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"Läßt die Sehkraft Dich im Stich, geh’ zu Optik Wunderlich!"

Plinius erzählt von Kaiser Nero, dass er die Gladiatorenkämpfe mit Hilfe eines geschliffenen Smaragden verfolgte, da er kurzsichtig gewesen sein soll. Der Smaragd ist eine edle Abart des Beryll (Edelstein). Von Beryll leitet sich das Wort Brille her. Erste Bemerkungen von Vergrößerungsbrillen finden sich im 11.Jahrhundert bei dem Araber Alhazan. Der 1317 in Florenz gestorbene Salvino d’ Armato degli Armati soll der Erfinder der Brille sein. Handwerksmäßige Brillenschleifer werden schon 1482 in Nürnberg erwähnt. Die Buchmacherkunst forcierte die Verbreitung der Brille wesentlich, die anfänglich in den verschiedenen Fassungen und Gestellen direkt vor die Augen gehalten wurden. Erst im 17. Jahrhundert setzte man sie auch auf die Nase. Die wissenschaftlichen Grundlagen der Sehschwächen wurden erst später, besonders seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt.

Erhard Wunderlich
(1858 - 1915)

Am ersten März wird die in Gera ansässige Firma E. Wunderlich, die über drei Generationen in Familienbesitz war, ihr 125 jähriges Gründungsjubiläum begehen. Sie gilt als das älteste Optiker - Fachgeschäft in Ostthüringen. Erhard Wunderlich gründete sein erstes Geschäft in Eisenberg. Am 9. März 1883 wurde in das Handelsregister beim Herzoglichen Amtsgericht durch den Beamten Geier beurkundet und am 12. März im "Eisenberger Nachrichtenblatt" veröffentlicht: "Im hiesigen Handelsregister ist am heutigen Tage als neu begründet die Firma E. Wunderlich, P.S. Metius Nachfolger in Eisenberg und als deren Inhaber Kaufmann Erhardt Wunderlich aus Redwitz, jetzt in Eisenberg." Erhard Wunderlich hatte damit die erst 1882 gegründete Brillen- und Goldwarenfabrik des Paul Selmar Metius Nachfolger übernommen. Im selben Jahr suchte er auch nach einem geeigneten Gehilfen. Später dann, 1888, verlegte der Firmengründer sein Geschäft in die Residenzstadt des Fürstentums Reuß j. L. nach Gera. Seine ersten Räume hatte er auf der Sorge im Haus Nr. 48, in dem zu DDR-Zeiten lange ein HO-Fischgeschäft war und heute die Firma Roscher ihr Domizil hat.
Erhard Wunderlich war Feinmechaniker und Mikroskopbauer, im Umgang mit Metallen und im Glasschleifen erfahren. Zu seiner Zeit gab es für den kurzzeitigen Gebrauch eine ganze Reihe von Ersatzformen des Brillengestells wie die Klemmer oder Zwicker (Pincenez), die durch die Federkraft des Steges auf dem Nasenrücken gehalten wurden. Das Stielglas oder auch Lorgnette wurde mit der Hand vor die Augen gehalten. Das Einglas oder Monokel wurde einseitig ins Auge geklemmt, aber nicht unbedingt empfohlen. Es gehörte großes handwerkliches Geschick dazu, die verschiedenen Brillen herzustellen.
Die Brillengestelle wurden aus Metall gefertigt (Gold, Silber, Stahl) oder anderen Materialien wie Horn, Schildpatt oder Hartgummi, wobei letzterer aber durch Temperatureinflüsse leicht aus der Form gebracht werden konnte. Um 1900 vergrößerte Erhard Wunderlich sein Geschäft und verlegte es in die Räume auf der Sorge 18, wo es sich noch heute befindet. Erst 1887 war der Neubau des Hauses Sorge 14 und 1893 der Häuser Sorge 16 und 18 erfolgt. Durch die gemeinsame Fassade erscheinen die Häuser wie eines und besonders fallen die Sandsteinverkleidungen und Neorenaissanceelemente auf sowie die ionischen Kapitelle. Charakteristisch sind auch die zweigeschossigen Läden.
Das Haus ist in der Denkmaltopographie der Stadt Gera aufgeführt. In der ersten Etage des Geschäftes in die man über eine Holztreppe gelangt, die heute noch vorhanden ist, wurde Spielzeug verkauft, gab es Radios und Grammophone. Daneben bestand eine Photoabteilung. 1909 wurde der Geschäftsinhaber zum Hofoptiker des Fürstentums Reuß j.L. ernannt, ein Titel der eine gewisse Reputation verlangte und den Inhaber ehrte. Auf einem Foto aus dieser Zeit wirbt das Ladenschild stolz mit "E.Wunderlich Hofoptiker", in der Mitte ergänzt durch das repräsentative Reußische Wappen. Das Wappen existiert nicht mehr, aber die Schrifttafeln sind im ersten Stock im Vorraum in Gold auf schwarzem Grund zu bewundern.
Das Aushängeschild damals war ein goldumrandeter großer Kneifer über dem Laden. Der Hauseingang zu Nr. 18 und das Geschäft lagen damals noch nebeneinander. Ein mannsgroßes Thermometer mit Reaumur- und Celsiuseinteilung hing neben der Geschäftstür. Das Schaufenster warb für Photos - "AGFA"-Artikel und zeigte Bilderrahmen, Barometer, Spielzeug, Operngläser, Photoapparate und Brillen sowie ein großes Trichtergrammophon, denn das Geschäft war "Offizielle Verkaufsstelle der Deutschen Grammophon-Aktien-Gesellschaft."
Neben Wunderlich sieht man das Fleischgeschäft von Carl Oertel Sorge 16 und in der 14 war ein Schokoladengeschäft ansässig, das auch "Caffee, Thee und Cacao" führte. Die Fleischerei besticht durch ihre ornamentalen Säulen, bunten Fliesen und Spiegel. Hier soll ein italienischer Majolikameister gewirkt haben und bis in die 50er Jahre stand im Geschäft noch eine große Muschel mit Wasserfontäne. Die Ladeneinrichtung läßt sich nur noch mit Pfunds Molkereiladen in Dresden vergleichen. Die Eröffnung war im Jahre 1890.

