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Vom Ende bis zum Anfang

Von Andreas ErbenIn Linda ist es still. Nur auf dem Gemeindeplatz stehen Menschen in kleinen Gruppen. Neuankömmlinge werden begrüßt. Dann geht man langsam gemeinsam hinüber zur Feierhalle, die in unmittelbarer Nähe zu zweianderen öffentlichen Gebäuden steht - der Gemeindeverwaltung und der Kindertagesstätte "Sonnenkäfer". Ein Leben ist zu Ende. Hier, wo sie lebte, liebte, arbeitete und litt, hat man sie aufgebahrt. Als ob nicht nur das Dorf Abschied nimmt von ihr, sondern auch sie Abschied vom Dorf. Tod ist hier keine Privatsache. Seine Anwesenheit wird nichtverschwiegen. Wie die farbigen Fenster des Kindergartens oder die Informationstafel der Gemeinde gehört die Feierhalle zum gemeinsamen Leben. Dieses kleine, einfache Haus am Rand des Gemeindeplatzes bezeichnet den Übergang aus dem Alltäglichen in einen Raum, der mehr dem Ewigen zugewandt ist. Dort steht jetzt der Sarg vor einer Wand von wartenden Menschen. Der Pastor liest Worte aus der Bibel. Die Träger nehmen den Sarg auf. Ein Trauerzug formt sich, schwenkt auf die Dorfstraße ein und zieht in das große ummauerte Oval des Friedhofs, wo sich der Kirchturm in den Himmel streckt. Vorsichtig wird der Sarg hinuntergelassen. "Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden, Jesus möge dich auferwecken am Jüngsten Tage", ruft der Pastor. Dumpf schlägt die Erde auf, einmal, zweimal, ein drittes Mal - wie zur Bekräftigung seiner Worte. Menschenstehen am Rand des Grabes, blicken hinunter, atmen kalte Luft ein undweinen. Die geöffnete Erde hat den leblosen Körper aufgenommen, wird ihn einschließen und endlich ganz zu sich holen. Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du werden. Es ist vorbei - das ist die Botschaft des Grabes. Auf das Begräbnis folgt der Trauergottesdienst in der Kirche, wie es in Linda Tradition ist. Dort wird das letzte Wort gesprochen, ein Wort der Hoffnung. Die Menschen sitzen dicht beieinander. Erinnerungen an längst Vergangenes werden geweckt. Auch von einer gescheiterten Flucht aus Ostpreußen im Winter 1945 wird erzählt. Wie durch ein Wunder kam sie damals über das Eis des Haffs zur Frischen Nehrung. Tiefflieger beschossen die Trecks, weil sich deutsche Soldaten zwischen den Fuhrwerken versteckten. Sie sah, wie Gespanne und Wagen einbrachen und im eisigen Wasser versanken. Menschen schrien in Todesangst.Der Blick richtet sich auf das Altarbild. Jesus, der über die Wogen schritt, streckt seine Hände aus nach Petrus, der versinkt - das hat derMaler Bethge aus Meerane gemalt. Als Zeichen der Dankbarkeit für den Auftrag zur Ausmalung der Kirche hat er es 1911 der Kirchgemeinde geschenkt. Bevor das Gotteshaus nach einer umfangreichen Sanierung endlich im Jahr 1986 wieder eingeweiht werden konnte, setzten die Menschen aus dem Dorf durch, dass die Darstellung des sinkenden Petrus am Altar blieb. Der Pastor weist in seiner Traueransprache auf dieses Bild. Auf dem Wasser gehen, einen aus der Tiefe holen und über die Fluten der Angst stellen - das kann Gott. Am Jüngsten Tag, wenn seine Wirklichkeit unsere Welt sprengen und überwinden wird, werden selbst Tote auferstehen. Wer sich von ihm berühren lässt, wird seiner Hand nie ganzentgleiten und bleibt auch im Tod aufgehoben in seinem Gedächtnis. Wenn Jesus wiederkommt, schafft Gott seine Freunde neu für eine bessere Welt. Die Menschen in der Dorfkirche hören Geschichten aus dem Leben und Worteaus der Bibel. Manchmal streift ihr Blick das Bild am Altar. Jesus rettete Petrus vor dem Untergang. Auch mitten in den Wogen der Trauerkann Gott einen aus der Tiefe ziehen. Nach dem Ende kommt der Anfang

( 22.11.2002 )

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