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Kunst – Kultur – Kosten

 

Am 14. September wird sich zu Beginn der neuen Spielzeit der Vorhang zu Eröffnungsgala erheben. Die Theaterfreunde können sich freuen, die Fünf-Sparten-Bühne gibt es noch. Die Betonung liegt auf dem Wort „noch“, denn nur die aktuelle Spielzeit ist gesichert. Was dann kommt steht nach wie vor in den Sternen. Während wenige Tage vor den Oberbürgermeister- und Landratswahlen alles einigermaßen unter Dach und Fach schien, gibt es heute wieder mehr Fragezeichen als Entscheidungen. Das Hin und Her um den Erhalt des einzigen Thüringer Fünf-Sparten-Theaters flammte neu auf. Ein fast einstimmiger Chorus der Politiker gab zwar nach wie vor zu Protokoll, dass man natürlich für die Erhaltung der einmaligen Kultureinrichtung in Gera sei und die jetzige Form beibehalten wolle, da aber gab es schon wieder Streit. Zoff – wie immer – über die Frage, wo das notwendige Geld herkommen soll. „Sommertheater“ nannten es die einen, „Wortbruch“ die anderen. Da geriet es fast in Vergessenheit, dass sich weit über 18.000 Freunde des Gera-Altenburger Theaters mit ihrer Unterschrift für den Fortbestand des Hauses eingesetzt haben.
Bestimmt ein Strohhalm der Hoffnung aber für alle, die sich in der Geraer Theatergeschichte auskennen. Schließlich ist die Finanzierungsfrage nicht unwichtig, ganz im Gegenteil: Die Kassen waren mehr als einmal leer, die Bücher zeigten tiefrote Zahlen, das Theater stand vor dem Aus, wenn es nicht kunstsinnige Bürger gegeben hätte, die aus ihrem Privatvermögen spendeten, und Landesherren, die tief in die Tasche griffen, und Politiker, denen das Theater im wahrsten Sinne des Wortes teuer waren.
Schlägt man in den alten Dokumenten und Aufzeichnungen nach, wird Erstaunliches kundgetan. Manches ist im Dunkel der Geschichte verschwunden, zumal 1945 ein Großteil der Archivakten des Theaters verloren gegangen ist, aber glücklicherweise wurde vieles über die Wirren der Kriege erhalten. Auch das oft durch private Initiativen. 
Natürlich leben alle Sparten eines lebendigen Theaters von ihren Künstlern. An großen Namen fehlt es in Gera nicht, viele spätere „Stars“ haben in Gera debütiert oder hier Gastspiele gegeben, Uraufführungen standen auf den Programmzetteln, viele Generationen von Intendanten haben das Theater gestaltet. Dieser Hintergrund war natürlich entscheidend für den Ruf Geras als Theaterstadt. Aber ohne das notwendige Geld wäre all das nicht möglich gewesen. Schauen wir es uns einmal genauer an.
Theater in Gera beginnt durchaus nicht mit unserem heutigen Theaterhaus, das 1902 eröffnet worden ist. Das erste Theater war ein so genanntes „Schultheater“. Heinrich Posthumus (1572-1635) war ein Freund der Musen und Künste sowie Förderer von Bildung und Wirtschaft. Das Schultheater entstand im Jahre 1615 neben dem bereits 1608 gegründeten Gymnasium Rutheneum im Kollegienhof, nördlich des Badertores, unterhalb des Marktes. Das Schultheater hatte nach der Reformation in Deutschland als Laientheater einen großen Aufschwung genommen, da sich die Schulbühnen des direkten Eingriffs der Kirchen entzog. Martin Luther und Philipp Melanchton hatten sich für die Aufführung von Theaterstücken eingesetzt. Heinrich Posthumus bezahlte sein Schultheater aus eigener Tasche. Das Schultheater bestand bis 1741. Danach gab es in Gera kein Theaterhaus mehr. 
Erst 1786 baute man ein hölzernes Behelfshaus als Theatergebäude am Ende der Schloßstrasse, wo sich mehrere Scheunen befanden, später wurde es zu einem stabilen Holzhaus umgestaltet. Von der Geraer Bevölkerung wurde das Haus weiterhin folgerichtig als „Theaterscheune“ bezeichnet. Erneut umgebaut wurde die Theaterscheune schon ein Jahr später durch den Ratsbaumeister und Hofzimmermeister Dicke. Er ließ den soliden Bau auf eigene Kosten errichten. Das Haus wurde mehrmals erweitert; bis 1822 beherbergte es das Theater. Hier verfügte man sogar über eine Theatermaschine, die es erlaubte, dass Schauspieler an einem ausgeklügelten Seilsystem auf die Bühne schweben konnte Auf dem früheren Theater-Gelände befindet sich heute das im Ausbau begriffene Ärztehaus.
