Partner

gebr_frank.jpg
verlag_dr_frank_gmbh.jpg
onicom.de.jpg
gera.jpg
RPG_Logo_1.jpg


Hinweise

acrobat_reader.jpg

Button_E_paper.png

Schlagzeilen der Woche

zurück

Rohstoffbasis sowjetischer Atomindustrie

Am Stichtag, die letzte Stadtratssitzung am 6. März, zu der die Resolution „Erhalt der Sammlung der Wismut in Gera” von OB Dr. Viola Hahn verlesen werden sollte, stand nur noch die Unterschrift von Fraktionsvorsitzenden Kerstin Pudig aus. Ihre Begründung: Die Wismutkunst habe in Expertenkreisen keine kunsthistorische Bedeutung, weil sie Auftragskunst der Wismut SDAG war und sich einzig mit ihrem Bergbau auseinandergesetzt hat. 
Weit über 3.000 Besucher folgten bereits den Rufen der „Sonnensucher”. Die aktuelle Ausstellung der Kunstsammlung zeigt in der Orangerie „Die Kunstsammlung der Wismut. Eine Bestandsaufnahme.“ Die Exposition zeigt 150 Arbeiten aus der Sammlung, die hauptsächlich im Rahmen damaliger Pleinairs entstanden sind (ein Widerspruch in sich, denn unter freiem Himmel haben die Künstler nicht gearbeitet. Sie schufen ihre Werke unter Tage.)  Insgesamt gibt es mehr als 4.200 Werke von 450 Künstlern aus der damaligen DDR und der Sowjetunion. 
Über Jahrzehnte haben Zehntausende Bürger der Stadt mit der und für die Wismut gelebt und gearbeitet. Der Uranbergbau war für Gera und ihre Bevölkerung prägend. Für viele ehemalige Kumpel und ihre Familien ist die Annäherung an die Wismut-Kunst daher eine Wiederbegegnung mit ihrem Arbeits- und Lebensalltag. „In Gera ist nahezu jede Familie mit der Wismut verbunden. Unsere Stadt ist Heimat für sie – und so sollte die Wismut-Kunst ihre Heimstätte in Gera finden. Über den künstlerischen Beitrag zur Brauchtumspflege des Wismut-Bergbaus hinaus wird ein touristischer Anreiz geschaffen. Die Wismut-Kunst spiegelt auf ihre Weise die weltgeschichtliche Dimension des Uranerzbergbaus in der Zeit des Kalten Krieges, unmittelbar an der Nahtstelle zweier Gesellschaftssysteme, wider. Bei fortschreitender Sanierung und dem Entstehen neuer Landschaften werden mit der Wismut-Kunst Zeitzeugnisse dieses geschichtlichen Kapitels bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich bleiben. Mit Erhalt und Pflege der Wismut-Kunst verbunden ist ihre wissenschaftliche Aufarbeitung unter kunsthistorischen Aspekten. Wir appellieren an die Entscheidungsträger im Bund, im Freistaat Thüringen und bei der Wismut GmbH, die Wismut-Kunstsammlung in ihrer Gesamtheit zu erhalten, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – und ihr eine Heimstätte in Gera zu geben”, steht es in der Resolution geschrieben.
Doch wie bewerten Kunstexperten und Wegbereiter der Wismut-Kunst diese Forderung?   
„Ziel dieser Ausstellung ist neben der Präsentation bislang weitgehend unbekannter Werke auch die öffentliche Debatte um Geschichte, Stellenwert und Zukunft der Wismut-Kunstsammlung. Von entscheidender Bedeutung sind Fragen nach dem sozialdokumentarischen und künstlerischen Wert der vertretenen Werke. Zudem sollen die kulturpolitischen und unternehmensspezifischen Mechanismen bei der Anlage der Sammlung wie auch bei der konkreten Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern in den unterschiedlichen Phasen der DDR-Geschichte beleuchtet werden”, erklärt Holger Saupe, Leiter der Kunstsammlung Gera. 
