den Zuhörern dar, dass er auf den Heimvorteil baue. Er sei mit Herzblut einer von hier, gewissermaßen mit der Stadt verwachsen. Nun ja, sollte Rauch wiedergewählt werden, wäre er 18 Jahre im Amt. Das hat vor ihm nur der tüchtige Horst Pohl geschafft. Der war 25 Jahre lang Stadtoberhaupt.
Rauch will Pluspunkte sammeln: Anteil am Zustandekommen der BUGA, deren Aufsichtsratsvorsitzender er bei der GmbH ist, Anteil zusammen mit der IHK bei der Etablierung der Berufsakademie, deren Fördervereinsvorsitzender er ist, Ansiedlung von Investoren wie z. B. der Loh-Gruppe, Mithilfe beim URBAN-Projekt, wo bisher 150 Arbeitsplätze geschaffen werden konnten. Rauch zählte noch weiteres zu seinem Haben-Konto. Was ihn in Rage bringt: die große Zahl Bedenkenträger, Miesmacher und Nörgler, die Gera schlecht reden und auch ihn persönlich zu diffamieren versuchen.
Norbert Hein, gebürtiger Wolfsburger, von der CDU nominiert, stieg kühn in die Bütt mit der Feststellung: "Ich kann’s!" Sein Wahlprogramm hält er für tragfähig. Selbstbewußt rechnet er zu seinen Erfolgen als Bürgermeister und Finanzdezernent, dass die Schulden der Stadt wesentlich gesenkt und Gelder für wichtige städtische Vorhaben bereitgestellt werden konnten. Fast wie eine Bombe platzte in der Runde seine Mitteilung, dass die SRH-Geschäftsleitung die Ansiedlung einer privat geführten Fachhochschule plant.
Hein will unter dem Leitgedanken "Gera in die erste Liga" eine Wende in der Investitionspolitik, weg von Großprojekten wie Osttangente und Nordanbindung. Das zwei Millionen teure GVB-Kundenzentrum am Puschkinplatz hält er für überflüssig. Er will Investitionen in Bildung, Kultur, Sport und Soziales.
Einzelkandidat Dr. Norbert Vornehm, aus Stuttgart stammend, favorisiert von SPD, PDS und Grünen, verweist vor den Zuhörern wortreich auf seine Verdienste als Stadtwerke-Vorstand und Geschäftsführer des Geraer Verkehrsbetriebes. Er habe letzteren zu einem der erfolgreichsten und kundenfreundlichsten Nahverkehrsbetriebe bundesweit machen können. So sei in den zehn Jahren seiner Managerzeit das Defizit halbiert worden. Fast 80 Prozent der Kosten würden aus eigener Kraft erwirtschaftet und das bei 24 Prozent Leistungssteigerung. Als Kulmination sieht er den von ihm in die Wege geleiteten Bau der Stadtbahnline 1.
Vornehm beklagt die Vernachlässigung des Stadtmarketings und der Wirtschaftsförderung. Die Stadt müsse bundesweit an Bekanntheit gewinnen, um Investoren und Touristen anzulocken. In allen Bereichen der Stadtverwaltung müsse neues Denken einziehen, damit größere Effizienz und Bürgernähe erreicht wird.
Einzelkandidat Herbert Ziegenhahn, von der WASG unterstützt, der noch keine Erfolge im Kommunal- oder Wirtschaftsbereich vorweisen kann, bemängelte scharf, dass es in Gera Versäumnisse auf nahezu allen Gebieten gebe. Die Rechnung, Gera als Handelsstadt zu etablieren, sei nicht aufgegangen. Als katastrophal bezeichnete er den Stand der BUGA-Vorbereitungen (Beispiel: Die Internet-Seite der GmbH). Seine Mitbewerber für das Amt des Oberbürgermeisters hält Ziegenhahn durchweg für unfähig, er sich aber für geeignet.
Stichwort BUGA. Bodo Michaelis, Peter Carqueville, Jörg Tempel oder wer sonst noch das Wort nahm: Sie alle sind ernsthaft besorgt über das unzureichende Marketing, über die vagen Vorstellungen der Programmgestaltung und vor allem auch über das unausgereifte Nachnutzungskonzept.
Der Zeitplan der Diskussionsrunde wurde weit überschritten - ein positives Zeichen. Weniger positiv und Zeichen mangelnder Streitkultur: Die Kandidaten schlugen verbal aufeinander ein, oftmals unterhalb der Gürtellinie. Sie bezichtigten sich wechselseitig der Unfähigkeit. Der Moderator (ein Redakteur der hiesigen Tageszeitung) mußte sogar dem Kandidaten Ziegenhahn mehrfach das Rederecht entziehen.
Jeder der vier Anwärter verstand es mehr oder minder, seine eigenen Vorzüge herauszustellen. Was jedoch bei keinem ausreichte: wirklich konkrete Vorstellungen, wie der Aufschwung in Gera zustandekomen soll. Besonders deutlich wurde das bei der Frage, wie man neue Arbeitsplätze schaffen kann.
Nun hat der Wähler die Qual der Wahl. Was nicht geht: den Favoriten per Akklamation zu wählen. Man muss schon hingehen ins Wahllokal. Was wir in Gera nicht gebrauchen können, ist sachsen-anhaltinisches Wahlverhalten mit 44 Prozent Wahlbeteiligung. Wir brauchen 80 Prozent.

( Harald Baumann, 07.04.2006 )

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