Das repräsentative Theater erhielt den anspruchsvollen Namen „Vom Schloßtor an der neuen Allee“. Es erhielt erstmals ein solides Ziegeldach und eine Vorhalle. Hier konnte man u.a. die Eintrittskarten erwerben. Die Geraer bezeichneten es aber nur als „Theaterscheune“. Es gab aber viele Neuerungen, so ein „Theaterjournal“ und regelmäßig „Theaterzettel“. Erhalten geblieben sind derartige Zettel aus den Jahren 1784 bis 1794, die von der „Meddoxschen Gesellschaft“ herausgegeben wurden. Der Spielplan war äußerst anspruchsvoll, es wurden Werke von Schiller, Goethe, Lessing und Shakespeare aufgeführt, hinzu kamen auch Operninszenierungen.
Erinnert werden muss aber an den 1703 in Gera geborenen Johann Heinrich Gottfried Koch, der sich deutschlandweit einen Namen als Schauspieler und Theaterunternehmer gemacht hat. Im Alter von 25 Jahren hat er sich nach einen Studium der Rechtswissenschaften in Leipzig der Theatergruppe von Friedericke Caroline Neuber – allgemein als „Neuberin“ bezeichnet – angeschlossen, die gemeinsam mit Gottsched den Harlekin von der Bühne vertrieb. Koch wurde von Gotthold Ephraim Lessing hoch geschätzt, vor allem als Theater-Übersetzer, Theaterdichter und Schauspieler. Außerdem führte er die Komische Oper auf deutschen Bühnen ein. 1749 gründete er eine eigene Theatergruppe. Es ist aber nicht bekannt, ob sie jemals in seiner Heimatstadt aufgetreten ist.
Einen weiteren Versuch zur Aktivierung des Theaterlebens unternahm Heinrich XVIII. mit der Umgestaltung des Küchengartens nach englischem Vorbild. Der Landesfürst ließ um 1780 etwa auf Höhe der heutigen Heinrich-Laber-Straße ein Naturtheater errichten, dass im strengen Barockstil gebaut worden war.
Die „Theaterscheune“ genügte bald den gestiegenen Ansprüchen nicht mehr, man entschloss sich zu einem Neubau im klassizistischen Stil. Die Kosten betrugen 7.326 Taler und waren von der Geraer Bevölkerung aufgebracht worden. Dazu waren „Anteilscheine“ ausgegeben worden. Die Eröffnung fand am 17. Februar 1822 mit der Aufführung von Kotzebues „Schutzgeist“ statt.
Schon kurze Zeit nach der Eröffnung wurde das Theater zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt. Das brachte allerdings auch keine Rettung aus der finanziellen Misere, von Kostendeckung konnte keine Rede mehr sein, so dass in den Jahren von 1826 bis 1830 überhaupt keine Vorstellungen stattfinden konnten. Vorher waren jährlich nur 250 bis 340 Taler eingenommen worden. An einen rentablen Betrieb war demnach nicht zu denken. Allerdings kostete das „Billet“, wie man damals die Eintrittskarte bezeichnete, zwischen zwei und acht Groschen. Schließlich wollte der Stadtrat das Theater loswerden und für 3.000 Taler verkaufen. Innerhalb des Stadtrates gab es einen Streit, der uns heute wieder ganz aktuell erscheinen könnte: Man war sich einig, dass das Theater erhalten werden sollte, aber ohne Aufwendung städtischer Gelder.
Die Rettung kam von privater Seite: Der „Regierungsadvokat Beck“ ersteigerte das Theater für 3.500 Taler und wurde selbst Intendant. Von nun an führte das Haus die Bezeichnung „Hoftheater“. Später stieg der Geraer Zeugfabrikant Christoph Mengel als weiterer Aktionär in das Geschäft ein. Seit 1834 war das Theater im Besitz des Hauses Reuß, aber erst seit 1853 zahlte der Hof Zuschüsse zu den Bezahlungen der in Gera gastierenden Schauspielensembles. Künstlerisch war das Geraer Haus weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt geworden. 1838 wurde z. B. erstmalig in Gera Beethovens 9. Sinfonie unter Leitung von Gottfried Lägel aufgeführt. 1849 erfolgt ein weiterer Namenswechsel zu „Fürstliches Theater in Gera“ und weitere vier Jahre später zum „Fürstlichen Hoftheater“, später dann nur noch „Hoftheater“. Mit dem „Hoftheater“ hatte sich ein lang gehegter Wunsch der Landesherren erfüllt. Ab 1876 leistete man sich ein eigenes Ensemble.
Das Fürstenhaus und namhafte Vertreter des Geraer Bürgertums waren sich einig, dass der vorhandene Theaterbau nicht mehr den Anforderungen eines Mehrspartentheaters erfüllen konnte. Der „Musikalische Verein“ war zu einem leistungsfähigen Orchester geworden, der auch reichlich Publikum gefunden hatte. Dieses wünschte sich einen eigenen Konzertsaal, am besten in der Verbindung von Hoftheater und Hofkapelle. Der aus Zeulenroda stammende Heinrich Seeling wurde mit der Planung des neuen Hauses in Untermhaus beauftragt. Seine Entwürfe zu einem großen Theatersaal und einem Konzertsaal unter einem Dach sagten den Auftraggebern am meisten zu. Seeling wurde auch durch seine Baupläne für das Berliner Theater am Schiffbauerdamm, die Schauspielhäuser u.a. in Frankfurt/Main, Essen, Halle, Kiel, Rostock. Seeling erhielt später die Titel eines reußischen und eines preußischen Baurates, wurde 1896 als Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Künste berufen, und 1924 erhielt er den Ehrennamen Stadtältester von Berlin.
