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120 Jahre Geraer Stadtwirtschaft (II)

Vor allem nach der Wende hat sich das Leistungsspektrum der Stadtwirtschaft erheblich verändert. Ging dies problemlos?
Probleme hat es immer gegeben, aber lassen Sie mich es so formulieren: Die Stadt war gut beraten, weil in den ersten Monaten der Weg zur neuen Unternehmensform noch nicht über die Treuhand gehen musste. Das haben auch die damaligen Stadtväter schnell erkannt und unsere Entwicklung gefördert.

Wie hat sich das ausgewirkt?
Wir konnten den gesamten Fuhrpark vollständig erneuern, eine Sortieranlage, ein Kompostwerk, eine Abfallumladestadion und dergleichen mehr für mehrere Millionen Euro errichten und neue Tätigkeits-felder erschließen. Im alten Betrieb umfasste das Leistungsspektrum die Abfuhr von festen und flüssigen Siedlungsabfällen einschließlich der Straßenreinigung, der Kanalreinigung bis zum Sammeln von Küchenabfällen und dem Betreiben bzw. Sanieren dreier Deponien in Untitz, Cretzschwitz und Langenberg. Hinzu kamen Stadtbeleuchtung, Winterdienst und die Betreuung von sieben öffentlichen Toilettenanlagen. Fäkalien wurden noch gesammelt, deponiert und der Landwirtschaft als Düngemittel zur Verfügung gestellt.

Das klingt nach einem reibungslosen Ablauf!?
Auch im Nachhinein muss ich sagen, dass es parallel zu allen Fortschritten naturgemäß immer Probleme gegeben hat. Das war zu DDR-Zeiten nicht anders. Ein Beispiel: Im Bereich der Kalten Eiche in Ernsee gab es ein Sammelbe-cken für Fäkalien, einige Geraer werden sich noch daran erinnern. An einem Abend waren etwa 10.000 m3 Fäkale gespeichert, am nächsten Morgen war das Becken nahezu leer. Die Flüssigkeit war einfach in den Wald Richtung Untermhaus weggelaufen. Ob das durch einen Dammbruch geschah oder ob da jemand nachgeholfen hat, konnte niemand ermitteln. Das war aber jeden Fall Anlass, dass unter unserer Leitung dann in Röpsen drei große Becken entstanden, wo die Fäkalien vor-geklärt wurden. Ich erinnere mich auch an den Holzplatz, wo wir z.B. am 1. Mai die Birken verkauften, es gab dort auch Weihnachtsbäume und Brennholz. Ich denke noch an die Straßenreinigung. Damals gab es noch Wasserwagen, man hat die Straßen bei hohen Temperaturen besprengt und damit ein weich werden des Belages und Fahrrinnenbildung verhindert. In Aga haben wir noch eine Schadstoffdeponie aufgebaut, das war ebenfalls völlig neu. Unsere rund 250 Beschäftigten hatten alle Hände voll zu tun. Natürlich gab es auch noch nicht die Technik von heute.

Wie hat sich das Blatt nach 1990 gewendet?
Der Holzplatz wurde geschlossen, Fäkalien wurden direkt ins Klärwerk gebracht. Vor 1990 haben wird auch den Landkreis Gera mit versorgt, das waren damals rund 40.000 Einwohner. Hinzu kamen das Einsammeln und Sortieren von Papier, Glas und Leichtverpa-ckungsmaterial, letzteres 2006 von beinahe 1,5 Millionen Einwohnern, wir waren also weit über die Grenzen von Gera hinaus tätig. Wenn wir uns erinnern, dass zu DDR-Zeiten rund 70 Prozent des Altpapiers von den Einwohnern verbrannt wurden, so war die Wiederverwertung auch eine Leistung für die Umwelt. Neu aufgebaut wurde ein Kompostierwerk aber auch das Altauto-Recycling. Bei allem war ein enormer finanzieller Aufwand erforderlich, der überwiegend aus eigenen Mitteln abgedeckt werden konnte.