Carl Wunderlich
(1894 - 1947)

1915 starb Erhard Wunderlich und sein Sohn Carl übernahm das Geschäft. Er war einer der ersten Studierenden an der 1917 neu gegründeten "Staatlichen Fach-Hochschule für Optiker zu Jena", die 2007 ihr 90 jähriges Gründungsjubiläum feierte. Am 21. Oktober 1919 legte er vor der Meisterprüfungskommission für das Optikerhandwerk zu Weimar die Prüfung ab. Die Handwerkskammer für das Großherzogtum Sachsen verlautete: "Herr Carl Wunderlich zu Gera Reuß hat sich nach den gesetzlichen Vorbedingungen der Meisterprüfung für das Optiker Handwerk mit Erfolg unterzogen und ist daher nach §133 der Reichsgewerbeordnung berechtigt, den Meister - Titel in diesem Handwerk zu führen." Die Richtlinien für die brillenbestimmenden Absolventen der Optiker-Fachhochschule verpflichteten, "mit ihrer Berufsbezeichnung und ihrer staatlichen Urkunde keine unlautere Reklame zu treiben, insbesondere das Anerbieten ‘kostenlose Augenuntersuchung’ in jeder Form zu unterlassen."

Carl Wunderlich wurde auch neuer Eigentümer der Häuser Sorge 16 und 18, in dieser Eigenschaft veranlasste er zwischen 1922 und 1925 den Umbau der Geschäftsräume. Im Obergeschoß erhielt der Laden die großen lichtgebenden Schaufenster und der Hauseingang von Nr. 18 wurde an die Rückseite des Hauses verlegt, so daß das Geschäft wesentlich vergrößert wurde. Die Inneneinrichtung zeigte auf beiden Seiten Bedientresen und dahinter Regale und Vitrinen mit viel Glas. Die Tresen waren mit Schauflächen und Schaukästen versehen. Es entstand ein repräsentativ eingerichtetes Geschäft in edler Eiche- Optik-Ausstattung. Aus dieser Zeit wird kolportiert, dass eine Hausangestellte einmal etwas von Wunderlich abholen sollte und sich aber entschieden weigerte mit der Begründung: "Nee, da gehe ich nicht hin, das ist zu vornehm!"
Auf einem Photo nach dem Umbau aus den 20ger Jahren kündet auf den großen Glasfenstern im ersten Stock die "Radio" - Werbung vom neuen Medium. Auch hier ziert ein großer Klemmer den Eingang und ein beleuchtetes Werbeschild bewirbt "Die Stimme seines Herrn". "His Master’s Voice" war ein Ölgemälde des Hundes Nipper, der 1895 starb, vor einem Grammophon sitzend des Malers Francis Barraud. Die Grammophone Company übernahm dieses Markenzeichen vor 100 Jahren. Grammophon liest man auch am Schaufenster. Ein neues Logo ersetzte das Fürstliche Wappen und wirbt für "Foto und Optik" und Agfa. Carl Wunderlich ist offizieller Zeiss - Händler. Zeiss legte Wert auf eine gediegene Ladenausstattung seiner Händler und den Geraern mag damals der Mund offen gestanden haben, wenn der Zeiss-Geschäftsführer mit seiner großen modernen Horch-Limousine bei Wunderlich vorfuhr, um den Inhaber zum Essen abzuholen. Zum 50-jährigen Jubiläum 1933 führte man Photo-Apparate nebst Zubehör. Entwickeln und Kopieren von Filmen war in acht Stunden möglich. Neben Agfa führte man auch Eisenberger Platten und Filme.
Mechanische Spielwaren, Grammophone und Platten wurden weiterhin im Sortiment geführt, Daneben bot man an, "Radio - Apparate unverbindlich im eigenen Heim vorzuführen." Bei der Anfertigung von Brillen bediente man alle Krankenkassen. Das Nachbargeschäft in der 16 hatte der Süßwarenladen Most und in der Sorge 14 war ein Medizinisches Kaufhaus etabliert Es fungierte als Dental Depot und führte auch Kosmetikbedarf.
Während des II. Weltkrieges wurde Carl Wunderlich durch seine Frau Emma in geschäftlichen Sachen vertreten. Er kehrte 1945 in seine Wirkungsstätte zurück, wurde von der SMAD verhaftet und starb am 11. März 1947 im Speziallager Mühlberg bei Torgau.

