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Kontinuität und ein neuer Aufbruch

Die Funktion des Stadtoberhauptes ist die höchste staatliche Wahlfunktion, die eine Kommune zu vergeben hat. In Gera ist das die Oberbürgermeisterin bzw. des Oberbürgermeisters. So amtiert Dr. Viola Hahn als zwölfte Chefin nach dem 2. Weltkrieg im Geraer Rathaus. Ihr war es daher vorbehalten, die Vorstellung eines neuen Buches aus dem Geraer Verlag Erhard Lemm zu eröffnen, das zwei frühere Oberbürgermeister als Autoren hat: Horst Pohl und Horst Jäger. Der Titel „Gera im Aufbruch – 1962-1990”. Der Verlagschef hat das 26 Jahre lange Wirken von Horst Pohl als die Etappe der Entwicklung Geras von der Residenzstadt zu einer Bezirksstadt charakterisiert und die Amtszeit seines Nachfolgers Horst Jäger als erneuten Aufbruch.

Zu den Autoren: Horst Pohl ist leider schon verstorben, hat aber vor seinem Tod noch seine Zustimmung zu der Veröffentlichung seines Beitrag gegeben. Dr. Günther Linsel, der viele Jahre als leitender Mitarbeiter von Pohl als Stadtbaudirektor im Rathaus gearbeitet hat, verarbeitete die Aufzeichnungen seines früheren Chefs und die eigenen Erinnerungen zu einem Beitrag, der den Intensionen von Horst Pohl entspricht. Veröffentlicht werden viele Details über die Stadtgeschichte, über den Arbeitsstil des Oberbürgermeisters und den Wandel der Stadt. Das weckt Erinnerungen: Nationales Aufbauwerk (NAW), 20. Arbeiterfestspiele, Gera und sein Interhotel, Gera und die Wismut, die Thüringer Landesmusiktage, den Tierpark, die Städtepartnerschaften. Unverkennbar geblieben ist der Einfluss von Horst Pohl auf die Umgestaltung der Innenstadt. Einen persönlichen Höhepunkt sah er in der 750-Jahr-Feier von Gera im Jahre 1987. „Mir war dieses Vergnügen vergönnt.” Dieser Ausspruch von Horst Pohl wurde überliefert und damit hat er Maßstäbe gesetzt, die auf diesem Gebiet nie wieder erreicht worden sind.

Und was erinnert noch an den Mensch Horst Pohl. Dr. Linsel sieht das so. „Er war ein Mensch, der zu seinen Überzeugungen stand und diese in menschlicher, oft väterlicher Art mit und für die Menschen umsetzte... Es waren nicht nur geschichtsträchtige große Ereignisse, welche seinen Arbeitstag bestimmten, sondern vor allem die vielen kleinen, unspektakulären und dennoch prägenden Dinge des kommunalen Alltages, wie die Wohn- und Lebensbedingungen der Bürger, die heute unvorstellbaren „Versorgungsfragen” die Gewährleistung des Winterdienstes, die Beherrschung von Katastrophen, wie das Hochwasser von 1981 oder auch die Sicherung des täglichen Dienstleistungs- und Transportgeschehens und vieles andere mehr.”

Zu allem gesellte sich bei Pohl eine angeborene Bescheidenheit. „Ich bin ja nur der Mann im Hintergrund”, hat er nicht nur einmal gesagt, wenn er gelobt oder gewürdigt wurde. Manches hat ihm offenbar auch weh getan, nämlich Bau und Verfall des Interhotels. „Pohl hat es mitgebaut, er hat es aber auch abreißen gesehen,” so Dr. Linsel und erinnert sich, „Nach 26 Jahren Dienstzeit dann sein letzter Gang aus dem Rathaus ganz zufrieden nach Hause.” Auf eine Rückschau, die auch nur ein Ansatz von Eigenlob hätte sein können, verzichtete der Alt-OB. Dr. Linsel macht in seinem Buch dafür den Versuch einer Einschätzung: „Man kann die Person des Oberbürgermeisters Horst Pohl wie folgt kennzeichnen: Er konnte und durfte nicht alles, was er wollte, aber er tat oft mehr als er sollte; er sah nie weg, sondern bewusst hin; er hörte ehrlich zu und sprach deutlich aus. Stets als Mensch, der er war und geblieben ist.”

