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Das Gütezeichen des letzten Geraer Buchbinders:

Bücher haben es zu hohem Ruhm gebracht. Allen voran die Bibel, das "Buch der Bücher", die Glaubensbücher der anderen Religionen - die überdauerten Jahrhunderte und die in ihnen lebenden Generationen. Andere wiederum waren druckfrisch und fast schon vergessen. Bücher haben so etwas wie eine Doppelfunktion, sie sind der materielle Körper für einen Inhalt, der Zeiten überdauert, oder sie kommen, kaum gedruckt, schon wieder in den Reißwolf, flüchtig fast wie das gesprochene Wort oder die fotografierte Szene, die kaum die Zeiten überdauern. Die Geschichte des Buches hat die Menschheit begleitet, ihr Andenken, ihre Erinnerungen, ihre Ansichten, aber auch ihre Irrwege dokumentiert. "Was Du schwarz auf weiß besitzt, kannst du getrost nach Hausetragen..." Vielleicht trifft selbst das nur bedingt zu in einer Zeit, wo allein in Deutschland weit über 200 Kilogramm Papier pro Kopf der Bevölkerung und Jahr hergestellt werden, Dreiviertel davon für die Buch- und Zeitungsproduktion. Bücher sind zur Ware geworden, deren Wert durch die Nachfrage bestimmt wird. Dabei hatte alles ganz anders begonnen. Die frühesten Bücher wurden im 2. Jahrhundert von den Kopten in ägyptischen Klöstern auf Papyrus geschrieben, mit einfachen Riemen zusammengehalten. Im Orient wurden die einzelnen Bögen schon verklebt. Im Europa des Mittelalters kam Pergament als unersetzbarer Rohstoff hinzu, Mönche hefteten die Blätter zusammen. Nach der Erfindung des Buchdruckes durch Gutenberg war die Buchherstellung umfangreicher und preiswerter geworden. Trotzdem verkauften selbst Buchhändler die Blöcke meist ungebunden, bis sich dann das Handwerk der Buchbinder herausbildete. Ein Handwerk mit langer Tradition, wie der kleine historische Exkurs beweist. Es folgte die industrielle Buchbinderei, die die Handarbeit zwar nicht ersetzen konnte, aber den bereits im 16. Jahrhundert gegründeten Gilden der handwerklichen Buchbinder erheblichen Abbruchtat. Und heute? Gera hat weit und breit noch einen Buchbinder. In seiner kleinen Werkstatt in der Nordstraße geht Volker Schmidt seit 1989 seinem Beruf nach. Ihm scheint es allerdings im Blut zu liegen, denn er vertritt die dritte Generation der Rudolfs und Schmidts, die sich diesem Metier verschrieben haben. Großvater Willy Rudolph war ein weitsichtiger Mann. Er legte ein umfangreiches Lager von selbst hergestellten Papieren an, auch Buntpaper, Leinen, feine Ledersorten... Kaum zu glauben, aber Volker Schmidt kann heute noch aus diesem Lagerbestand zehren. Seine Kunden können davon profitieren. Heute kommt es wieder öfters vor, dass ein altes Buch zum Buchbinder gebracht wird - aus unterschiedlichen Gründen. Manchmal ist es die Achtung der Familientradition, wenn ein betagter Band eine neue Hülle erhält, oft sind es persönliche Bücher, die Geschichte und Geschichten erzählen, oder ein Buch aus dem Antiquariat. Volker Schmidt rettet es vor dem weiteren Verfall, bessert auch einmal ein paar Risse aus... "Es wird wieder mehr, was wir an alten Lexika bekommen, Kochbücher werden gepflegt, Märchenbücher für den täglichen Gebrauch wieder hergerichtet." Da darf es auch einmal eine Bindung aus Kunstleder oder sogar edlem Leder sein. Die Hauptaufgabe besteht allerdings im Binden von Büchern für Rechtsanwälte, Steuerberater und ähnliche Berufsgruppen. Erheblichen Anteil haben Diplomarbeiten, Dissertationen und andere wissenschaftliche Werke. Die Geraer Archive lassen allerdings in einer Strafvollzugsanstalt binden, das sei billiger. Mit etwas Wehmut stellt das Volker Schmidt fest und meint: "Wohl der Lauf der Zeit". Zufrieden gibt er sich allerdings nicht damit, dass sein Berufsstand von mancher Seite stiefmütterlich behandelt wird, er bildet gegenwärtig zwei Lehrlinge aus. Aus Liebe zum Beruf - von der oft gepriesenen staatlichen Förderung für die Lehrlingsausbildung hat er zwar viel gehört, gespürt davon noch nichts. Und so arbeitet er weiter, unterstützt von seiner Frau Gudrun, den Söhnen und eben den beiden Lehrlingen Susanne Landmann und Sandra Hempel. Sternstunden gibt es auch, bei denen die Schmidts ins Schwärmen kommen. So zum Beispiel sind Bücher der Burgruine Reichenfels aus dem 15. Jahrhundert durch seine Hände gegangen. Handschriftliche Werke, die unersetzbar sind! Und von hervorragender Papierqualität! Wenn der Buchbinder ein Blatt in den Händen hält, kann er meist schon sagen, aus welcher Zeit es stammt. Denn auch Papier ist ein Stück Kulturgeschichte, freilich nicht immer eine positive. Während die Pergamente aus grauer Vorzeit die Jahrhunderte weitgehend unbeschadet überdauert haben, führte der Bedarf am Massenrohstoff Papier in neuerer Zeit zwar zu zahlreicher Erfindungen, aber oft hatte ein vermeintlicher Fortschritt fatale Folgen. Die im 19. Jahrhundert beginnende großindustrielle Papierherstellung nutzte Holzschliff als Rohstoff. Im Zusammenhang mit der sogenannten Aluminiumsulfat-Leimung verblieben säurebildende Substanzen im Papier. Meist im Zusammenhang mit falscher Aufbewahrung nahm die Beständigkeit ab. Papier aus jüngerer Produktion erreicht im Regelfall nur noch ein Durchschnittsalter von 30 bis 60 Jahren. Dann vergilbt es oder "rieselt durch die Finger", wie der Buchbinder meint. Laborergebnisse angesehener Forschungsinstitute haben ermittelt, das holzschliffhaltige "saure" Bücher schon nach 20 Jahren über 20 Prozent ihrer Festigkeit verlieren. Mehr als die Hälfte aller Bücher, die zwischen 1900 und 1945 gedruckt wurden, haben heute schon Schäden. Da ist es gut, dass der Geraer Buchbinder noch über Großvaters Reserven verfügt. Oft staunen dann die Kunden, was in geduldiger Handwerksarbeit aus dem "alten Stück" geworden ist, oft ein "Gutes Stück", in wenigen Fällen sogar mit Goldschnitt, denn diese alte Kunst beherrscht der Geraer Meister ebenfalls. Fast ein Markenzeichen ist die Schmidtsche Handvergoldung der Buchrücken, die die meisten Exemplare vor dem Verlassen der Werksatt erhalten. Buchbinderei ist heute allerdings auch keine Nostalgie. Der Computer hat Einzug gehalten, man fertigt Drucksachen in kleinen Serien und gibt einen schönen Jahreskalender heraus, den traditionell der Geraer Rolf Röder mit seinen ansprechenden Zeichnungen gestaltet. Kein Massenprodukt, aber Freunde des Schönen und der Geraer Heimat schätzen ihn. Und natürlich sind die einzelnen Blätter ordentlich gebunden. Bei Schmidts in Handarbeit!

( Reinhard Schubert, 26.12.2003 )

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