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Das Leben ist ein großartiges Geschenk

Angeregt durch die aktuellen Diskussionen zur Sterbehilfe und der Frage, welches Leben eigentlich als lebenswert eingestuft werden kann, haben die Autoren, Uwe Heimowski und Frank Heinrich (Mitglied im Bundestag), nun ein Buch veröffentlicht mit dem sie deutlich machen möchten, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat unabhängig davon, wie gut er „funktioniert“. Neues Gera sprach mit Uwe Heimowski, Pastor in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde G26, Buchautor und Mitglied im Stadtrat. „Ich lebe! Ein Plädoyer für die Würde des Menschen” titelt ihr neustes Werk. Was heißt „leben oder Leben” und was ist die Würde des Menschen?

Ein Mensch besitzt Würde, einfach, weil er ein Mensch ist. Einmalig, unwiederholbar. Der Wert eines Menschen bemisst sich nicht nach seinem Nutzen, seinem ethnischen Hintergrund oder seinem Status, sondern liegt im Menschsein selbst. Dieser Gedanke geht auf die jüdisch-christliche Tradition zurück, die den Menschen als Ebenbild Gottes versteht, weitergeführt haben ihn die Aufklärung und der Humanismus. „Ich lebe!“ soll verdeutlichen: Allein, dass ein Mensch lebt, verleiht im Würde, „lebensunwertes Leben“ ist immer ein Widerspruch in sich selbst.

Wann beginnt ein Mensch zu leben und wann hat er ein Recht auf die Unantastbarkeit seiner Würde?

Jeder, der ein Kind hat, weiß, dass die Kontaktaufnahme zwischen Baby und Mutter schon lange vor der Geburt anfängt. Ethiker streiten darüber, ob das Leben mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle beginnt, oder mit der Herausbildung von Bewusstsein, also etwa ab der zwölften Woche. Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland verboten. In Ausnahmefällen, wenn eine sogenannte „Indikation“ vorliegt, darf während der ersten drei Monate ein Abbruch gemacht machen. Bei der Diagnose Behinderung sind auch Spätabtreibungen bis kurz vor der Geburt möglich. Das halte ich - offen gesagt - für einen Skandal. Sollte ein Mensch mit einer Behinderung kein Recht auf die Unantastbarkeit seiner Würde haben?

In Ihrem Buch, welches Sie gemeinsam mit Frank Heinrich geschrieben haben, geht es um Menschen, die ihre Erfahrungen mit behinderten, kranken Kindern und alten Angehörigen schildern. Wie kam es zu dieser Buchidee?

Ausgelöst wurde es durch die Bundestagsdebatte über Sterbehilfe. Wir haben darüber gesprochen, dass Menschenwürde am Anfang und am Ende eines Lebens zu schützen ist. Wir beide haben Erfahrungen mit diesen Themen in der Familie oder im Bekanntenkreis gemacht. Bei einer unserer Töchter hatten meine Frau und ich die Diagnose bekommen, dass sie eine Behinderung haben könnte, da wurde uns sehr deutlich signalisiert, dass man „so ein Kind“ nicht bekommen müsse. Das setzt einen enorm unter Druck. Solche Geschichten wollten wir erzählen. Geteilte Erfahrungen machen betroffenen Mut.

Wer ist Inhalt dieses Buches?

Nach einem einleitenden Essay zu unserer besonderen geschichtlichen Verantwortung in Deutschland, werden Menschen mit ihren Erfahrungen vorgestellt: Die Mutter eines autistischen Jungen, ein Ehepaar, das ein Kind mit Down-Syndrom adoptiert hat, ein Vater, dessen Tochter im Wachkoma lag, ein Palliativpfleger, der viele Menschen auf ihrer letzen Wegstrecke begleitet hat, und noch einige andere. Sie alle erzählen sehr ehrlich und ungeschönt über ihre Herausforderungen. Zugleich malen sie ein sehr positives Bild von der Würde der Menschen.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Gesellschaft auf eingefahrenen Schienen, vorgefertigten Mustern, bewegt. Fernab des Weges, scheinen sich die Menschen nur ungern bewegen zu wollen. Das Gewohnte zu verlassen, Neues zu wagen oder gar Unbekanntes auszuprobieren scheint für viele mit Angst, Arbeit oder Stress verbunden zu sein. Warum ist die Gesellschaft nicht für das „Unnormale” bereit?

Das sogenannte „Normale“ gibt uns Sicherheit. Selbst im Wetterbericht hören wir, es sei „zu kalt oder zu warm für diese Jahreszeit“. Dabei gibt es diese Norm ja gar nicht wirklich, sie ist nichts als eine fiktive Größe, ein Durchschnittswert. Die große gesellschaftliche Aufgabe besteht darin, das Unbekannte in den Alltag zu integrieren. Behinderte Menschen, alte Menschen, fremde Menschen - sie alle gehören mitten in die Gesellschaft. Das Leben ist ein großartiges Geschenk in einem zerbrechlichen Gefäß, die Schwächsten erinnern uns alle daran.

Sie haben einmal gesagt: „Wenn Glaube Privatsache wäre, hätte Gott jedem einzelnen eine Erde geschaffen.” Wer oder was hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind: egoistisch, engherzig, ablehnend?

Ganz so pessimistisch würde ich es nicht sehen. Es gibt so viele liebevolle Eltern, pflegende Angehörige, engagierte Ehrenamtliche - darüber muss man einfach öfter auch sprechen und berichten. Dennoch gibt es diese gesellschaftliche Kälte natürlich. Woran das liegt? Leistungsdruck spielt sicher eine Rolle, auch medial aufgebauschte Idealvorstellungen, die keiner wirklich bedienen kann, vielleicht auch die Überforderung, sich in globalisierten Welt zurechtzufinden. Die Tragik ist, dass ein Mensch, der sich „in sich selbst verkrümmt“, wie Luther es einmal genannt hat, sich selber ebensoviel Schaden zufügt, wie der Gesellschaft. Egoismus macht einsam, Gemeinsinn dagegen macht reich. Und das ist kein Kalenderspruch, sondern eine alltägliche Erfahrung aus meinem eigenen Leben und aus vielen Gesprächen mit unterschiedlichsten Menschen.

Frank Heinrich I Uwe Heimowski, Ich lebe! Ein Plädoyer für das Leben, gebunden, 128 Seiten, 14,99 Euro, Neukirchener Aussaat, ISBN 978-3-7615-5301-4

Das Gespräch führte Fanny Zölsmann.

( Neues Gera, 02.04.2016 )

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