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Einst Drehkreuz der Eisenbahn

Die Eisenbahn ist heute für viele eine Attraktion geblieben. Die typischen Töne der Lok-Signale sowie das Prusten der Dampfmaschinen bei Fahrtbeginn haben sich im Bewusstsein der älteren Generation eingegraben. Aber die Erinnerung an die Dampfrösser auf der Schiene ist zum Hobby einer großen Fan-Gemeinde geworden. Wenn eine historische Bahn auf die Gleise geschickt wird, werden Tausende von Fotos geschossen, aus Bewunderung für die Technik oder auch nur wegen der Freude über die Leistungen vieler Enthusiasten der Bahn-Oldtimer, die in ungezählten Stunden fast liebevoll alte Maschinen originalgetreu restaurieren und sie als Zeitzeugen erhalten bzw. wiederherstellen.
Die gute alte Eisenbahn wurde auch für Gera so etwas wie ein Konjunkturbarometer der Wirtschaft und damit der gesamten Entwicklung der Stadt in den vergangenen 150 Jahren. Genau 39 Jahre nachdem am 7. Dezember 1835 zwischen Nürnberg und Fürth auf einer Länge von rund sechs Kilometern das erste schnaufende Ungeheuer in Deutschland auf die Gleise geschickt worden war, erreichte die Eisenbahn 1859 auch Gera und fuhr fortan über Zeitz nach Weißenfels. Dazu war der Preußische Bahnhof errichtet worden, der sich bereits auf dem Gelände befand, auf dem 1881 der noch heute existierende Hauptbahnhof gebaut wurde. Ursprünglich ein Zweckbau mit reichen Verzierungen an der Fassade, die allerdings zwischen 1958 und 1963 entfernt worden sind. Für den reibungslosen Verkehrsablauf wurde der Personenbahnhof durch einen kombinierten Rangier- und Güterbahnhof sowie ein Bahnbetriebswerk ergänzt. Beide Einrichtungen gibt es heute leider nicht mehr. Ab 1892 gab es für den Güterbahnhof sogar einen Anschluss für die Geraer Straßenbahn. Allerdings mussten die Güterwagen auf spezielle Rollböcke gesetzt werden, um dann zu den zahlreichen Geraer Fabriken transportiert werden zu können. 
Gera profitierte durch den schnellen Ausbau des Eisenbahnnetzes in ganz Thüringen in erheblichem Maß. Möglich geworden war das in der Gründerzeit u.a. durch französische Reparationszahlungen nach dem Krieg 1870/71. Für die West-Ost-Verbindung war die Strecke Gera – Gößnitz von großer Bedeutung, weil durch sie das Industriezentrum Gera mit dem Westsächsischen Industriegebiet verbunden wurde. Die Strecke war am 28. Dezember 1865 von der Gößnitz-Geraer Eisenbahn-Gesellschaft übergeben worden, ging allerdings zu Jahresbeginn 1878 in den Besitz der Königlich-Sächsischen Staatseisenbahnen über. Im Laufe der folgenden Jahre waren die Thüringer Eisenbahnen nach und nach an Preußen verkauft worden, nur wenige Teilstrecken rund um Gera kamen zur Sächsischen Staatsbahn. Von großem Vorteil war es damals bis heute, dass in allen deutschen Staaten ausschließlich die 1435-mm-Normalspur gebaut wurde und wird. 
1911 wurde die gläserne Bahnhofhalle am Hauptbahnhof übergeben. Das gesamte Eisenbahnnetz erlebte auch in und um Gera seine erste Blütezeit. So wurde der größte Teil des Verkehrsaufkommens auf der Strecke Berlin-Leipzig-München über Gera geleitet, die Strecken nach Leipzig, Erfurt und Saalfeld wurden zweigleisig ausgebaut. Allerdings ist das zweite Gleis nach dem Zweiten Weltkrieg entfernt und in die Sowjetunion geschafft worden. An nahezu allen Strecken hat es durch die Bombardierungen weitere zum Teil erhebliche Schäden gegeben. Durch die Teilung Deutschlands kam der Nord-Süd-Verkehr von Berlin über Gera nach dem Süden Deutschlands fast komplett zum Erliegen.
Immerhin aber konnte man in den späten DDR-Jahren mit dem Städteschnell-Expreß an jedem Wochentag Berlin erreichen, es gab eine Direktverbindung nach Karlsbad und sogar Kurswagen nach München.
