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Keiner schreit und nicht einer mimt in der Stunde den Klassenclown

Kinder liegen bäuchlings auf dem Flurfußboden, alle Türen stehen offen, kleine Grüppchen machen sich am Bücherregal zu schaffen und Kinder tuscheln miteinander. Der erste Eindruck: Hier findet kein herkömmlicher Unterricht statt. Schon auf den zweiten Blick wird klar, dass in der Waldschule Liebschwitz während der Freiarbeitsstunden nur scheinbares Durcheinander herrscht.
In Wirklichkeit ist alles erstaunlich ruhig. Keiner schreit, keiner rennt umher oder mimt mit Faxenmachen den Klassenclown. Jedes Kind arbeitet konzentriert an einer Aufgabe, manch einer hilft einem anderen, bittet die Lehrerin leise um Hilfe oder blättert selbstständig in Unterrichtsmaterialien um dem Wochenthema auf die Spur zu kommen.
Jeder Schüler ist selbst verantwortlich dafür, wie weit er mit der Abarbeitung von Themen und Aufgaben während der Freiarbeitsstunden kommt. Am Ende der Woche muss auf dem Arbeitsblatt hinter jedem Themenbereich ein Häckchen stehen, dann war man erfolgreich - eine perfekte Methode, die Kinder schon früh an selbständiges Arbeiten, Eigenverantwortung und Zeitmanagment heran zu führen. "Jede Woche gibt es einen neuen Plan, der die nächs-ten Themengebiete absteckt", verrät Schulleiterin Roswitha Dix. "Die zweimal täglich einstündige Freiarbeit verbindet dabei Mathe, Deutsch und andere Fächer. Alle diese Fächer sind natürlich trotzdem einzelnen im Stundenplan unserer Grundschule verankert."
Auch die Schulzimmer sehen alles andere als steril und langweilig aus. In dem altehrwürdigen Liebschwitzer Gemäuer sind die Klassenräume wohnlich und kindgerecht eingerichtet. Überall liegen Teppiche, denn nicht selten werden Stunden auch einmal im Kreis sitzend abgehalten oder finden sich die Kinder lümmelnd zur Freiarbeit zusammen und auch zur Hortzeit beim Spielen verhindern sie einen kalten Hosenboden. Auch die Anordnung der Schulbänke zeigt schon den offenen Ansatz: Jeweils zwei Tische stehen zusammen, so dass sich vier Schüler bequem zueinander gewandt gegenübersitzen. Diese Vierergruppen stehen im Raum lose verteilt und machen einen kommunikativen Eindruck.
Das Zentrum des Klassenzimmers sind nicht wie sonst üblich Lehrertisch und Tafel. "Mein Arbeitsplatz ist an die Fensterseite gerückt, schließlich stehe ich die meiste Zeit zwischen den Schülern und bin viel in Bewegung", sagt Lehrerin Heike Schrepel. "Ich praktiziere kaum Frontalunterricht. Auch die Tafel wird bei uns nur verwendet, wenn es wirklich Sinn macht." Die Räume sind dagegen natürlichen Lern- und Lebensräumen nachempfunden und fördern so wie von selbst unverkrampfte Gesprächs- und Unterrichtssituationen.
An den Wänden stehen kleine Regale, in denen Unterrichts- und Anschauungsmaterial wohl geordnet auf seinen Einsatz wartet. Die Lehrerinnen haben über die Jahre eine Vielfalt an Lernmitteln und Freiarbeitsmaterialien, Spielkarten und Selbstgebasteltem, Büchern und Heften zusammengetragen. Vieles davon ist selbst erdacht und umgesetzt. Das Material ist so angelegt, dass die Kinder damit wie nebenbei spielerisch lernen. "Unsere Lehrkräfte sprühen vor Ideen. Jeder engagiert sich für einen anderen Bereich, so dass die Kinder für jedes Interesse einen kompetenten Ansprechpartner haben", so Schulleiterin Dix.