Gab es "Altlasten" und was ist aus ihnen geworden?
Umfangreiche Veränderungen wurden vor allem an den Depo-nien vorgenommen. So wurde die Anlage am Lerchenberg von 1994 bis 1996 grundlegend saniert. Die Deponie wurde abgedeckt und Anpflanzungen vorgenommen. Nebenbei: Wir haben hier dann sogar Wein angebaut und in bescheidenem Umfang auch gekeltert. Im Auftrag des Abfallwirtschaftszweckverbandes wurde Deponie Untitz abgedichtet, die Sickerwasserfassung und die Entgasung der aufgebaut. Das gewonnene Methan wird dann als Antriebsmittel für die Stromerzeugung genutzt. 2006 wurden alle Deponien laut Gesetz geschlossen und ortsnahe Müllumschlagstationen geschaffen.

Warum wurde die Müllverbrennungsanlage nicht in Gera oder Umgebung gebaut?
Die Geraer Stadtwirtschaft hat sich unter Einbeziehung der Stadtwerke Gera an der Ausschreibung beteiligt, war allerdings nur Zweitplazierter. Dabei ging es um etwa einen Euro pro Tonne.

Eine gute Familie hat auch Nachwuchs...
...Wenn Sie auf die Tochterunternehmen anspielen: 1993 wurde die RE-UNION gegründet, die sich mit der Wiederverwertung von Bauschutt-Mischabfällen beschäftigte, dazu kam ein Jahr später die ERV Elektronik-Recycling und Verwertung GmbH und die Asbestdeponie. Die ERV hat schon damals - eine gesetzliche Vorschrift gab es noch nicht - alte Elektronikgeräte aufbereitet oder zerlegt. Dabei wurden u. a. Edelmetalle gewonnen, die erfolgreich weiter verkauft werden konnten. Selbst das Ausland war interessiert.
Erfolgreich waren wir auch mit einer Ausschreibung von Entsorgungsdienstleistungen im Saale-Orla-Kreis (ehemaliger Landkreis Lobenstein), um die sich acht Unternehmen beworben hatten. Hier waren wir weit über 10 Jahre von unserer Niederlassung in Lobenstein aus ebenfalls für die Kommune tätig. Allerdings haben wir im Zuge der Gebietsreform 1994 auch die Leistungserbringung im den ehemaligen Landkreis Gera verloren. Der Winterdienst in Gera ist ebenfalls weggegangen.

Die breite Palette der Dienst-leistungen war sicher nicht zum Nulltarif zu haben. Musste die Stadt hin und wieder in ihren Stadtsäckel greifen?
Ich kann mich noch an eine Stadtratssitzung erinnern - diese ging übrigens bis weit nach Mitternacht - wo ich den damaligen Bürgermeister Andreas Mitzenheim informierte, dass wir unbedingt vier neue Müllwagen brauchen, weil die alten nicht mehr verwendbar waren, sie hatten ein Durchschnittsal-ter von über 16 Jahren. Daraufhin hat die Stadtwirtschaft eine Million D-Mark Zuschuss erhalten. Das war der einzige Zuschuss, den die Stadt jemals gegeben hat. Man muss aber auch sagen, dass die Stadt auch nie Gelder aus dem Unternehmen gezogen hat. Die Stadtwirtschaft konnte damit einerseits ihre Grundstücke und Gebäude so gestalten wie es der jetzigen Zeit entsprechend war. Andererseits wurden wir in die Lage versetzt, die Gewinne, die wir am freien Markt erzielt haben, auch in neue Technik zu investieren und die Firma wettbewerbsfähig zu machen. Dies änderte sich mit der Eingliederung unter das Dach der Stadtwerke. Alle Gewinne mussten abgeführt werden. Noch heute muss ich sagen, dass die rund 140 Mitarbeiter bei einer Jahresleistung von etwa 17 Millionen Euro immer eine fleißige Arbeit im Interesse der Stadt und damit ihrer Einwohner geleistet haben.

( Reinhard Schubert, 13.08.2010 )

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