Zurück zum Geraer Haus und seiner Finanzierung. Etliche Honoratioren Geras riefen eine Stiftung ins Leben. Als eine der ersten Stifter stellte Kommerzienrätin Clara Ferber 100.000 Mark zur Verfügung, am 19. Januar 1898 wandte sich ein „Komitee für die Förderung des Fürstlichen Theater- und Konzert-Neubaus“ mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit. In der Folge konnten rund 355.000 Mark gesammelt werden, der Reußische Erbprinz stellte weitere 50.000 Mark zur Verfügung. Doch selbst diese Summen reichten bei weitem nicht, so dass eine Lotterie durchgeführt wurde, die weitere 125.000 Mark einbrachte. Schließlich kam die Garantie von Fürst Heinrich XIV., die noch fehlende Summe aus seinem Privatvermögen aufzubringen und das Grundstück zur Verfügung zu stellen, wie eine Erlösung. Am 10. Oktober 1900 wurde der Grundstein für den Neubau gelegt.
(Zum Vergleich: Der Monatslohn eines einfachen Bürgers lag damals zwischen 50 und 70 Mark, ein Glas Bier kostete vier Pfennige.)
Heinrich Seeling hatte für das Theaterhaus eine Mischung aus Stahlbeton, Stahlfachwerk und Holzbalkenkonstruktionen gewählt und die Eingangsseite durch symbolhafte Darstellungen besonders hervorgehoben. Neben den Büsten Friedrich Schillers und Johann Wolfgang von Goethes, dem Schriftzug „Musis Sacrum“ (den heiligen Musen) sind das Darstellungen aus der griechischen Mythologie, allen voran die goldene Engelsfigur „Genius“ (Göttin der Wahrheit), die zwei Weltkriege überstanden hat, in jüngster Zeit restauriert wurde und in vier Metern Höhe über dem Haupteingang  thront. Die Wirkung des Gebäudes wurde durch die unmittelbare Nachbarschaft zum Küchengarten verstärkt.
1901 griffen auch Geras Stadtväter tief in die Taschen und stellte 20.000 Mark für die Beschaffung von Kronleuchter, Vorhängen und anderen Ausrüstungsgegenständen zur Verfügung., ein Industrieller stellte weitere 5.000 Mark zur Verfügung.
Am 18. Oktober 1902 wurde das Theater festlich eröffnet, drei Wochen später folgte der Konzertsaal mit einem Konzert zum Geburtstag des Erbprinzen unter Stabführung von Carl Kleemann.
Im September 1908 ging das Theater ganz in den Besitz des Fürstenhauses Reuß über, das Geraer Schauspielensemble übernahm gemeinsam mit dem Theater Plauen die ständige Bespielung des Theaters der Stadt Greiz.
Das Jahr 1914 brachte mit dem Beginn des Weltkrieges die Schließung des Theaterbetriebes, Ende 1915 wurde er aber wieder aufgenommen, 1818/19 wurde sogar ein eigenständiger Chor mit 19 Sängerinnen und Sängern gegründet. Im der „Reußischen Hofkapelle“ spielten 45 Musiker. 
In der Weimarer Republik erlebte das Geraer Theater eine weitere Blütezeit. „Das Fürstlich Reussische Theater war ein Unikum unter den Theatern der 1920er Jahre: „Es war in republikanischer Zeit eine Bühne unter fürstlicher Protektion des von Ernst Barlach so genannten „Theaterprinzen“ Heinrich XLV. vom Fürstenhaus Reuß und bekam weder Unterstützung von der Stadt noch vom Staat,“ hat ein Zeitgenosse festgehalten. Erbprinz Heinrich XLV. blieb dem Theater eng verbunden. Nach Studien der Literatur, Musikwissenschaft und Philosophie wirkte er ab 1923 als Dramaturg in dem inzwischen umbenannten „Reußischen Theater“. 
In dieser Zeit gab es vier Kapellmeister, zwei Spielleiter, 21 Sänger, 58 Orchestermusiker, 38 Chormitglieder, neun Balletttänzerinnen sowie nahezu 100 Mitarbeiter der unterschiedlichen Technischen Bereiche. Zur Spielzeit 1925/26 schaffte man einen später nie wieder erreichten Rekord mit 240.832 Zuschauern, im Jahre 1927 standen 284 Aufführungen auf den Programmzetteln, darunter 160 Anrechtsvorstellungen. Dieses stolze Ergebnis ist nie wieder erreicht worden.
(Fortsetzung und Quellenangaben in einer der nächsten Ausgaben)

( Reinhard Schubert, 30.08.2012 )

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