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Zunächst euphorisch, dann fußlahm und nun wieder recht flott

Der urwüchsige Geraer Heimatdichter Hermann Luboldt hat in einem seiner Gedichte davor gewarnt, den Gerschen ungebührlich zu begegnen. Er schrieb: "Drozdäm sull sich keener woochen, iewer Gere wos zu soochen." Also, wer dieses ausgefallenen Dialekts nicht mächtig ist, hier die hochdeutsche Übersetzung: "Trotzdem soll sich keiner wagen, über Gera was zu sagen".
Wir woochen, pardon: wagen es dennoch. Na ja, nicht gleich umfassend zu Gera. Nein, nur zu einer Geraer "Erfindung". Alles begann recht euphorisch. Das war anno 2000. Neues Gera berichtete damals als erste Zeitung recht intensiv darüber. In unserer Ausgabe vom 20. Mai heißt es: "Unter dem Motto Zukunft - Arbeit - Ausbildung haben Unternehmen aus Gera und der Region Kurs auf die konkrete Vorbereitung der BUGA 2007 Gera-Ronneburg genommen. Sie gründeten dazu soeben einen Wirtschaftsverband, dem zunächst 31 Mitglieder angehören."
Das war in den Räumen der Geraer Bank. Es herrschte ansteckende Aufbruchsstimmung. Das parteipolitisch unabhängige Gremium wollte angesichts der Tatsache, dass erstmals eine BUGA in zwei Stätden, in verbindender Region (dem Gessental) und unter Oberheit zweier Kommunalkörperschaften (Stadt Gera und Landkreis Greiz) stattfindet, die Bevölkerung, die Parteien, Wählervereinigungen, Verbände, Organisationen und Institutionen wachrütteln und zur Mitarbeit gewinnen.
Und es war (zumindest im ersten Entwurf der Vereinssatzung) von "regionalem Egoismus" die Rede. Zu Deutsch: Von dem Kuchen der zu erwartenden beträchtlichen Investitionen sollten die einheimischen Unternehmen bei der Auftragsvergabe das größte Stück erhalten.
Die Begeisterung erlahmte jedoch bald. Es stellte sich nämlich heraus, dass die Förderung der BUGA durch Bund und Land von bundesweiten, ja vielleicht sogar europaweiten Ausschreibungen abhängt. Einheimische Unternehmen hätten so nur dann Chancen, wenn sie sich zu fachlich versierten Arbeitsgruppen zusammenschließen, die ihren Heimvorteil (etwa Ortskenntnis) nutzen und beispielsweise potente Bietergemeinschaften bilden.
Da erlahmte das Interesse so manchen Verbandsmitgliedesschnell. Hinzu kamen personelle Querelen, so mit dem damaligen Vorsitzenden. Und ein maßgebliches Vorstandsmitglied geriet gar in die Fänge der Justiz. Bald bewegte sich der Verband nur noch wenig. Er wurde fußkrank.
Doch dann kam Kurt, laut Gassenhauer. Aber es kam nicht Kurt, sondern Bodo, genauer: Bodo Michaelis, hauptberuflich Geschäftsführer der Hoch- und Tiefbau GmbH Münchenbernsdorf (MTT). Der 62jährige wurde Vorstandsvorsitzender. Seither lernt der Wirtschaftsverband (nun mit neuem Logo) wieder das Laufen. Inzwischen ist die Zahl der Mitglieder auf 66 angestiegen. Und es sieht so aus, als ob noch mehr anklopfen werden.
Zu dem sich jetzt immer mehr herausbildenden Profil des Verbandes läßt sich feststellen: Hier im Osten gibt es wahrscheinlich keine vergleichbare Organisation. Erstes Plus: ein starkes Team mit einem starken Manager an der Spitze. Zweites Plus: Die Verbandsarbeit wurde neu definiert und die Verantwortlichkeiten über Arbeitsgruppen thematisch gegliedert. Die BUGA-Vorbereitung ist weiterhin Tätigkeitsschwerpunkt, aber nicht mehr ausschließlich. Das weitergefasste Ziel ist die Förderung der einheimischen Unternehmen und die "Entwicklung regionaler Wirtschaftskreisläufe", wie es im Werbematerial heißt. Letztlich geht es um Wirtschaftswachstum, die Schaffung neuer Arbeitsplätze und darum, die Region wieder lebenswerter zu machen. Und das über die BUGA hinaus.
Drittes Plus: Die Zusammenarbeit mit der BUGA GmbH und dem BUGA-Förderverein sowie weiteren Partnern, vor allem auch der Stadt, klappt zunehmend besser. Ganz klar: Nur die Bündelung der Kräfte ermöglicht wirtschaftlichen Aufschwung. Gut zum Beispiel, dass der Verband jetzt Sitz und Stimme im URBAN-Lenkungsausschuss hat. Richtig ebenso, dass Kontakte zu Verbänden der Nachbarregionen angestrebt werden. Nicht schaden kann es auch, dass man sich im März erstmals zum Erfahrungsaustausch mit der Unternehmensvereinigung Frankfurt/Rhein-Main trifft.
Viertes Plus: Die Chance, über Ausschreibungen Aufträge an Land ziehen zu können, wird mit den Bietergemeinschaften zunehmend besser genutzt. Das betrifft BUGA-Projekte, die Stadtbahnlinie 1 und andere Vorhaben. Zwei solche Bieter fassen schon Tritt: MTT und die Firma Max Bögl sowie MTT, WGG Korbußen und Gartenbau Grimm (Wer kann es dem Bodo verdenken? Nachmachen ist angesagt!).
Fünftes Plus: Entsprechend der Solidar-Losung "Zukunft - Arbeit - Ausbildung" hat der Verband bei der Initiative "100 Jobs für Gera" mitgemischt. Ergebnis: Die Agentur für Personalentwicklung "No limits" und die Wählervereinigung "Arbeit für Gera" haben bisher 91 offene Stellen aufgespürt. Ein mutmachender Anfang!
Sechstes Plus: Die Verbandsarbeit ist lebendiger geworden. Auf der Tagesordnung: Erfahrungsaustausche bei Firmen und thematische Stammtische zu wirtschaftlichen Fragen. In der Berliner Straße 193 wurde ein ständig besetztes Büro als Anlaufpunkt für Interessenten eingerichtet. Der Verband, der ja gemeinnützig ist, strahlt inzwischen auch aufs Territorium aus. So unterstützte er den Jugendclub Thieschitz, die Kindertagesstätte Luftikus in Ronneburg und den 1. FC Gera 03.
Bei allem Plus steht auch (noch) Minus zu Buche: Die Zusammenarbeit mit IHK und Handwerkskammer ist ausbaufähig. Sorge macht dem Verband, wie es mit den Ostthüringer Wirtschaftstagen weitergehen soll. Es gibt die Idee, quasi als Ideenbörse einen Technologie-Campus ins Leben zu rufen. Standort bisher unklar. Stadt-Wirtschaftsförderer Wabst ist gefragt.
Fest steht: Der Wirtschaftsverband hat wieder Schwung. Er scheint nun gut zu Fuß. Sechsmal Plus haben wir aufgezählt. Es wäre schön, wir könnten Plus Nr. 7 und Nr. 8 anfügen. Und um auf unserern Heimatdichter Luboldt zurückzukommen: Der meinte in einem so ganz untypischen Gerschen Ton pathetisch zu seiner Stadt: "Ich sah dich auferstehen in einer neuen Zeit. Ich will dich glücklich sehen, in alle Ewigkeit." Da wußte er noch nichts von einem Wirtschaftsverband.

( Harald Baumann, 27.02.2004 )

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