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Gezeichnetes Erbe huldigt Geraer Jahre

Wie leicht aus dem Handgelenk geschüttelt, so sehen sie aus, die Skizzen von Lutz Ketscher, mit denen er sich so schwer getan hat. Entstanden sind in den 70-er und 80-Jahren des vorigen Jahrhunderts in Gera. Komplett veröffentlicht hat er sie nie, dabei sind sie so etwas wie eine kleine Chronik seiner Geraer Jahre. Teilweise ganz bekannte Gebäude oder Straßenecken, wie wir sie kennen, aber viel mehr noch Dokumente von den Bauten die verschwunden sind oder dem weichen mussten, was zu Zeiten des "realen Sozialismus" nicht ins herrschende Menschenbild passte oder zumindest passen durfte. Historisches Erbe und die Achtung vor ihm waren keinen Pfifferling wert, wenn es sich um bürgerliche Tradition handelte.
Machen wir die Probe aufs Exempel: Wer kann noch genau beschreiben, wie das Denkmal des Heinrich Posthumus Reuß ausgesehen hat? Es ist in einer Nacht- und Nebelaktion verschwunden und wohl eingeschmolzen worden. Die genauen Umstände sind bis heute noch nicht vollkommen aufgeklärt, auch wenn es kurz nach der politischen Wende einmal einen Posthumus-Verein gegeben hat und noch gibt (zumindest hört man von ihm nichts mehr!), der sich um Aufklärung und Wieder-Aufstellung bemüht hat. Vergebens. Lutz Ketscher aber hat den Posthumus, der so viel für Gera getan hat, in voller Pracht auf dem Denkmal-Sockel festgehalten.
Und da ist eine stattliche Reihe weiterer Ecken und Orte, die wohl ausgewählt worden sind aus einem reichen Fundus, den Ketscher aus Gera mitgenommen hat, als er die Stadt im Jahre 1978 verlassen hat, dann kurz in Lückenmühle nahe der Saale-Talsperren wohnte, dann aber im oberfränkischen Hof und dann in Schwarzenbach Wohnung und Atelier nahm. Hier ist er bis heute freiberuflich tätig. Wer sich mit Gera verbunden sieht, muss sein Geraer Skizzenbuch einfach kennen.
Jahre hat es gedauert, bis sich der Kreis zaghaft wieder zu schließen scheint: Seit ein paar Wochen ist Lutz Ketscher zurück in seiner Heimatstadt Gera, oder besser: Einige seiner Arbeiten sind zurückgekommen, die besagten Skizzen. Sie werden im Stadtmuseum gezeigt, weil der Maler und Grafiker eben die Bleistiftzeichnungen unter dem Titel "Sammlung der städtischen Hauptansichten Gera (1961 - 1971) für den Geraer Lemm-Verlag zu einem kleinen Kunstband zusammengefasst hat, der rund Zeichnungen zeigt.
Zur Vernissage waren jene und jeder erschienen, die heute zur Kunstszene zählen. Und so wurde es auch eine Wiederbegegnung mit dem Menschen Lutz Ketscher, der die kurze Eröffnungsrede in gewohnter Manier pflichtgemäß absolvierte - eine kurze Bilanz, aber hin und wieder mit einer treffsicheren ironischen Bemerkung gespickte. Echt Ketscher, der wenig lacht, wenn er es dann aber doch einmal tut, dann strömt es aus vollem Herzen aus ihn heraus!
Er selbst gesteht ein, dass die Zeit bis etwa 1970 mit der Suche nach Sinn und Form, des Experimentierens in verschiedenen Genres und künstlerischen - besonders graphischen - Techniken ausgefüllt war. Allerdings hat in dieser Zeit auch die Porträt-Malerei zunehmend an Bedeutung gewonnen.
