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Die Familie Reitz hat mit Losen gereizt

Als Kind war ich ein Losbuden-Junkie. An keiner konnte ich vorbeigehen ohne einem Kribbeln in den Händen, ohne den Drang verspürt zu haben zehn zwölf Lose für zwei drei – damals noch – Mark zu kaufen, sie aufzureißen und den Hauptgewinn zu erobern. Mein Augenmerk lag immer auf der Familie. Eines Tages ereilte mich mein Glück, ich ergatterte sie – den heiligen Gral unter den Losen: die Großmutter. Zufrieden und voller Freude zottelte ich mit meinem übermannsgroßen Plüschtier ab – eigentlich war es gar nicht aus Plüsch, sondern mit Styropor gefüllt. Heute mache ich einen großen Bogen um Losbuden jeglicher Art, bis gestern, als ich Thea und Dieter Reitz an ihrer Losbude auf dem Geraer Volksfest besuchte.

Sie sind wahre Urgesteine des Rummelgeschäftes. Fast ein halbes Jahrhundert verbrachten sie auf den Volksfesten dieses Landes.

Vor 46 Jahren heiratete Thea Reitz ihren Dieter und damit in eine Schaustellerfamilie mit Jahrhunderte alter Tradition hinein. „Bereits ein Jahr zuvor, begann ich mit meinem Mann auf Reisen zu gehen. Für mich das perfekte Lebensziel. Ein Bürojob wäre für mich nie in Frage gekommen. Land und Leute wollte ich sehen”, erinnert sich Thea Reitz zurück. Und sie hat gesehen und erlebt: 47 Jahre Halligalli – ein Leben in der Losbude. „Natürlich war nicht alles kunterbunt und Zuckerschlecken. Höhen und Tiefen haben wir erlebt. Wenngleich die Wende für viele Bürger zahlreiche Möglichkeiten bot, waren wir von Rückschlägen gebeutelt. Denn kaum jemand wollte zu dieser Zeit noch einen Rummel besuchen. Die echte schillernde Welt stand nun jedem offen“, macht Thea Reitz deutlich, dass nicht immer der Hauptgewinn wartete. Und wie die Bremer Stadtmusikanten, gaben Thea und Dieter niemals auf. Es sind nämlich Esel, Hund, Katze und Hahn, die es in der Losbude von Reitz‘ zu finden gilt. Und so ist der Esel die Großmutter unter den Bremer Stadtmusikanten. „Während es vor der Wende galt so viele Punkte wie möglich zu sammeln, waren es nach 1990 die musikalischen Tiere, die wir in unserem Tischlein versteckt hatten”, spricht die Schaustellerin mit Herzblut. In wenigen Tagen soll die Ära Reitz vorbei sein, denn mit dem Erlöschen des letzten Lämpchens auf dem Parkplatz am Hofwiesenpark wird das Ehepaar Reitz zum letzten Mal die Rolläden schließen. „Natürlich werden wir mit einem weinenden Auge vom Platz gehen. Wir haben Zeit unseres Lebens hier verbracht, wir sind in all den Jahren zu einer großen Familie zusammengewachsen, haben uns gegenseitig geholfen, einander geschätzt”, dankt Thea Reitz allen Schaustellerkollegen, die ihr in fünf Jahrzehnten begegnet und Freunde geworden sind. Dass sie einander nicht verlassen konnten, konnte das Ehepaar Reitz vor vier Jahren zum Hochwasser 2013 spüren. „Unser Grundstück erinnerte mich an Kriegszeiten. Alles war verwüstet, kaputt und zerstört. Unser komplettes Hab und Gut in Wasser und Schlamm”, erinnert sie sich nur ungern an diese Zeit zurück. Doch anstatt damals schon einen Schlussstrich zu ziehen, das Rentenalter hatte der heute 76jährige Dieter Reitz bereits damals erreicht, rappelten sie sich erneut auf, begegnetem dem Unglück mit Widerstand und Lebensmut und waren zum Geraer Herbstvolksfest 2013 wieder auf Tour. Doch sie zogen einen kleinen Schlussstrich: „Wir bleiben fortan in Gera und Umgebung. Nahmen die letzten Jahre nur noch an Frühlings-, Höhler- und Herbstvolksfest und ein paar kleineren Festivitäten im Umland teil. Doch mit dem 31. Oktober 2017 ist wirklich Schluss. Wobei auch das nur die halbe Wahrheit ist. „Wir werden im kommenden Jahr auf jeden Fall noch die kleineren Feste, wie Agaer Schützenfest und Maibaumsetzen mit unserem Süßwaren-Wagen in der Region mitmachen – zur Freude der Einwohner”, so Thea Reitz, die sich ein Leben ohne Lose, schokolierten Früchten und kandierten Nüssen aus heutiger Sicht nur schwer vorstellen kann.

Die Schaustellerfamilie Reitz verabschiedet sich am 31. Oktober, am letzten Tag des diesjährigen Herbstvolksfestes von den Geraern und ihren Gästen. 

( Fanny Zölsmann, 28.10.2017 )

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