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Ein monatlicher Rechenakt

Nachdem wir in der vergangenen Woche von den Forderungen der LIGA der Freien Wohlfahrtsverbände geschrieben haben, begab ich mich Anfang dieser Woche in eine Kita, um vor Ort nachzuhaken, inwiefern das Problem des Betreuungsschlüssels angepasst bzw. verändert werden müsse. 
Kurz abgeholt: Die Sozialverbände in Thüringen drängen auf Nachbesserungen beim neuen Kita-Gesetz. Die bessere Betreuungsqualität spiele bei dem bisher vorliegenden Gesetzentwurf nur eine Nebenrolle. Und das obwohl gerade eine hohe Qualität in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung unterschiedliche Startbedingungen und Zukunftschancen wirksam ausgleicht. Die LIGA fordert vor allem eine Verbesserung des Personalschlüssels, der noch weit von einer bedarfsgerechten Betreuung, Bildung und Erziehung entfernt sei. Nach den Vorstellungen der Fachverbände sollte eine Fachkraft in der Regel nicht mehr betreuen als zwei Kinder im ersten Lebensjahr, vier Kinder zwischen einem und drei Jahren, neun Kinder nach Vollendung des dritten Lebensjahres, 20 Kinder im Grundschulalter. 
Der aktuelle Betreuungsschlüssel sieht vor: Ein Erzieher bei vier Kindern unter einem Jahr, sechs Kindern zwischen einem und zwei Jahren, acht Kindern bei zwei bis drei Jahren, 16 Kinder ab drei Jahren bis zum Schuleintritt.
Kerstin Schmidt-Kästner, Leiterin der Kita Kinderwelt in Trägerschaft des DRK, gab uns einen Einblick in die Realität des Betreuungsschlüssels und wie dieser monatlich neu berechnet und quartalsweise dem Fachdienst Kinder- und Jugendhilfe vorgelegt werden muss. 
Neben Kerstin Schmidt-Kästner betreuen 16 Erzieher maximal 135 Kinder in der Einrichtung in der Eiselstraße 139. „Da wir eine Belegung von über 100 Kindern haben, steht der Einrichtung eine volle Leitungsstelle zu, das heißt ich bin nicht in die Gruppenarbeit involviert, allenfalls wenn hier wirklich Not an Mann ist. Das kam in den letzten Monaten leider stundenweise öfter vor. Aktuell zählt unsere Kita 100 Kinder, denn es ist Urlaubszeit”, bilanziert die Leiterin.    
Ein Rechenbeispiel: Für den Monat April wurden 672 Arbeitsstunden ausgerechnet. Von den 16 Erziehern sind zwei offiziell mit einer 30-Stunden-Woche angestellt. Aus diesen Zahlen errechnet sich eine Arbeitszeitwoche je Mitarbeiter von 42 Stunden, so sind im Monat April alle der 16 Mitarbeiter 40 Stunden im Dienst. Entweder werden die zusätzlichen zwei Wochenstunden von Kerstin Schmidt-Kästner abgedeckt, die übrigen Stunden werden auf die 30 Stunden-Kräfte umgelegt oder – sofern die nächsten sechs Monate ein ähnliches Bild spiegeln – wird darüber nachgedacht, eine dritte 30-Stunden-Kraft einzustellen und die beiden anderen 30-Stunden-Kräfte, die derzeit Vollzeit arbeiten, geben jeweils Stunden ab. Dieses Rechenbeispiel impliziert nicht die unterschiedlichen Betreuungsstunden, die ein Kind in der Kita verbringt. Denn es gibt Betreuungszeiten von fünf, sechs, zehn und über zehn Stunden. Drei Monate und maximal ein halbes Jahr werden die Kinderzahlen und dazugehörigen Betreuungsstunden bilanziert und ein Arbeitszeitkonto errechnet, welches sich dann auf alle Mitarbeiter des Hauses auswirkt. „Es bleibt dennoch äußerst unattraktiv einem neuen Mitarbeiter einen Arbeitsvertrag von maximal sechs Monaten anbieten zu können. Problematisch wird es zudem, wenn diese befristete Stelle uns innerhalb dieser Zeit wegläuft, weil sie eine lukrativere Anstellung gefunden hat. Dies ist uns im März dieses Jahres passiert. Daher empfinde auch ich eine Planungssicherheit von mindestens einem Jahr für beide Parteien sinnvoller. Die Forderungen der LIGA sind dahingehend nachvollziehbar und notwendig. Wir müssten ein Jahr planen dürfen, doch für die Stadt sei dieses Geschäft zu spekulativ”, erklärt die Leiterin.
Es sind die Personalkosten, die von der Kommune ausgehändigt werden, die Stadt müsste also ein Jahr in Vorleistung gehen. „Und da ist es hier in Gera noch human. Jena fordert eine monatliche Berechnung des Betreuungsschlüssels, während Gera quartalsweise abrechnet.”
 Jeden Monat wird zuerst das aktuelle Alter des Kindes errechnet, dann die jeweiligen Betreuungsstunden, um dann den Betreuungsschlüssel festlegen und die Arbeitsstunden verteilen zu können. „Wir hier im Haus können bei optimalen Bedingungen, das heißt, wenn keine Kollegin im Urlaub, auf Schulung oder erkrankt ist, einen Schlüssel von 1:3 bei den unter Einjährigen, 1:4 bei den Ein- bis Zweijährigen, 1:6 bei den Zwei- bis Dreijährigen und 1:12 bei den ab Dreijährigen vorweisen.” 
Es bleibt ein monatlicher Balanceakt, den Anforderungen des Gesetzgebers nach einer wirtschaftlichen Betreuungsquantität herzuwerden und ein Spagat den Kindern die notwendige Betreuungsqualität zu bieten.
Die LIGA ruft aus diesem Grund zu einer Postkartenaktion auf, die noch bis zum 15. August in den Kindertagesstätten zur Unterschrift ausliegt. www.liga-thueringen.de

( Fanny Zölsmann, 29.07.2017 )

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