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Vermitteln, helfen, motivieren

Sie werden argwöhnisch beäugt und sind doch ein Teil der „Familie“. Sie werden herzlichst begrüßt, und doch immer wieder angelogen, auch verbal angegriffen. Keine Begegnung ist gleich, wenn Andreas Heimerdinger und Andreas Baude durch die Geraer Straßen ziehen, um denen zu helfen, die jeder andere übersieht. Kinder und Jugendliche stehen im Fokus ihrer Arbeit. Diese sind es, die sich ausprobieren, ihren Platz in der Gesellschaft suchen und dabei manchmal, durch verschiedenste Einflüsse, auf Abwege geraten. Hier platzt man nicht mit erhobenem Zeigefinger dazwischen, sondern bietet Lösungsvorschläge und Hilfe an. Doch nicht erst wenn das sprichwörtliche Kind in den Brunnen gefallen ist, werden beide tätig. Zu ihrer Arbeit gehören auch die Gespräche mit Ämtern, Stadt und Schulen, um vorzubeugen, um Projekte ins Leben zu rufen und zu betreuen und auch um aufzuzeigen, an welchen Ecken es in der Jugendsozialarbeit klemmt und wie man dem entgegenwirken kann.

Seit 25 Jahren ist dies nun Alltag für beide, wobei soziale Arbeit im anfänglichen Berufsleben keine Rolle spielte. „Die Wende hat alles geändert. Wir waren beide arbeitslos und vom Arbeitsamt kam das Angebot, sich bei der Stadt zu melden, da diese Straßensozialarbeiter suche. So richtig wusste damals keiner, was diese Stelle für Aufgaben beinhaltet, aber wir haben uns beide vorgestellt und sind jetzt immer noch dabei“, erzählt Andreas Baude. Er selbst hatte zu dieser Zeit Kontakt mit den Gründern der Fachhochschule in Jena und belegte hier einen Kurs zum Thema Soziale Arbeit, wodurch er Einblicke bekam und letztendlich auch den Job. „So ähnlich war es bei mir auch. Es war eine verrückte Zeit und keiner wusste, was passiert. Zum Thema Soziale Arbeit habe ich einen Einblick über eine Freikirche bekommen. Diese war damals verboten, aber hier lernte ich, wie soziale Arbeit im Leben funktioniert“, fügt Heimerdinger hinzu. Anfangs gab es keinerlei Strukturen und es herrschte eine Art rechtsfreier Raum, was die Kids schnell merkten und für sich nutzten. „Es herrschten damals nahezu unvorstellbare Zustände. Dies lag daran, dass sich die Erwachsenen mit dem Umbruch arrangieren mussten. Einige Eltern suchten ihr Glück im Westen und ließen ihre Kinder auf sich allein gestellt zurück. Die Miete wurde weiter bezahlt, aber die Kids waren allein. Das sprach sich schnell herum und so wohnten bis zu 20 Kinder und Jugendliche in einer Wohnung zusammen“, so Heimerdinger.

Dies führte zu Verwahrlosung und einer Art Hinterhofatmosphäre, in der gestohlen und gedealt wurde, aber auch Prostitution Einzug hielt. Es ging drunter und drüber und keiner konnte dem Einhalt gebieten, da keiner wusste, wo die Zuständigkeiten lagen. Hier wollte die Stadt nicht weiter die Augen verschließen und schnürte ein Maßnahmenpaket, was unter anderem beinhaltete, dass Straßensozialarbeiter eingesetzt werden. Dazu gehörten auch Baude und Heimerdinger, die zwar etwas „blauäugig“ und „unerfahren“ auf die Jugendlichen losgelassen wurden, aber in vielen Gesprächen das Vertrauen der jungen Menschen gewannen.

Zudem fing man an mit Behörden, Schulen, Ämtern und Vereinen zusammenzuarbeiten und baute über die Jahre hinweg ein Netzwerk auf, in welchem viele kleine Zahnräder ineinander greifen und somit bestmögliche Hilfe bieten können. Doch es gab auch Rückschläge für das damals junge Team, aber bis heute ist Aufgeben für beide keine Option. „Ja auch bei uns gibt es mal Resignation, aber das legt sich schnell wieder und man nimmt einen neuen Anlauf, um mit den Betroffenen in Kontakt zu bleiben“, erklären beide.