Wolfgang Wunderlich
(1922 - 1993)

Der Enkel des Firmengründers erlernte ebenfalls das Optikerhandwerk und führte das Geschäft weiter. Es blieb immer in privater Hand. Merkwürdigerweise wurde das Optikerhandwerk bei den Verstaatlichungswellen, die bis 1972 in der DDR vorgenommen wurden, nicht behelligt. Es wurden Augenprüfungen gemacht und Brillen angepasst und verkauft, auch für die "Freunde" aus der russischen Garnision. "Da standen die Kunden manchmal Schlange."
Bis 20 Mark kostete ein Kassengestell, es brauchte nichts dazubezahlt werden. Die Brillengläser und Gestelle kamen sämtlich aus dem VEB Rathenower Optische Werke (vormals Nitzsche und Günther). Es wurden auch Thermometer aus Geraberg angeboten und Lupen. Barometer und andere hochwertige Geräte wie Mikroskope waren Bück-Dich-Ware. Als einzigstes Geschäft in Gera montierte man ungarische Hörbügel, selten welche aus Dänemark.
Es kam auch schon mal vor, dass der Altgeselle Zscherpe die jungen Kolleginnen wie Frau Schramm oder Frau Rockstroh quer über die Sorge schickte, um Kaffee aus dem "Cafe Warschau" zu holen. Ansonsten war der Umgang besonders mit den Kunden familiär und professionell nach der Devise: Der Kunde ist König! "Viele kleine Handgriffe sind nötig, um die Brille so herzurichten, dass sie fürs Gesicht gut paßt und bequem sitzt. Jeden zur Zufriedenheit zu bedienen, ist seit 1883 unser Prinzip." Dafür wurde auf der linken Seite des Ladens auch der Tresen durch zwei moderne Anpasstische ersetzt.
Der Volksmund dichtete" "Läßt die Sehkraft Dich im Stich/geh’ zu Optik Wunderlich!" Als Ulrich Zehetner im Geschäft neu war, er kam ja aus Berlin, erschien ein Ehepaar im Laden und der Mann verlangte eine "Brillenscheede": "Ich stand da, aus Berlin und wusste nicht, was das ist, bis der Mann Etui sagte. An den hiesigen Dialekt musste ich mich erst gewöhnen."
Bereits in vierter Generation sollte Tochter Regine das Geschäft weiterführen, diesen Plänen wurde aber durch eine schwere Krankheit 1988 ein Ende gesetzt. 1991 ging Wolfgang Wunderlich in den Ruhestand und sein langjähriger Meister Ulrich Zehetner übernahm die Firma samt Personal.
Heute präsentiert sich das Geschäft auf der Sorge 18 mit neuer Ladenausstattung und neben dem Inhaber sorgen drei Optikerinnen, eine Hörakustikerin und eine Meisterin für das Contactlinsenstudio für die Kundschaft. Vergleichbare Geschäfte, in denen man kompetent, freundlich, professionell und familiär bedient wird, gibt es in Geras Innenstadt nur noch drei weitere mit Augenoptik Herfurth (1895), Augenoptik Fiedler (1933) und Optik Krüger (1969). Wollen wir hoffen und wünschen, dass das Optiker-Handwerk auch in Zukunft so in Gera vertreten ist, wie es Hans Sachs im Ständebuch des Jost Amman 1568 mit dem Brillenmacher beschreibt:
Ich mach gut Brillen/klar und liecht/
Auff mancherley Alter gericht/
Von viertzig biß auff achtzig jarn/
Darmit das gsicht ist zu bewarn/
Die gheuß von Leder oder Horn/
Dreyn die gläser Poliert sind worn/
Dadurch man sicht / gar hell und scharff/
Die find ihr hie/wer der bedarff.




( Dr. H. Christel , 29.02.2008 )

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