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Über(lebens)kunst wurde zur verlorenen Illusion

Keinen Scherbenhaufen lässt er zurück, wenn der Generalintendant der Altenburg-Gera Theater GmbH, Michael Grosse, sein Regiebuch zuschlägt und mit Ende der Spielzeit die Bretter in Ostthüringen verlässt. Im Gegenteil: Er hat mehr Personal abgebaut als der Plan vorsah. Nach dem Konzept müssten es jetzt 459 Mitarbeiter sein, es sind aber 435. 130 Stellen hat er somit abgebaut, und er glaubt nicht, dass das innerbetrieblich noch einmal zu verkraften wäre. Außerdem hinterlässt er der neuen Leitungsmannschaft einen Bonus von drei Millionen Mark. Schwer erwirtschaftetes Geld, dass die Kürzung von 40 Millionen Mark auf 32 Millionen Mark am Anfang etwas erleichtern soll. Deutlich über 200 000 Besucher im Jahr bei einer Auslastung von etwa 70 Prozent ließen Altenburg und Gera im Mittelfeld der Theater in den neuen Bundesländern liegen. Doch das ist nur die ökonomische, die äußere Bilanz, den inneren Frieden hat Michael Grosse in der Theaterehe nicht gefunden. Zur in Gera nachweislichen letzten Pressekonferenz resümierte er auf Nachfrage von Neues Gera zur persönlichen Einschätzung seiner Zeit in Gera: "Es waren vier unerquickliche Jahre". Da sprach die herbe Enttäuschung aus dem Mimen. Damit meinte er jedoch nicht die Zusammenarbeit mit dem Ensemble. "Eine kreative Zeit und inhaltliche Arbeit liegt hinter uns. Das gesamte Ensemble hat eine unglaubliche Leistungsbereitschaft und -willigkeit gezeigt", bedankte er sich bei allen Mitstreitern. Hier liegt also nicht des Pudels Kern der "Verlorenen Illusionen", so das Motto der Spielzeit 1997/98, sondern vielmehr in der Zusammenarbeit mit den Gesellschaftern, die sich aus drei Gebietskörperschaften zusammensetzen. Sie hätten ihre eigenen Interessen höher gestellt, als die des Theaters, sagte er bitter. "Man hätte näher zusammenrücken müssen", schließt er auch eigene Fehler nicht aus. Die Fusion der beiden Theater bezeichnete er für Altenburg als nicht geglückt. Während in Gera die Akzeptanz beim Publikum zugenommen habe, sei das größere Angebot in Altenburg nicht honoriert worden. "Die Lager driften auseinander", stellte er fest. Was also sind die Ursachen? Warum hat Gera in Altenburg ein "negatives Etikett", wie Michael Grosse es feststellte. Am Spielplanangebot kann es nicht gelegen haben. Sind es vielleicht Identitätsprobleme der Altenburger? "Wir haben gute Aufführungen gemacht, aber das spielte keine Rolle". Mit "Ich weiß es nicht" bekannte er sein gescheitertes Unterfangen, beide Theater auf einen Nenner zu bringen. Vielleicht hätten wir die Lage der Dinge bei der Fusion etwas schaumgebremster darstellen sollen und nicht so, wie sie sind, sinniert der Intendant. "Ich habe statt dessen die Leute erschreckt". Aber Champagner auf die Flasche schreiben, wenn Sekt darin ist, wolle er auch in Zukunft nicht. Nicht selbstgefällig, aber mit gutem Gewissen will der scheidende Theater-Chef auf die vergangene Spielzeit blicken. Musical und Operette sei bedient worden, wie in keinem anderen Theater. Uraufführungen habe es gegeben. Im Schauspiel sei ausschließlich Gegenwartsdramatik gespielt worden, Neuschöpfungen im Ballett machten von sich reden, Russel Harris habe richtungsweisende Arbeit geleistet, Arnold Bischinger habe dem Kleinen Theater im Zentrum ein neues Profil gegeben, nicht zu vergessen die Pädagogische Fabrik, die Theaterbälle, das Open-air-Festival, zählte er auf und schlussfolgerte: "Theaterarbeit ist Teamarbeit". Bitter ergänzt er: "Wir sind einer unerträglichen Ignoranz begegnet, mit der unsere Arbeit begutachtet wurde". Diese Ohrfeigen gehen wohl an die Adressen der Politiker, dabei nimmt Grosse jedoch den früheren Altenburger Oberbürgermeister Johannes Ungvari aus. Er sei sachlich gewesen habe Auseinandersetzungen ohne Emotionen geführt. Michael Grosse geht ins Schleswig-Holsteinische. In Altenburg-Gera hat sich seine "Über(lebens)kunst" (Leitmotiv der vergangenen Spielzeit) als "Verlorene Illusion" erwiesen. Blickt er zurück im Zorn? "Nein, jede negative Erfahrung ist auch ein Gewinn". Es werde ihn in dieser Hinsicht nichts mehr überraschen können. Wünschen wir Michael Grosse, dass er den Glauben an die Illusionen wieder gewinnt, denn Theater ist auch immer Illusion. Toi toi, toi!

( Helga Schubert, 24.06.2000 )

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