„Eine Stadt, die durch die Wismut gewachsen ist und vielen Menschen eine Lebensgrundlage bot und heute 35.000 Bürger verlor, das millionenschwere Unterfangen Kunsthaus in den Sand setzte, das Kultur- und Kongreßzentrum zum Abschuss freigibt und ständig damit beschäftigt ist, Hauhaltslöcher zu stopfen, ist glaube ich nicht in der Lage, ein so bedeutendes Thema wie die Kunstsammlung der Wismut alleine schultern zu können”, zweifelt der diplomierte Volkswirtschaftler Alexander Schott. Bevor Schott nach der Wende sein Reisebüro eröffnete und den Bürgern Kunst und Kultur in fernen Ländern nahebrachte, beschäftigte er sich mit der Kunst unter Tage. Er leitete u.a. die drei Pleinairs, die in den 80er Jahren im Nachtsanatorium der Bergbauarbeiter in Berga/Elster stattfanden. Die Auswahl der Künstler, die an dieser Freilichtmalerei teilnehmen durften, wurden aus dem Verband der bildenden Künstler der DDR und Sowjetunion auserkoren. Rund 40 Prozent dieser Werke kaufte die damalige SDAG Wismut selbst auf. „Und auch wenn es sich größtenteils um Auftragskunst handelte, schien sich das Unternehmen nie einzumischen und fuschte den Künstlern nicht ins Handwerk. Ich habe mich immer gewundert, wie viel Freiheit sie geduldet haben”, erzählt Schott. Denn die Wismut brachte nicht nur Positives für die Region. So sind und bleiben die Werke ein Spiegel menschlicher Machtkämpfe und der Aufrüstungs- und Kriegsmaschinerie. „Das in der DDR geförderte und aufbereitete Uran war die Rohstoffbasis der sowjetischen Atomindustrie und wurde als Reparationsleistung gegengerechnet. Heute ist die Wismut GmbH ein Bundesunternehmen und mit der Sanierung und Rekultivierung betraut. Der Bergbau wird immer ein riesiger Eingriff in die Natur bleiben. Noch in hunderten von Jahren werden wir uns mit den Endlagern von Atommüll beschäftigen müssen”, macht der diplomierte Volkswirtschaftler deutlich. Die Wismut-Kunstsammlung ist dafür ein guter, mahnender und historischer Fingerzeig, den es zu erhalten gilt. „Doch meine Heimatstadt allein würde sich mit dieser Sache übernehmen, der Bund darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen”, so Alexander Schott. „Die heutige Geschäftsführung der Wismut GmbH sieht einen dauerhaften Standort in unserer Region, doch mögen sie auch die Lösung der Umsetzung mitbringen. Denn eine Sammlung kann nicht einfach irgendwo abgestellt werden, sie bedarf der Pflege, Sicherung, Verwaltung und eigentlich den dauerhaften Zugang für den Bürger. Eine solche Verantwortung geht mit enormen Kosten einher”, macht Kunstexperte Holger Saupe deutlich und findet es wichtig, dass politische Diskussionen stattfinden. Die aktuelle Debatte sei ein guter Anlass, grundsätzlich über Kunst und Kultur in Gera nachzudenken. „Wie wird es z.B. nach dem Auslaufen des Vertrages 2016 mit dem Theater weitergehen? Wohin werden sich die Angebote der Museen entwickeln? Klar ist, Gera kann sich Kunst in der Form nicht mehr leisten, aber was wollen wir den Bürgern noch zugestehen”, führt Saupe die krisenhafte Situation vor Augen. 
Generell sieht Schott in der Wismut-Kunst eine Chance für Gera, aber „nur mit einer langzeitlichen Finanzierung des Bundes inklusive einer wissenschaftlich-künstlerischen Begleitung. Doch derzeit habe ich eher die Befürchtung, dass wir uns als Stadt wieder übernehmen und es wieder nichts wird. Wenn sich Gera zur Kunst der Wismut bekennen will, sollte sie mit dem Wandbild ‚Die friedliche Nutzung der Kernenergie‘ von Werner Petzold beginnen. Seit sechs Jahren steht dieses meterhohe Kunstwerk in der Nähe der Halde Beerwalde allein und verlassen auf einem Feld. Beweisen wir Mut und holen dieses diskussionswürdige Gemälde nach Gera, denn auf einem Feld hat es nicht zu suchen”, mahnt Schott an, kleinere und glaubwürdigere Schritte  zu gehen. „Wir sollten eine Prioritätenliste für die Kulturlandschaft  Geras aufstellen und sollten uns zuerst um das Geburtshaus von Dix kümmern. Mit dem Phänomen Dix umzugehen und es konsequent weiterzuentwickeln, ist uns in den letzten Jahren nicht gelungen. Andere Städte haben nicht geschlafen und sind uns nun Meilen voraus”, bringt es Saupe auf den Punkt. 
Gera hat Potential in vielerlei Hinsicht, nur muss die Stadt auch bereit dazu sein, ihre Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen.

( Fanny Zölsmann, 21.03.2014 )

zurück