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Museenvielfalt für Gera oder zentrales Kunstmuseum?

Ein langer Abend steht den Mitgliedern des Stadtrates bevor: Die nächste Stadtratssitzung beginnt am Donnerstag erst in den frühen Abendstunden. Vorsorglich sind die Geraer Abgeordneten schon darauf vorbereitet worden, dass die Sitzung am folgenden Tag fortgesetzt wird. Kein Wunder, die Tagesordnung ist umfangreich. Kaum Routinethemen, dafür aber Entscheidungen, die mit Sicherheit brisant sind. Ein Themenschwerpunkt mit gleich zwei Tagesordnungspunkten muss herausgegriffen werden: "Erwerb der ehemaligen Landeszentralbank als Kunstmuseum für Gera" und als folgender Punkt "Kulturentwicklungsplan". Die Reihenfolge lässt aufhorchen. Zufall?!
Die Diskussion hatte begonnen, als Oberbürgermeister Dr. Vornehm darüber informierte, dass die Stadt Gera das Gebäude der ehemaligen Landeszentralbank zu einem außerordentlich günstigen Preis erwerben kann. Sein Vorschlag: Hier kann ein Dix-Museum geschaffen werden, dass internationalem Standard entspricht. Über die Sicherheitseinrichtungen in diesem Bankgebäude zu spekulieren verbietet sich von selbst, die Großzügigkeit der Planer und Architekten hat ein Gebäude entstehen lassen, das sich mit wenig Aufwand zu einem Museumsgebäude umgestalten lässt. Daher hat Vornehms Idee sofort Befürworter gefunden. Selbst eine beachtliche Befürworter-Schar aus Kreisen der Wirtschaft hat sich gefunden, schließlich sind die so genannten weichen Faktoren für Investoren zumindest genauso wichtig wie Autobahnanschluss, Bahnanbindung und Flugplatz. Also hofften die Befürworter, dass Gera mit dem neuen Dix-Museum zumindest einen nationalen Joker aus dem Ärmel ziehen kann, wenn es schon wenig von internationalem Rang aufzuzählen gibt.
Es darf nicht verschwiegen werden, dass sofort auch Kritik einsetzte, etwa in die Richtung, dass man viel lieber das Geld in den Straßenbau und andere kommunale Aufgaben lenken sollte. Auch diese Meinung ist achtbar, auch wenn sie übersieht, dass sich eine derartig auch finanziell günstige Chance wohl kaum wieder bieten wird. Der Preis von 1,9 Millionen Euro ist ein Schnäppchen - wenn man diesen Ausdruck für ein derartiges Gebäude überhaupt verwenden darf. Hinzu kommt, dass für die Stadt Gera eine Summe von 500.000 Euro aufzubringen sind, der Rest kommt aus Fördermitteln des Freistaates Gera.
Nun leben wir nicht in der Schweiz, wo die Eidgenossen zu jeder wichtigen Entscheidung ins Wahllokal gebeten werden, so dass die Entscheidung beim Stadtrat liegt. Der kann sich auch nicht von diversen Einzelmeinungen oder Befragungen abhängig machen, weil diese nicht repräsentativ sind und - wenn man will - auch leicht manipuliert werden könnten.
Nun kommt der Kulturentwicklungsplan. Da kann man als Bürger dieser Stadt doch nur davon ausgehen, dass er neben den vielen Details zu einzelnen Spielstätten, Zirkeln etc. auch auf die Entwicklung der "Großen Häuser" eingeht. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Geht es nun um ein "Dix-Museum" oder geht es um ein "Kunstmuseum". Hinter dem letztgenannten Begriff, so muss man argwöhnen, verbirgt sich ein Vorhaben, über das ebenfalls viel gemunkelt und gemutmaßt wurde: Das "Museum für Angewandte Kunst" und die Orangerie sollen in ein "Kunstmuseum" (MAK) integriert werden. Im Klartext kann das nur heißen, dass diese beiden Einrichtungen verschwinden.
Noch kann man auf den offiziellen städtischen Internetseiten über das MAK nur Gutes lesen. Da ist von deutschen und internationalen Art deco die Rede, basierend auf der bekannten Sammlung Brühl, vom dem berühmten Thilo Schoder, aber auch vom Kunsthandwertkvon Walter Gebauer, über die Werkstatt Körting, Ulli Wittich-Großkurth bis zum unter Kennern durchaus geschätzten Roschützer Porzellan, der gesamten Palette des Kunsthandwerks und des Fotodesigns von Aenne Biermann bis zu den zeitgenössischen Foto- und Grafikschaffenden.