In der Liebschwitzer Grundschule ist noch etwas grundlegend anders: Neben den ‘normalen’ altershomogenen Klassen gibt es gemischte Klassen, in denen erste und dritte sowie zweite und vierte Klasse miteinander lernen. "Kinder der ersten Klasse kommen auf Wunsch der Eltern zu den Drittklässlern. In dieser Mischung werden sie dann zwei Jahre gemeinsam unterrichtet. Natürlich gibt es auch Phasen, in denen die Großen und Kleinen getrennt unterrichtet werden. Aber zum großen Teil werden mit Hinsicht auf Entwicklung und Wissensstand gleiche Themen auch gleichzeitig bearbeitet", erklärt Roswitha Dix.
Heike Schrepel, die derzeit 19 Schüler einer solchen gemischten Klasse betreut, ist sich sicher, dass nicht nur die Kleinen von den Großen lernen können: "Ich denke, sie profitieren beide voneinander. Sicher helfen die älteren Schüler oft den jüngeren. Aber auch unsere Kleinen haben manchmal tolle Ideen, auf die die Großen nicht kommen." Den Vorteil des gemeinsamen Lernens sieht sie vor allem in der Vorbildwirkung und der Entwicklung sozialer Kompetenzen. "Die Kleinen sind bei vielen Dingen oft schneller, da sie bestimmte soziale Regeln und stoffliche Inhalte bei den Großen beobachten und mitbekommen. Ihr innerer Drang, alles nachzumachen, hilft ihnen dann auf die Sprünge. Sie machen dann Vieles schon wie selbstverständlich, weil sie es einfach ausprobieren und sich aneignen."
Es gibt Schüler, die in ihrer Entwicklung schon weiter sind, als andere. Gerade sie profitieren von den altersgemischten Gruppen. Die Freiarbeit gibt den Lehrerinnen auch die Möglichkeit, einzelne Schüler gesondert zu fördern, ohne sie aus dem Klassenverbund heraus nehmen zu müssen. Schüler mit Lern- oder Konzentrationsschwierigkeiten und besonders begabte Kinder werden mit auf sie zugeschnittenen Aufgaben bedacht. Ein Beratungslehrer mit gesonderter Ausbildung schaut sich diese Kinder über einige Zeit genauer an und entscheidet dann gemeinsam mit den anderen Lehrkräften, in welcher Form sie gefördert werden sollen.
Unterstützung bekommt die Schulleitung vom Mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD) der Stadt. Der kümmert sich während der Freiarbeit besonders um die Schüler, die Vertiefung und zusätzliches Üben des Gelernten brauchen. "Diese besondere Form der Nachhilfe ermöglicht es uns, die Kinder einer Klasse zusammen zu lassen. Zur gleichen Zeit sind sie also am gleichen Ort und lernen gemeinsam. Das wirkt sich vor allem auf das Selbstbewusstsein der lernschwächeren Schüler aus, die sich durch diese Gleichbehandlung nicht ausgeschlossen fühlen", unterstreicht Heike Nass, Beratungslehrerin der Schule, die sensible Vorgehensweise.
Auch die besonders Begabten werden von den Lehrerinnen gefördert. Sie wissen genau, dass sie die Spezialaufgaben erst dann beginnen dürfen, wenn sie auch das für alle Kinder geltende Unterrichtspensum geschafft haben. "Ihre Förderung besteht also nicht ausschließlich in anderen, sondern in zusätzlichen Aufgaben. Da sie die meist unbedingt machen wollen, strengen sie sich umso mehr an mit den normalen Aufgaben fertig zu werden", weiß Schrepel.
Die junge Frau hat genügend Zeit, all ihre Schützlinge zu beobachten. Ganze vier Jahre lang begleitet sie die Schüler einer gemischten Klasse, von der ersten bis zur vierten, von dem Zeitpunkt, an dem die Erstklässler zu den Drittklässlern stoßen, bis die selbst in der vierten Klasse sind.