In Ruhe und Zufriedenheit konnte er die Amtsgeschäfte im Mai 1990 an seinen Nachfolger Horst Jäger übergeben. Für den neuen Oberbürgermeister stellten sich Aufgaben einer ganz anderen Art. Er unterzeichnete bereits an 3. Oktober 1988 in Gera und am 7. November dann in Nürnberg eine Partnerschaftsvereinbarung. Vorausgegangen waren zähe Verhandlungen zwischen den beiden zukünftigen Partnern. Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Peter Schönlein war mehrmals in Gera und trug sich auch in das Goldene Buch der Stadt ein. Die Partnerschaft verbreiterte sich deutlich, sogar Sonderzüge kamen aus Nürnberg an, erste Absprachen zu gemeinsamen Vorhaben wurden getroffen, später verwirklicht.

Freilich ging nicht alles reibungslos. Horst Jäger berichte im neuen Buch: „Im Frühsommer 1989 kamen viele Nürnberger Bürger mit einem Sonderzug nach Gera, um ihre neue Partnerschaft auch persönlich kennen zu lernen. Nichts wäre doch selbstverständlicher gewesen, als dass ich unsere Gäste begrüßt hätte. Doch mit einer Festlegung aus der Bezirksleitung Gera der SED war das jedoch untersagt worden.”

Bald gab es die Vorboten für die politische Wende. Sehr beeindruckt zeigte sich der neue OB von der Bürgerbewegung in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen aber dem gleichen Ziel. So gab ein Besuch des katholischen Bischofs des Bistums Dresden Meißen, am 19. Oktober 1989 während der Weihe der Kapelle St. Jakobs in Gera dem anwesenden neuen OB einen direkten Anstoß zum Nachdenken. Daran erinnert er sich noch heute. Dann kamen die Demonstrationen, die immer machtvoller wurden. Rückblickend erklärt Horst Jäger heute, dass das Interesse der Geraer Bürger an den Rathausgesprächen und vielen anderen politischen Veranstaltungen immer größer wurde, es bildete sich der Runde Tisch, an dem auch die neuen politischen Parteien und Vereinigungen saßen. Unmut breitete sich aus, viele Menschen kamen, weil sie erstmals die Möglichkeit hatten, ihrem Ärger und dem über lange Zeit aufgestauten Unmut Luft zu machen. Deshalb sah Horst Jäger veranlasst, die Gespräche in das Haus der Kultur zu verlegen. Die politische Wende war nicht mehr aufzuhalten. Mit den ersten freien Wahlen änderte sich die politische Landschaft grundlegend. Für Horst Jäger war der 23. Mai 1990 der letzte Arbeitstag als Oberbürgermeister der Stadt Gera.

Heute bekennt er: „Besonders schwer waren für mich die Tage kurz vor dem Jahreswechsel 1989/90. Nicht nur, weil mich die Demonstrationen und Kundegebungen voll forderten und es an vielem zur tägliche Sicherung des Lebens in der Stadt fehlte … sondern auch deshalb, weil ich persönlich Enttäuschendes erleben musste... Es wurde beschlossen, mich aus der Partei auszuschließen. Zorn und Ärger gewannen bald die Oberhand, führten zum spontanen Austritt aus der SED (PDS)... Tagelang war ich niedergeschlagen...”

Genau 108 Seiten umfasst das neue Buch. Besonders spannend berichten die Autoren aus ganz persönlicher Sicht, sie werden mit Sicherheit die Leser an vieles Bekannte erinnern. Die Texte werden durch eine breite Kollektion an Fotos ergänzt, die von Frank Schenke, Winfried Mann, dem Stadtarchiv Gera, der Bildstelle der Stadt Nürnberg, Günther Linsel und dem Archiv der Verlages Erhard Lemm stammen. Typografie und Gesamtgestaltung Jürgen Rückert. ISBN 978-3-931635-94-7.

( Reinhard Schubert, 19.11.2016 )

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