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Die Biermann-Villa ist ein Hotspot für Gera

Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem verheerenden 1. Weltkrieg hatten sich die Wirtschaft und damit auch das Leben in unserer engeren Umgebung weitgehend erholt und man konnte neue Pläne für die Zukunft schmieden. So wurde zu Jahresbeginn 1919 die Gemeinde Untermhaus mit ihren knapp 7.300 Einwohnern eingemeindet. Sie brachte eine bemerkenswerte Aussteuer in die Zweckehe ein: Schloss Osterstein, Theater, Orangerie mit Küchengarten und vieles andere. Zudem gewann Geras neuer Stadtteil Bedeutung als Wohnsitz betuchter Unternehmer, die stolz darauf waren, im „Westend” Geras zu wohnen. In den zurückliegenden 100 Jahren hat sich vieles verändert, geblieben sind aber Charme und Attraktivität des Stadtteiles.

Bereits im Jahre 1897 ließ sich der Kaufmann Arno Luboldt eine Villa bauen. 1919 kaufte sie der Warenhaus-Besitzer Max Biermann und machte die Villa zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt. Die Dichter Gerhart Hauptmann und Franz Werfel, der Architekt Tilo Schoder, und viele andere Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur waren hier zu Gast. Die Tochter des Hausherrn, Aenne Biermann, hat die Entwicklung der künstlerischen Fotografie entscheidend geprägt. Diese Epoche dauerte bis zur Machtergreifung der Nazis. Wegen seiner jüdischen Herkunft wurde Max Biermann enteignet und in das KZ Buchenwald gebracht, später konnte er in die USA auswandern und ging schließlich Anfang 1940 nach Palästina. Aenne Biermann ist bereits 1933 verstorben. Über die Jahrzehnte hinweg hat sich der Name „Biermann-Villa” erhalten. Der neoklassizistische Bau hat aber nach dem 2. Weltkrieg aber eine traurige Entwicklung genommen: Es folgte ein mehrfacher Besitzerwechsel, einer der Eigentümer hat das Gebäude regelrecht geplündert und ausgeschlachtet. Lediglich die Ausstattung des Aenne-Biermann-Zimmers ist in Teilen erhalten geblieben.

Quartierentwicklung

Seit 2011 arbeitet nun der freie Projektentwickler Christian Matern an einer Konzeption für die Erhaltung der Villa und das anschließende so genannte Biermann-Quartier, den ehemaligen Park der Villa. „Noch bevor die Reihenhäuserplanung begann, war mir klar, dass man mit der historischen Substanz umgehen muss und nicht zuerst über Abriss nachdenken sollte. Ein zweiter Aspekt, der mich umgetrieben hat, ist seit vielen Jahren die Renaturierung des Mühlgrabens. Wir alle wissen, dass Wasser immer ein Stück Lebensqualität ist, und mir ging es von Anfang an nicht nur um die Bebauung von Grundstücken, sondern um eine komplexe, integrierte Gesamtentwicklung mit Blick auf ganz „Neu-Untermhaus”, umschreibt er das Grundziel seiner Arbeit. Villa und Garten haben nach Ansicht von Matern eine ganze Epoche geprägt. Gemeinsam mit dem Naumann-Platz betrachtet er sie als das Gesicht von Neu-Untermhaus. Die umgebende Parkfläche als Kulturraum ist im Laufe der Jahre zum Wald geworden. Viele hilfreiche Ideen der Anwohner konnten im wesentlich überarbeiteten Entwurf des Bebauungsplanes auch wegen des Engagements der Bürgerinitiative eingearbeitet werden. Eingriffe in Natur und Umwelt sollen möglichst schonend erfolgen und trotzdem den Anforderungen unserer Zeit entsprechen. Aber es geht nicht nur um drei neue Gebäude. „Wenn ich 30 bis 35 neue Mieter oder Eigentümer wieder hierherbringe, hat das positive Auswirkungen auf Handel und Kultur. Stabilisierung von Handel und Infrastrukturen schafft man nur, wenn viele Menschen Nachfrage erzeugen: „Das haben ich erst vor kurzer Zeit mit dem Ortschaftsrat diskutiert und dafür auch Zustimmung erhalten.“ Dafür muss natürlich das gesamte Umfeld stimmen.