Erhebliche Einschnitte in das Eisenbahnnetz erfolgten nach der Wiedervereinigung. Komplett stillgelegt wurden einige Nebenstrecken, so die Verbindungen nach Zwickau über Wünschendorf. Schritt für Schritt wurde auf der Nord-Süd-Richtung der Verkehr auf die zweigleisige und elektrifizierte Strecke der Saalebahn über Jena verlagert, der Ost-West-Verkehr über Leipzig geleitet. Damit gibt es für Gera nur den Regionalverkehr.
Zum Vergleich: 1990 verkehrten vom Hauptbahnhof täglich 144 Reisezüge, davon 36 im Fernverkehr und 108 im Regionalverkehr. Im täglichen Reiseverkehr wurden durchschnittlich 26.000 Reisende gezählt, davon begannen rund 3500 in Gera die Fahrt. Ferner wurden täglich 1200 Güterwagen bewegt.
Das alles hatte noch Hoffnung bei Bevölkerung und Wirtschaft ausgelöst. Die Wirtschaft wollte den Verbund der Ostthüringer und Westsächsischen Industriegebiete wieder intensivieren und die Abkopplung Geras vom nationalen Netz nicht hinnehmen. Trotzdem ging es Schritt für Schritt abwärts, und Gera ist gegenwärtig die einzige deutsche Großstadt ohne elektrifizierten Bahnanschluss und ohne direkte Fernverkehrsanbindung.
Dabei hatte es nach der Wende durch den Bundes-Wegeplan große Erwartungen gegeben. Zwischen den Jahren 2002 und 2006 fuhr der private InterConnex von Gera nach Berlin und Rostock, dann aber nur noch ab Leipzig. Kostengründe sowie die fehlende Elektrifizierung wurden für die Einstellung des Streckenabschnittes angegeben. Den Initiativen der Stadträte und Oberbürgermeister und auch zahlreiche Interessenten-Vereine ist es zu verdanken, dass die Mitte-Deutschland-Verbindung noch nicht komplett aus dem Planwerk gestrichen wurde. Sondern wenigstens noch als „Weiterer Bedarf“ geführt wird. Damit sind der durchgängige zweigleisige Ausbau und die Elektrifizierung zwischen Weimar und Glauchau noch nicht passé. Allerdings soll eine so genannte Bedarfsplanüberprüfung vom November 2010 den Verzicht auf den zweigleisigen Ausbau empfohlen haben und nur noch an der Elektrifizierung festhalten. Grund dafür soll es sein, dass der Fernverkehr auf dieser Strecke als nicht wirtschaftlich erachtet wird. Die letzte Meldung aus dem Verkehrsministerium stammt vom Juli 2012 und kündigt an, dass die Elektrifizierung „möglicherweise“ zum Teil mit EU-Mitteln finanziert werden könnte.
Fortschritte hat es allerdings wenigstens beim weiteren Ausbau des Bahnhofsgebäudes gegeben, dessen Standard erheblich verbessert werden konnte: Die Ansiedlung von Handelsgeschäften und Dienstleistern ist mit der Verbesserung der gesamten Infrastruktur verbunden. Geschafft wurde die auch jahrzehntelang gewünschte Anbindung des Hauptbahnhofes an das modern ausgebaute Straßenbahnnetz. Planer und Auftraggeber haben mit der neu geschaffenen Unterquerung des Schienennetzes der Bahn eine völlig neue Lösung für die Straßenbahn gefunden. Gebaut wurde in den Jahren 2005 bis 2007. Pünktlich zur BUGA 2007 konnten sich Geraer und Gäste von der zukunftssicheren Variante überzeugen. Heute ist sie schon zur Selbstverständlichkeit geworden.
Die aktuelle Situation: Gera hat noch sechs Bahnhöfe und Haltepunkte, aber bis auf den Hauptbahnhof sowie die Bahnhöfe Süd und Zwötzen werden sie nur von Regionalbahnen angefahren. Der Bahnhof Thieschitz wurde 1996 geschlossen, Gessental folgte 2010.
Regionalexpresslinien fahren gegenwärtig bis Hof und Göttingen sowie im Ein-Stunden-Takt nach dem ICE-Haltepunkten Leipzig, Jena und Saalfeld, in Glauchau besteht Anschluss an die Regionalbahnen von und nach Chemnitz.
(Die Eisenbahngeschichte von Gera und Umgebung ist natürlich viel facettenreicher. Es gab größere und kleinere Ereignisse und Fakten, die man nicht vergessen sollte. Mehr dazu in einer unserer nächsten Ausgaben).


( Reinhard Schubert, 30.11.2012 )

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