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Crystal Meth erobert den Markt

Es scheint, als ob jede Zeit auch irgendwie ihre typische Droge hat: Bei der Woodstock-Generation war es Marihuana, in den Discos der 90er nicht selten Ecstasy und heute, zu Zeiten von „Ellenbogengesellschaft“ und Individualismus, ist es immer häufiger das sogenannte N-Methylamphetamin – auch Crystal Meth genannt. Eine synthetische Droge, billig in der Herstellung, gefragt auf dem Markt und vor allem: absolut hochwirksam. „Die ostdeutsche Nähe zu den Nachbarstaaten, ein für den Konsumenten attraktives Preis-Leistungsverhältnis sowie ein hohes Altersspektrum der Konsumenten und kein genaues Zuordnen zu einer bestimmten Szene sorgen dafür, dass sich die Droge gerade auch in Gera relativ schnell und unauffällig verbreiten konnte“, beschreibt Suchtberater Jan Janovic den stetigen Anstieg der Droge zum Geraer „Marktführer“ bei den chemischen Substanzen.
Doch was ist dieses Crystal Meth, wer konsumiert es und was richtet es im Körper an? Um zu diesen und weiteren Fragen die passenden Antworten zu finden, beschäftigte sich vergangene Woche in Gera eine Tagung des Bündnisses für Straßenkinder in Deutschland e.V. mit dem Schwerpunkt Drogen – insbesondere Crystal Meth. „Die Droge, die ihren Namen der kristallinen Form verdankt und bei uns in der Stadt zumeist rein und ungestreckt auftritt, ist nicht neu. Gerade die letzten Jahre aber verdrängte sie andere Drogen immer mehr vom Markt, was hauptsächlich auch den verschiedenen Anwendungs- und Wirkungsformen zuzuschreiben ist“, weiß Janovic, dessen Team zunächst ebenfalls mit dem Erkennen und Beraten eines Crystal-Konsumenten überfordert war. „Hausfrau, Geschäftsmann, Schüler – die Konsumenten kommen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen  Schichten und zeigen bei geringerer Dosierung auch nicht die üblichen Auffälligkeitserscheinungen wie andere Drogensüchtige. Mittlerweile haben wir jedoch einige Methodiken zur intensiveren Beratung – auch wenn wir vom Gesetz her keine ambulante Therapie anbieten können.“
Ob Leistungsdruck im Job, Lernstress bei Prüfungen oder einfach nur für das Organisieren des Alltags: es ist das große Wirkungsspektrum, was die Betroffenen zum „Schnupfen“, Rauchen oder in seltenen Fällen auch Spritzen der Droge verleitet.
Genauer betrachtet sind jedoch Wirkung und Nebenwirkung bei Crystal-Konsumenten eine Anreihung verschiedener Paradoxen. Dem „Drei-Tage-wach-Zustand“ folgen die Schlafstörungen, der Informationsaufnahme vor Prüfungen die Erinnerungslücken, dem euphorischen Wohlbefinden die Aggressivität. Eine direkte körperliche Abhängigkeit gibt es zwar nicht, aber die Neben- und Entzugserscheinungen verlangen durch schlechte Ernährung und innerliche Unruhe bishin zu Schäden an Herz, Nieren, Magen und Zähnen dem Körper häufig alles ab. Doch die Angst, etwas zu verpassen, ist enorm, die Befürchtung, anders als die anderen zu sein, erdrückend. Und so holen sich die Konsumenten ihre Dosis Selbstbewusstsein durch eine individuelle Dosis Methylamphetamin – für die kontrollierte Tagesstrukturierung bis hin zum bewussten Vollrausch.
„So wie bei fast allen Drogen ist eine individuelle Behandlung der Patienten  entscheidend – gerade, wenn es sich noch um Kinder oder Jugendliche handelt. Mit ihnen reden, auf sie einwirken, Alternativen aufzeigen oder in den schlimmeren Fällen der gemeinsame Weg zur Therapie oder zur Entgiftung sind Aufgaben, denen wir uns als Bündnis und Jugendhelfer verpflichtet fühlen“, appelliert Bündnisvorsitzender Jörg Richert dazu, jede Art von Drogen und deren Konsum ernst zu nehmen. Er weiß um die Wichtigkeit des direkten und bilateralen Austausches der Bündnispartner bei den regelmäßigen Treffen oder bei Zusammenkünften der Jugendlichen, wie z.B. zur 1. Bundesstraßenkinderkonferenz vom 19. bis 21. September in Berlin. 
Ebenfalls dort vor Ort: der Streetwork Gera e.V., Bündnispartner und ein wichtiger Teil der städtischen Jugendsozialarbeit. Dessen Vorsitzender Andreas Heimerdinger weiß: „Nicht nur das Crystal, sondern der Mischkonsum mit dem Schwerpunkt Alkohol und die häufig einhergehenden, sozialen und soziologischen Probleme bilden eine große Gefahr für die Jugendlichen. Prävention, also vorbeugendes Handeln auf verschiedenen Ebenen, ist daher enorm wichtig.“ 
Gleichzeitig warnt der Jugendsozialarbeiter vor gängigen Pauschalisierungen: „Nicht jeder Konsument ist gleich ein Junkie, nicht jeder Abhängige ist unheilbar.“ Mit dieser Art Vorurteilen der breiten Öffentlichkeit sehen sich die Streetworker beinahe täglich konfrontiert und versuchen, mit ihrer Arbeit und immer knapper werdenden Mitteln für ein größeres Verständnis bei der Thematik zu sorgen. 
Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht – um diese effektiv und legal zu befriedigen, sind mehrere Faktoren nötig. Die Gewährleistung einer finanziellen Planungssicherheit für Organisationen und Vereine wie die Suchtberatung oder Streetwork e.V. sollte dabei jedoch nicht die größte Hürde für die Bekämpfung der (Sehn)-Süchte darstellen.

( vorstufe, 21.03.2014 )

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