Das alles wundert den Betrachter der Szene nicht. Der 1942 in Gera geborene Ketscher hat von 1956 bis 1959 eine ordentliche Lehre als Chromolithograph absolviert, bevor er 1960 bis 1965 ein Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig absolvierte und mit einem ordentlichen Diplom abgeschlossen hat. So muss man sich auch nicht darüber wundern, dass der Buchgestaltung und -illustration vom Anfang seine große Liebe gehörte. Erinnert sein nur an die "Erzählungen und Briefe" von Jakob Michael Reinhold Lenz, die 1978 im kleinen, aber feinen Buchverlag "Der Morgen" in Berlin erschienen sind, oder bereits vier Jahre vorher Thomas Manns "Tonio Kröger" mit Ketschers Illustrationen im gleichen Verlag. Hervorragende Buchproduktionen mit in DDR-Zeiten erschwingbarem Preis. Allerdings oft in so kleinen Inlands-Auflagen, dass man sie nur unter dem Ladentisch erstehen konnte, so rar wie eine frische Tomate oder Gurke in Gemüseladen. Etwas größere Papiermengen hatte da schon der in Halle und Leipzig ansässige "Mitteldeutsche Verlag" zur Verfügung, in dem Ketscher 1985 Manfred Pieskes "Der Frühling beginnt am Abend" illustrierte. Dazu gehören ungezählte Programmhefte und Poster, die der Grafiker für die Bühnen der Stadt Gera geschaffen hat. Der Theater-Besuch war ein erschwinglicher Kunstgenuss, so dass eine Menge dieser Arbeiten noch wohl verwahrt in Privtabesitz existieren dürften.
In den Folgejahren entstanden - wie bereits erwähnt - zahlreiche Porträts. Ich vermeide bewusst den Ausdruck "zahllose", denn Ketscher ist es nie um die Masse gegangen, sondern um die Durchsetzung einer eigenen Motivation, einem eigenen inhaltlichen und gestalterischen Konzept, welches - um ihn selbst zu zitieren - "scheinbare reale Wahrnehmung des Gegenstandes mit irrealer, ironischer Skepsis durch Ausdeutungen und Umdeutungen in andere Bedeutungszusammenhänge ‚verrückt’".
Schließlich gibt es noch eine dritte Säule seines Schaffens die architekturbezogenen Werke, in Gera sind dabei die Wandgestaltung im Kultur- und Kongreßzentrum, die Wandgestaltung im Lusaner Restaurant "Plzen" sowie im Wurzbacher Aparthotel "Am Rennsteig" ebenso Zeugnis seiner Kunst, ebenso wie in Nürnberg das Gewerkschaftshaus der IG Metall, Bau, Holz.
Eine lange Liste gibt es von eigenen Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen. Sie reichen von Gera, Erfurt, Weimar und Jena sowie vielen anderen Städten Sachsens und Thüringens bis nach Bayreuth, Bamberg, München und Hof zurück zum Schloss Burgk im Bereiche unserer Heimat. International mögen Bukarest, Jerewan, Lenigrad, Ljubljana, Sliven, Bari und Luxemburg symbolisch für die anderen stehen.
Lutz-Ketscher-Arbeiten wurden von der Galerie Moritzburg, der Orangerie Gera, dem Schloss Weimar, den Kupferstichkabinetten Berlin und Dresden, zahlreichen Museen, dem Verkehrsmuseum München, der Charité Berlin und vielen privaten Sammlern angekauft.
Nun hat Lutz Ketscher in diesem Jahr die 65 erreicht. Eigentlich Anlass für eine umfassendere Würdigung. Unbestritten. Aber in dem Wort steckt auch der Begriff "Würde" - und den nimmt er kaum für sich in Anspruch.
Kunst ist für ihn keine Würde, sie beinhaltet künstlerischen Standpunkt, Ausstrahlung mit und durch einen eigenen Stil - ob er nun in eine kunsthistorisch korrekt angelegte Schublade passen mag oder nicht. Ketscher muss man eben auch immer mit seinem Ernst und der erwähnten Heiterkeit betrachten. Ich jedenfalls habe in der Wohnung eine kleine Bleistiftzeichnung "Der Lobensteiner Fässle-Seecher" (Entschuldigung für den leicht frivolen Namen, aber Ketscher selbst hat ihn so genannt!) hängen, seit seinen Geraer Jahren.
Geraer Jahre - das mag so klingen wie eine abgeschlossene Sache. Und die scheint Ketscher eben nicht zu schätzen. Er hätte noch viel zu skizzieren oder zu malen, was erhalten bleiben muss. Bei der Geraer Vernissage seiner Ausstellung hat er mir verraten, dass es ihn manchmal schon nach Gera zieht. Möge er es mit seiner Familie wahr machen; so könnte sich der Kreis gänzlich schließen!

( Reinhard Schubert, 21.12.2007 )

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