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Wenn der Alltag zum Albtraum wird

Schweißgebadet wacht Sabine K.* auf. Es ist 6.15 Uhr am Montagmorgen, ein entspanntes Wochenende ohne Sorgen und Stress liegt hinter ihr. Jetzt beginnt der Alltag von vorn. Bereits der Schritt aus dem Bett fällt ihr schwer. Auch der von ihr so sehr geliebte mexikanische Kaffee scheint ihr nicht mehr zu schmecken. Alle Handgriffe, die sie einst mit Leichtigkeit nahm, fallen ihr nun schwer, selbst das frühe Aufstehen. Doch was ist passiert? Galt sie doch immer als ein lebensfroher, fleißiger und hilfsbereiter Mensch, der gerne dem Montagmorgen entgegensah.

Während Sabine K.* völlig gleichgültig ihren Kaffee schlürft und nach zwei Bissen ihr Marmeladentoast auf den Teller legt, liest ihr Mann Heinz* in seinem allmorgendlichen Ritual die Zeitung.

Seit Wochen versteht er seine Frau nicht mehr. Sie beklage sich über die Arbeit, die ihr kein Spaß mehr mache. Die Kollegen würden sie meiden, sinnlose Arbeiten müsse sie erledigen, kritische Blicke ernten und ihre Entscheidungen würden nicht mehr ernst genommen werden. Bis jetzt hat er immer angenommen, seine Frau übertreibt. Denn angefangen habe es, nachdem sie nach einem längeren betriebsbedingten Auslandsaufenthalt an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte.

Er liest „Selbsthilfegruppe sucht Mitstreiter - Wenn der Alltag zum Albtraum wird”, steht es in der Überschrift geschrieben. Er liest weiter. „Weigern sich Ihre Kollegen, mit Ihnen zusammenzuarbeiten? Werden Sie absichtlich von betrieblichen Feiern ausgeschlossen? Ernten Sie nur noch Kritik und verachtende Blicke? Werden Ihre Entscheidungen in Frage gestellt? Müssen Sie sinnlose Aufgaben erfüllen, obwohl Ihre Fähigkeiten einst geschätzt wurden? Falls ja, werden Sie mit großer Wahrscheinlichkeit gemobbt.

Um ganz sicher gehen zu können, sollten Sie sich fragen, wie häufig und wie lange solche Handlungen schon vorkommen? Mobbing liegt dann vor, wenn mindestens eine der Handlungen einmal in der Woche und über ein halbes Jahr hinweg vorgekommen ist. Eine Geraer Selbsthilfegruppe befindet sich im Aufbau, um genau jenen Menschen, die dergleichen oder ähnliches erleiden müssen, zu helfen und gemeinsam Lösungsansätze zu finden.

Morgen findet ein erneutes Treffen der Selbsthilfegruppe statt.” Endlich findet Heinz K.* die Antwort. Gemeinsam mit seiner Frau geht er am Dienstagabend zum besagten Treffen.

Vor gut einem halben Jahr hat Amanda Meier* diese Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen. Sie ist selbst ein Mobbing-Opfer. „Nach einer langen Krankheit konnte ich an meinen alten Arbeitsplatz nicht mehr zurückkehren. Ich wurde innerhalb der Behörde in eine andere Abteilung versetzt. Doch hier fing der Spuk erst an. Es waren weniger die Kollegen, die mich nicht beachtet haben, sondern vielmehr der Teamleiter. Vor versammelter Runde kritisierte er mich, schenkte mir kaum Beachtung und versuchte diese Stimmung auch auf das Team zu übertragen”, erzählt Amanda Meier* in der Runde. Gut ein Jahr war sie dem ausgesetzt. Nachdem sie unter Schlafstörungen litt und erneut krank wurde, war es ihre Tochter, die ihr Mut und Zuversicht zusprach, sich wehren zu müssen und zu können.

„Ich habe mich an den Personalrat gewendet und mein Problem geschildert. Nach einer erneuten Versetzung kann ich nun wieder beruhigt dem Arbeitsalltag entgegen sehen”, macht die Leiterin der Selbsthilfegruppe den anderen Mitgliedern Mut, dass sich etwas ändern kann.

„Das Verlassen der Opferrolle ist schwierig aber machbar. Man braucht gar nicht so viel Mut, sondern vielmehr die Chance. Man muss begreifen, dass es ein Makel ist aber das Leben auch nicht gerade läuft. Es ist ein Zustand, den man abstellen kann”, bekräftigt SOS-Mitarbeiterin und Leiterin des Café Krümel Sigrid Müller, die nicht nur die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt, sondern den Opfern auch beisteht.

„Mobbing ist ein Faktor, den man nicht unterschätzen sollte. Abgesehen davon, dass er Millionen an Krankenkassenkosten verschlingt, ist er ein Spiegel unserer Gesellschaft - der Ellenbogengesellschaft”, macht Sigrid Müller deutlich. „Oft gibt es einen Hintergrund, um jemanden aus einer gewissen Stellung herauszumobben und dabei ist jedes Mittel recht”, weiß sie.

Noch zu wenige Menschen, die sich in gleichen oder ähnlichen Situationen befinden, erkennen ihre Situation, dass sie nicht Schuld haben oder erkennen, dass es nicht normal ist, von seinen Kollegen oder Vorgesetzten psychisch ins Abseits katapultiert zu werden. Zu wenige haben den Mut darüber mit jemanden oder speziell mit ihren Chefs zu sprechen.

So hat auch Carla Tannhäuser* Angst unter ihrem richtigen Namen aufzutreten. Seit vielen Jahren arbeitet sie in einem Geraer Betrieb. Angefangen habe es ebenfalls nach langem krankheitsbedingten Ausfall. Abgewendete Blicke, Tuscheleien, Grüppchenbildung durchziehen ihren Alltag.

Ein Antrag auf Versetzung wurde abgelehnt, ihre Teamleiterin lehne Vieraugen-Gespräche ab. Carla Tannhäuser* steht allein auf weiter Flur. Den Job wechseln? „Wer soll mich in meinem Alter noch nehmen”, antwortete sie verzweifelt. „Hier in der Selbsthilfegruppe finde ich Gehör, Tipps und Ratschläge, auch wenn meine Probleme damit noch nicht gelöst sind.“

„Doch gemeinsam können wir Lösungsansätze finden, uns gegenseitig ermutigen und noch mehr Opfern die Hand reichen, sich ihrer Situation zu stellen”, lädt die Leiterin der Selbsthilfegruppe Menschen, denen es ähnlich geht, ein, sich der Gruppe anzuschließen.

Menschen, die sich in ähnlichen Situationen befinden, können unter der Email: Sigrid.Mueller1@sos-kinderdorf.de mit der Selbsthilfegruppe vorab in Kontakt treten. 

 *Namen von der Redaktion geändert.

( Fanny Zölsmann, 28.02.2013 )

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