„Wenn man von neuen städtebaulichen Idee ausgeht, dann müssen wir besonders die Folgen des demographischen Wandels berücksichtigen”, ist der Projektentwickler überzeugt und meint: „Zugespitzt haben wir in Gera wie in vielen anderen Städten seit langem die bedauerliche Situation, dass Familien mit Kindern an den Stadtrand gehen, die ältere Generation geht in barrierefrei umgebaute Plattenbauten, wohlhabendere Singles in schön sanierte Bauten im Stadtzentrum oder in attraktive Stadtteile - wie Untermhaus. Gegen diese Trennung der Generationen bietet mein Konzept eine Alternative. Grundidee ist, dass Familien mit Kindern hier einen guten Platz zum Leben in der Stadt finden, genauso wie ältere Personen und Alleinstehende.“

Klimapolitisches Projekt

Es gibt eine prinzipielle Überlegung: „Wir wollen verschiedene Ebenen verbinden. Eine weitere Ebene ist z.B. die Umwelt. Untermhaus ist leider auch ein Stadtteil in Tallage, der durch den starken Verkehr mit Emissionen belastet ist, z.B. durch die Bundesstraße und den starken Verkehr aus den Westvororten. Wir müssen daneben auch berücksichtigen, dass die Versorgung mit einem zentralen Fernwärmenetz in Gera nur noch eine begrenzte Lebensdauer haben dürfte. Die neue Chance besteht u.a. darin, dass stadtteilbezogene kleine effiziente Block-Heizkraftwerke für Nahwärmenetze langfristig die Energiezufuhr für Wärme und Strom sichern können. Zunächst besteht noch ein Fernwärmenetz, das jetzt an der Küchengartenallee bzw. am Finanzamt endet. Es kann im Rahmen eines Entwicklungskonzeptes weiter genutzt und dann Jahr für Jahr unter Einbeziehung der Eigentümer Straße für Straße ausgebaut werden. Dieser Weg ist allerdings auf eine Perspektive von vielleicht zehn bis 15 Jahren ausgelegt. Dann geht es darum, einen Standort für ein kleines Block-Heizkraftwerk zu finden, das auch mit nachwachsenden Rohstoffen betrieben werden kann. Ich kann mir dafür z.B. das Gelände westlich der Eselsbrücke vorstellen. Ziel ist ein Stadtteil mit weniger Verkehr, weniger Emissionen, ein lebenswerter Stadtteil für Menschen aller Generationen.

Revitalisierung Mühlgrabens

Schließlich sind Revitalisierung und Ausgestaltung des Mühlgrabens ganz entscheidend. „Das Hochwasser hat bei der Beurteilung des Bauvorhabens eine nicht zu unterschätzenden Rolle gespielt. Da hat jeder gesehen: Häuser am Mühlgraben zu bauen und ihn ganz verschwinden zu lassen, könnte kreuzgefährlich werden“, so Matern. Nach der Vorstellung des neuen integrierten Konzeptes in 2012 hat die Stadt Studenten einer Erfurter Fachhochschule gewonnen, die den Verlauf des Mühlgrabens in Untermhaus sehr detailliert und konkret zwischen Biermann-Platz und dem sogenannten Schulgarten überplant haben. Deutlich wurde 2013, dass der Wasserlauf Mühlgraben keine Funktion zum Hochwasserschutz übernehmen kann. Aber richtig ist auch, dass die Wasserfluten über viele Tage nicht ablaufen konnten, was zu erheblichen Gebäudeschäden führte. Die Durchlassfähigkeit muss deshalb kurzfristig wieder hergestellt werden, um im Überschwemmungsfall neue Schäden im Stadtteil zu verhindern, fordert Matern. „Mein Projekt sieht darüber hinaus mittelfristig vor, dass ein kleines Einlaufbauwerk am Biermannplatz errichtet wird, das zeitweise Wasser aufnehmen und in den Mühlgraben ableiten kann”, so der Planer und kommt zur Villa zurück: „Sie ist kein eingetragenes Denkmal, aber ein Denkmal”, und es ist durchaus berechtigt, wenn er sagt: „Das ist ein Hotspot für Gera.” Aus einer historischen Villa soll ein Gebäude werden, das in Verbindung von alter und neuer Baukultur ein architektonisches Ausrufezeichen für Gera setzt. Die Parkanlage wird in Teilen behutsam erhalten und von Parkplätzen im Innern freigehalten. Dazu wird eine innovative Lösung umgesetzt: Die zwei neuen Gebäude verfügen im Erdgeschoss über ein offenes Parkdeck, darüber sind die Wohnungen.

Wenn man Bauen will, braucht man Visionen. Bei der Umgestaltung vorhandener Substanz erhöht sich der Schwierigkeitsgrad, es muss eine Übereinstimmung der baulichen Möglichkeiten mit den Wünschen der neuen Eigentümer und ansässigen Anlieger erreicht werden. Aber vielleicht überzeugt ein Zukunftsbild: Fast parallel zur Kantstraße verläuft der Mühlgraben. Er ist von alleenartig von Bäumen flankiert. Und schließlich gibt es noch drei Veteranen unter den Bäumen, die erhalten werden, darunter Geras höchsten Ginkgo-Baum. Wenn alles glatt läuft, gewinnt der gesamte Stadtteil weiter an Attraktivität. Schließlich kann man dann im Jahre 2019 mit einem großen Fest ein Jubiläum feiern: 100 Jahre Untermhaus bei Gera.

(Kontakt: Christian Matern - christianmatern@weg.de; Bürgerinitiative – post@luboldt-garten-info)

( Reinhard Schubert, 21.02.2015 )

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