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Mensch, Nazi!

„Gera ist im Zentrum so was von hässlich geworden ...“ – mit so einer direkten Eröffnung hatte ich nicht gerechnet, neulich, zur Mittagsstunde, im Goethe-Gymnasium. Und die anwesenden Gäste, zumeist Schüler der zehnten und elften Klasse des Gymnasiums, waren wohl ähnlich erstaunt. 
Aber im Laufe der Veranstaltung sollte sich zeigen: es ist eben genau diese offen und ehrliche Art des Stephan Krawczyk. Die Aula war bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele warteten gespannt auf den Vortrag des gebürtigen Weidaers, des Liedermachers und DDR-Dissidenten. Und dann noch der Titel seines Buches: „Mensch, Nazi“ – auch ich fieberte dem Beginn entgegen. Zusammen mit Schulleiter Dr. Joachim Hensel kam der dunkel gekleidete und recht rustikal wirkende Künstler auf die Bühne. Beide kannten sich seit der Schulzeit, verfolgten die jeweils unterschiedlichen Werdegänge des anderen und nachdem der heutige Berliner bereits vor zwei Jahren an gleicher Stelle zu Gast war, entschied man sich zu einem erneuten Wiedersehen – diesmal in Form eines Liedvortrages und diesmal auch mit mir. 
Nachdem der erste „Schock“ der Eingangsworte recht schnell verflogen war, kam schon die nächste Überraschung: statt sich und sein Buch vorzustellen, griff der Schriftsteller zur Maultrommel und improvisierte eine Eingangsmelodie. Kein stumpfes Vortragen, sondern interaktive Kommunikation aus Lesung und musikalischen Einwürfen – so punktet man speziell bei der Jugend, auch wenn diese der Aufforderung zum Mitsingen  zunächst nur verhalten nachkam. Doch zurück zum Buchtitel, welcher mich schon aufgrund der offensichtlichen Zweideutigkeit so interessierte. „Mensch, Nazi“ beruht auf einer wahren Begebenheit, basierend auf einem Kneipentreffen des Autors mit einem ehemaligen Neo-Nazi, welcher Krawczyk seine Geschichte erzählte. 
Clemens, so wie er im Buch genannt wird, ist für den Autor eine Art Sinnbild für den Absturz der Jugend durch das System. In der DDR ohne Mutter aufgewachsen, der Vater Alkoholiker, bis zum elften Lebensjahr im sozialistischen Kinderheim, Schule schwänzen und nach der politischen Wiedervereinigung Stück für Stück der Abrutsch in die Kriminalität. Clemens und sein Freund Enrico wollten anders sein. Getrieben voller Unsicherheit, Angst und Hass auf den Status Quo, änderten sie ihr Aussehen, rasierten sich Glatze, riefen „Heil Hitler“ und wurden zur Kameradschaft. Ein Umzug nach Mecklenburg verstärkte Zorn und Gewalt bei Clemens, ließ ihn immer weiter in den rechten Sumpf abstürzen. Alkohol, Provokationen, Schlägereien standen von nun auf der Tagesordnung. Immer mehr wurde er zum ideologischen Spielzeug, zur Marionnette, von älteren, bekennenden Nationalsozialisten.
Mit rauchiger Stimme, aber doch irgendwie emotional und gefühlvoll, gewährte Stephan Krawczyk den Zuhören detaillierte Einblicke in das Leben eines verzweifelten jungen Mannes,  für den erst durch die Begegnung mit einem kleinen Jungen und dessen Kinderbuch das fast schon aussichtslose Umdenken begann... 
Aufbäumen gegen bestimmte Ideologien und mehr Selbstentfaltung der eigenen Meinung – Intentionen, die dem Liedermacher mit seinen regimekritischen Texten einst ein DDR-Berufsverbot bescherten, ihn sogar für 15 Tage hinter Gitter brachten. Doch Stephan Krawczyk war und ist kein Kind von Traurigkeit, lässt sich nicht verbiegen, spricht das aus, was nach seinem Empfinden auszusprechen ist – und erntete für seine Art und seinen Vortrag minutenlangen Applaus. „Geht auf Leute zu, die anders sind, so wie die Nazis. Setzt Euch mit ihnen auseinander, versucht sie zu verstehen, nehmt sie ernst: erst dann kann ihnen geholfen werden, aus ihrer Situation und Verzweiflung zu fliehen“, richtete der Unbeugsame seinen Appell an die Schüler. 
„Er sagt immer seine Meinung, so ist er einfach. Und das ist gut so“, waren die verabschiedenden Worte von Schuldirektor Hensel. Dies fanden auch die Goethegymnasiasten, dies finde auch ich!
Mensch, Nazi: Ein Roman
160 Seiten
ISBN: 978-3-86921-105-3

( Benjamin Schmutzler, 14.03.2014 )

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