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Am Ende war nur noch Hass

Sie waren privilegiert, angesehen und willkommen und am Ende wurden sie verachtet, gehasst und vertrieben. Die Russlanddeutschen.
Es war der 22. Juli 1763, an dem Katharina II., Zarin der Russen, ein Manifest erließ, in dem sie Menschen aufforderte, sich in Russland niederzulassen. "Angelockt von zahlreichen Privilegien, z.B. Religionsfreiheit, bis zu 30 Jahren Steuerfreiheit, freiwilliger Militärdienst und Selbstverwaltung der Kolonien, folgten sie gern diesem Aufruf. Kein Wunder, denn in Deutschland herrschte Not und Elend, hatten sie doch soeben erst den siebenjährigen Krieg überstanden", erzählt Migrationsbeauftragte Manuela Andritzky aus der Geschichte. Bis 1842 kamen rund 100.000 Deutsche nach Russland. Sie bewahrten ihre Traditionen. Doch das blühende privilegierte Leben sollte bald ein jähes Ende haben.
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich unter den Russen ein wahrer Deutschenhass. In Folge dessen wurden ihnen 1871 sämtliche Privilegien wieder weggenommen. 1914 lebten rund 2,4 Millionen Deutsche in über 3.000 Siedlungen in Russland. Schlimmer wurden die Bedingungen unter Stalin. Nachdem am 22. Juni 1941 Hitler die Sowjetunion überfiel, folgte am 28. August 1941 das Dekret, welches das Leben der Deutschen verändern sollte. Sie wurden zum Spielball der Diktaturen. Der Zusammenarbeit mit Hitler beschuldigt, wurden über eine Million Deutsche nach Sibirien und Mittelasien verschleppt. Sie lebten in Zwangarbeitslagern unter unmenschlichen Bedingungen. Erst 1955 wurden die Deutschen entlassen. Doch in ihre Heimat durften sie nicht zurück. Auch die Flucht in das Land ihrer Vorfahren blieb ihnen verwehrt. Lange Zeit war eine legale Aussiedlung nicht möglich. Sie versuchten sich anzupassen. "Viele Eltern verzichteten auf eine muttersprachliche Erziehung ihrer Kinder, um sie nicht in eine gesellschaftliche Isolation zu drängen und um ihre Zukunftschancen in Russland zu verbessern", erläutert Andritzky. 1987 macht das neue sowjetische Gesetz über die Ausreise dieselbige möglich. 2,2 Millionen Menschen fliehen in die Bundesrepublik. Wider Erwarten werden sie nicht mit offenen Armen empfangen. Sie sind Ausländer. Sie sind Russen und werden nicht als Deutsche akzeptiert.
Trotz zahlreicher Starthilfen, u.a. Sprachkurse, Umschulungsmaßnahmen und Weiterbildungen - was bleibt, das Gefühl der Heimatlosigkeit. Hinzu kommt die Perspektivlosigkeit der jungen Russlanddeutschen. In Russland geboren, dort zur Schule gegangen und Freunde gefunden, sind sie nun allein, in einem für sie fremden Land mit gesellschaftlichen Anforderungen, denen sie nicht immer gerecht werden können. "Die Folge: eine innere Abwehr. Sie wissen nicht, wo sie hingehören, wer sie eigentlich sind. Hinzu kommt der Erwartungsdruck der Eltern, die nach Deutschland gekommen sind, v.a. weil sie für ihre Kinder hier bessere Zukunftschancen sehen", kennt Andritzky die Problematik.
Nicht nur die jungen Russlanddeutschen haben es schwer. "In Gera leben rund 1.500 Russlanddeutsche, vorrangig in den Stadtgebieten Bieblach-Ost und Lusan. Statt vollständig integriert zu sein, haben sie sich auch hier ihre eigenen Räume geschaffen - zwangsläufig. Viele von ihnen sind arbeitslos, da ihre Ausbildungen nicht anerkannt wurden. Ein fehlender Job führt zu geringem Einkommen, damit verbunden zu geringen Chancen auch in anderen Stadtteilen eine Wohnung zu finden und schlussendlich zu mangelnder Integration. Zudem fühlen sie sich sicherer in einer vertrauten Umgebung mit Menschen mit gleichen sprachlichen oder kulturellen Hintergrund", weiß die Migrationsbeauftragte und sieht darin auch die Schwierigkeiten einer erfolgreichen Integration. Und dass, obwohl in Gera sehr viel Integrationsarbeit geleistet wird. "Da gibt es den AWO Fachdienst für Migration und Integration, die Migrationsberatung der Diakonie, den Interkulturellen Verein (IKV) und den Demokratischen Frauenbund, die welche alle Projekte und Maßnahmen realisieren, um den Spätaussiedlern bei der Integration zu helfen. Von Hausaufgabenhilfe, Treffen zum Erfahrungsaustausch bis hin zu Bildungs- und Informationsveranstaltungen. Aber nicht nur die Russlanddeutschen brauchen Nachhilfe, auch und vor allem die Deutschen müssen aufgeklärt und zu mehr Toleranz erzogen werden. "Denn Russlanddeutsche haben ihre Wurzeln nicht nur mehr in der deutschen, sondern auch in der russischen Kultur und besitzen damit eine ganz eigene Identität, die es zu wahren und respektieren gilt", betont Manuela Andritzky.
Anlässlich des 70. Jahrestages des "Stalin-Erlasses über die Vertreibung der Wolgadeutschen" findet am Sonntag, 28. August, 16 Uhr, im Interkulturellen Verein Gera e.V. eine Gedenkstunde statt. Diese wird im Rahmen des Bundesprogramms "Toleranz fördern - Kompetenzen stärken " gefördert.

( Fanny Zölsmann, 25.08.2011 )

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