Leider vermisst man auf dieser Seite zweierlei: Es werden an keiner Stelle die großzügigen Stifter und Leihgeber erwähnt, die die liebevoll und mit hoher Sorgfalt zusammengetragenen Sammlungen bereichert haben, so die Schenkung des Ehepaares Welle, die für ihre kostbare und nahezu einmalige Sammlung trotz vieler weiterer Angebote das "Ferbersche Haus" in Gera ausgewählt haben. Und gerade der Begriff "Ferbersches Haus" taucht auf der genannten Seite erst gar nicht auf. Zufall?!
Moritz Rudolph Ferber (1805-1875) hatte als Technischer Leiter des Textilbetriebes Morand & Co. 1833 die erste Dampfmaschine in Gera aufgestellt, später die erste Dampffärberei eingerichtet. Daneben war er einer der engagiertesten Mineraliensammler seiner Zeit. Einen Teil dieser Sammlung hatte er dem Rutheneum übereignet, sie ist noch heute im Besitz des Geraer Naturkundemuseums. 1872 übernahm er den Vorsitz der von Goethe mitbegründeten "Großherzoglichen Societät für die gesamte Mineralogie" in Jena, die Universität der Saalestadt verlieh ihm die Ehrendoktorwürde, und Fürst Heinrich XIV ernannte ihm zum Geheimen Kommerzienrat. "Neben dem Ferberturm vermachte er mehreren Einrichtungen der Stadt Gera namhafte Stiftungen" (Siegfried Mues in seinem Buch "Straßennamen der Stadt Gera").
Soweit die Historie. Das vermutete oder befürchtete Szenario der Gegenwart hört sich anders an: Die Sammlungen im Ferberschen Haus und in der jetzigen Kunstgalerie werden in das neue Kunstmuseum integriert. Ganz abgesehen davon, dass Gera damit die Chance verspielen würde, über eine breite Angebotspalette spezialisierter Museen zu verfügen und Kenner der Szene sowie Touristen anzulocken, hat dieses Planspiel einen kaum zu umgehenden Haken: Das Ferbersche Haus ist von den Erben des Besitzers, den Brüdern Thomasius, der Stadt Gera unter der vertraglich vereinbarten Auflage verkauft worden, dass das Museum für Angewandte Kunst ständig in diesem Haus bleibt. Mit einer Summe von damals 1,5 Millionen Mark hat der Freistaat Thüringen den Kaufpreis gefördert und die erwähnte Zweckbestimmung ebenfalls zur Auflage gemacht. Diese Bedingungen der Erben und des Freistaates Thüringen hat die Stadt Gera unterschrieben. Beim Weiterverkauf des Hauses in der Greizer Straße an die GWB "Elstertal" hat der Freistaat ebenfalls darauf bestanden, dass die vertraglichen Bestimmungen voll gewahrt bleiben, und die Rückzahlungsverpflichtung des Förderbetrages von 1,5 Millionen Mark wurden in den Vertrag mit der "Elstertal" ausdrücklich übernommen.
Kein Wunder, dass der Förderverein "Freunde des Ferberschen Hauses" die neueste Entwicklung mit großer Sorge sieht und erwähnt in einem Brief an den Oberbürgermeister und die Vorsitzenden der Stadtrats-Fraktionen, das es zwingend erforderlich sei, dass das Museum seine Eigenständigkeit behält. Zusätzlich wird darauf aufmerksam gemacht, dass das Haus mit hohem finanziellen Aufwand rekonstruiert wurde.
Es steht also zu befürchten, dass der Freistaat Thüringen seinen Förderbeitrag zurückfordert. Das würde ein weiteres Loch in die Stadtkasse reißen. Selbst wenn man in Erfurt ein Auge zudrücken sollte und auf die Rückzahlung verzichtet, sind da noch die Sammlung "Götting" (sie war vom Förderverein für 60.000 Euro angekauft worden), die Sammlung "Welle", und viele Leihgaben, die ebenfalls nur mit der ausdrücklichen Auflage überlassen oder sogar geschenkt worden sind, dass sie geschlossen im Ferberschen Haus verbleiben und hier ausgestellt werden. Die Geschäftsgrundlage wäre damit entfallen. Kaum auszudenken, wenn die kostbaren Exponate aus unserer Stadt weggebracht würden. Immerhin ist aber auch möglich, dass man die Stifter von einem "Umzug" überzegut.
Der Ausweg kann nur heißen: Ein klares Ja zum Dix-Museum und ein ebenso eindeutiges Votum zum Erhalt der gegenwärtigen Vielfalt der Museumslandschaft. Gera muss seinen kulturellen Reichtum mehren und nicht durch "Zentralisierung" einengen. Was einmal beseitigt wird, ist kaum wiederzubringen.
Und dann kommt das Thema "Kulturentwicklungsplan" auf die Tagesordnung der gleichen Sitzung des Stadtrates. Es kann - wie gesagt - ein langer Abend werden.

( Reinhard Schubert, 05.12.2008 )

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