Trotz der aufgeweichten Klassenstruktur und den vielen Freiarbeitsstunden bekommen die Kinder ‘richtigen’ Unterricht. Schulleiterin Roswitha Dix betont: "Wir sind als staatliche Schule an den Thüringer Lehrplan gebunden. Leistungsüberprüfungen, Klassenarbeiten und Noten gehören selbstverständlich zum täglichen Schul-ablauf. Schließlich ist es unser Ziel, die Kinder für ihren Weg an weiterführenden Schulen fit zu machen."
Im Konzept der Waldschule ist die Montessori-Pädagogik verankert. Es geht nicht darum, die Schüler mit Frontalunterricht zu langweilen, indem alle dasselbe machen, nämlich nach vorn zum Lehrer schauen und von der Tafel abschreiben. Vielmehr wird Gewicht auf offenen Unterricht und differenzierte Methoden und Inhalte gelegt. "Alle unsere Lehrerinnen sind speziell ausgebildete Grundschullehrerinnen mit ‘Montessori’-Diplom. Wir selbst haben das offizielle Montessori-Diplom in Jena absolviert. In den vergangenen Jahren und auch in diesem Jahr haben wir an unserer Schule selbst Montessori-Lehrer ausgebildet." Da alle zehn Lehrkräfte nur Teilzeit, also gerade einmal 65 Prozent arbeiten, freut Frau Dix deren persönliche Verbundenheit mit der Schule und ihr Verantwortungsgefühl für die Schüler besonders. "Unsere Pädagogik erfordert viel Kreativität und die Unterrichtsvorbereitung viel Zeit. Innerhalb des Unterrichts vertreten wir den Grundsatz, dass der Lehrer nur ein Begleiter der Schüler ist und sich im Unterricht eher zurück nimmt. Das funktioniert aber nur, wenn Inhalte, Methoden und Struktur der Stunden im Vorfeld gründlich aufbereitet sind. Die Kolleginnen machen also deutlich mehr, als sie müssten", lobt sie in dieser Hinsicht ihre Mitarbeiter.
Seit 1993 ist Frau Dix an der Liebschwitzer Schule. Zwei Jahre später begann sie, die Montessori-Pädagogik im Schulbetrieb umzusetzen. "Das erforderte von allen Lehrerinnen ein Umdenken. Aber letztendlich merken wir jetzt, dass unsere Grundsätze richtig sind. In fast allen schulischen Bereichen setzen wir die Grundgedanken der großen Pädagogin Maria Montessori in die Tat um und dürfen uns Montessori-orientierte Schule nennen", spricht Dix und stolz leuchten ihre Augen.
Auf die Frage, wie die Lehrerinnen es schaffen, die derzeit 104 wuseligen Mädchen und Jungen mit derart ‘sanften’ Erziehungsmethoden unter Kontrolle zu halten, erläutert Roswitha Dix eine einfache Strategie: "Unsere Schüler haben die im Hause geltenden Verhaltens- und Lernregeln selbst mitbestimmt. Sie kümmern sich also ganz von allein um deren Einhaltung. Selbst die vorher festgelegten ‘Strafen’ für Verstöße sind zum Großteil Ideen der Kinder. So hält sich das System selbst am Laufen, denn jeder möchte natürlich, dass seine eigenen Regeln auch befolgt werden." So erklärt sich auch die unwirkliche Ruhe während der Freiarbeit. Die ‘Höchststrafe’ für Schreien, Herumrennen oder Randalieren in der Stunde ist das Arbeiten am Platz, während sich alle anderen im ganzen Haus frei bewegen dürfen.
Da sich die Pädagogik der Liebschwitzer Waldschule herumgesprochen hat, schnellen die Anmeldungen nach oben. Doch im Schulhaus ist kein Platz mehr für noch mehr Kinder. Die Klassen platzen aus allen Nähten. Deshalb zieht die Grundschule ab dem kommenden Schuljahr 2008 in die Geraer Neulandschule um. "Dann können wir endlich wieder Anmeldungen entgegen nehmen", freut sich Dix und sieht in diesem Interesse für ‘ihre’ Schule auch den Erfolg der Montessori-Pädagogik bestätigt.

( Christine Schimmel, 21.12.2007 )

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