Vertrauen erarbeitete man sich aber nicht nur beim Nachwuchs, sondern auch bei den Verantwortlichen von Stadt und Behörden. Hier war man begeistert von der Arbeit, den Fortschritten, Ideen und vom Aufbau einer funktionierenden Jugendsozialarbeit in Gera. So bekam man eine Festanstellung und konnte sozusagen im laufenden Betrieb die Ausbildung „Soziale Arbeit“ absolvieren. Nachdem erste Strukturen geschaffen waren, merkte man, dass der städtischen Arbeit Grenzen auferlegt sind und dadurch nicht immer das gewünschte Ziel erreicht wird.

So gründete man Ende 1992 den „Streetwork Gera e.V.“, der die Arbeit der Straßensozialarbeiter seitdem ergänzt und mit dem Engagement von Sozialarbeitern und Ehrenamtlichen verschiedenste Projekte im Bereich Jugendsozialarbeit umsetzt. Hinzu kommt, dass durch den Verein unbürokratischer gehandelt und geholfen werden kann. „Wir ergänzen uns sehr gut und über die Jahre sind alle in die Aufgaben hineingewachsen und zusammengewachsen“, so Heimerdinger. Doch Luft holen und Ausruhen ist als Straßensozialarbeiter kaum möglich, denn schließt man hier ein Loch, öffnet sich da ein neues. Nicht nur, dass Gelder für Projekte fehlen, wobei beide klar machen, dass dies zum Teil richtig ist, aber Geld nicht allein an den heutigen Problemen des Nachwuchses Schuld ist. „Die Kids sind Spiegelbild unserer Gesellschaft. Hier trifft das Sprichwort „So schlimm waren wir früher nicht“ zu, denn die nachfolgenden Generationen sind schlimmer. Sie lernen schließlich von den Vorgängern und von den Erwachsenen. Die Gesellschaft ist rauer geworden, die Jugendlichen wurden überall vertrieben und jeder steckt sein Territorium ab. Das überträgt sich und führt auch zu mehr Frust.”

So gehen elementare Dinge verloren und so manches, was in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut wurde, wird wieder eingerissen. Strohfeuer und Phrasen von links und rechts sind dabei nicht hilfreich und konstruktiv, um mit den Kids im Gespräch zu bleiben oder um überhaupt an diese heranzukommen. „Gerade jetzt sprechen ja viele davon, dass die Flüchtlinge besonders schlimm wären. Zum einen ist der prozentuale Anteil verschwindend gering und die Kids, egal woher sie kommen, machen nicht mehr Probleme als deutsche Jugendliche. Sie probieren sich genauso aus wie andere, es fällt halt gerade jetzt mehr auf. Doch viele polarisieren, was sich auf alle auswirkt und dadurch alle auch aggressiver reagieren.”

Beide haben in den vergangenen Jahren viel aufgebaut und bewirkt, was von allen Seiten bestätigt wird. Dabei reden sie ungern über sich selbst und betonen, dass dies nur möglich ist, wenn alle zusammenarbeiten und unnötige Befindlichkeiten außen vor bleiben. Doch einen großen Anteil haben Andreas Heimerdinger und Andreas Baude an den heutigen Strukturen in der Geraer Jugendarbeit, welche durch ein sehr gut verzweigtes Netzwerk funktioniert. Dies ist auch nötig, denn der Bedarf ist da und steigt an. Das weiß auch die Stadt und tut alles dafür, um die Möglichkeiten in der Arbeit mit den Kids auszubauen, auch wenn die finanziellen Möglichkeiten stark begrenzt sind. Ein Zusammenbruch der Jugendsozialarbeit ist nicht zu erwarten, denn Heimerdinger und Baude sind auch nach 25 Jahren noch nicht „Amtsmüde“. Sie sehen sich als Konfliktlöser und wollen weiterhin dazu beitragen, dass die Heranwachsenden bei Problemen Ansprechpartner und Zuflucht haben und mit Hilfe genau den Platz in der Gesellschaft finden, den sie sich selbst wünschen.

( Lars Werner, 25.02.2017 )

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