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Wenn ein "Ex" etwas zum Besten gibt

"Nein, er gefällt mir nicht, der neue Burgemeister". Diese Einschätzung macht Goethe im "Faust" , 1. Teil. Sie wird von einer Gruppe - so etwa 50 Leutchen - nicht geteilt. Diese finden Gefallen am "Burgemeister", wobei der nicht neu ist, sondern alt, ein Ex, und er war auch "Ober", also Oberbürgermeister. Zumindest haben sie den OB a.D. Ralf Rauch zu einem Plauderstündchen eingeladen. Motto: "Lustiges und Nachdenkliches im Wirken eines Oberbürgermeisters". Naja, lustig wurde es nicht gerade, aber nachdenklich schon.
Eingeladen hatte die Fachgruppe Heimatgeschichte des Kulturbundes. Deren Chef Dieter Bauke nannte das Motiv für die Gesprächsrunde: Rauch habe 16 Jahre lang als Stadtoberhaupt die Geschicke Geras mitgestaltet. Was macht er denn jetzt so ? Haben diejenigen recht, die ihm Gutes nachsagen oder diejenigen, die - keinen guten Faden an ihm lassen?
Die Runde erfährt: Der reichlich 56 Jahre zählende Alt-OB ist freiberuflich als Dipl.-Bauingenieur tätig. Der Laden läuft. Der wie immer flott gestylte Mann, wie stets auch ein guter Redner, wirkt jünger als er ist. Allenfalls die Ringe um die Augen zeugen von der Bürde vergangener Amtstage.
Schwatzhafte Gersche setzten schon das Gerücht in Umlauf, Rauch habe sich, oje, oje, nach Mallorca abgesetzt. Der verbal Exmittierte kann die Orakler beruhigen: Ich war, bin und bleibe bodenständiger Geraer.
Nach 15 Jahren Ingenieurtätigkeit im Geraer Bauwesen kam er - fast so wie die Jungfrau zum Kind - in den Wirren der Wendezeit zur Politik. Gera pflegte schon vorm Umschwung, also 1988, partnerschaftliche Beziehungen zu Nürnberg. Rauch hatte so dienstlich mehrfach in Franken zu tun, stieß dort auch auf Nürnberger Kommunalpolitiker. Er wurde anfangs wie ein Exot gehandelt. Aber man wollte Gera beim Neuanfang unterstützen und hielt Rauch für eine Politikerkarriere geeignet. Die Frau war dagegen. Er wurde dennoch Bauderzernent und Bürgermeister 1990 bis 1994, bei der Direktwahl 1994 zum OB gewählt und 2000 ebenso.
2006 verlor er knapp die Stichwahl. Was er nicht verstand, als einige Geraer drohten: Wollt ihr denn den Rauch noch weitere sechs Jahre haben?! Der Wahlkampf sei oftmals mit unfairen Mitteln geführt worden, ja sogar mit bösartigen Anwürfen.
In der Gesprächsrunde ist ihm der Frust, der noch immer an ihm nagt, anzumerken. Fraglich ist allerdings seine Vermutung, dass die geringe Wahlbeteiligung der Geraer mitschuldig sei an seiner Niederlage. Das linke Bündnis PDS/SPD ist schließlich nicht zufällig zustande gekommen.
Was ihm selbst seine schärfsten Kritiker - so die einhellige Meinung in der Runde - nicht absprechen sollten, ist sein Anteil an der doch insgesamt vorzeigewürdigen Entwicklung des Oberzentrums Gera seit 1990. Das war so, als die Idee geboren wurde, eine verkehrsentlastende Umgehungsstraße zu bauen. Rauch schmunzelt: Aus der Luft vom Flugzeug aus steckten wir grob die Trassenführung der Osttangente ab. Es gelang bei der Finanzierung zwischen Stadt und Land halbe-halbe durchzusetzen. Heute wäre eine solche Investition nicht mehr denkbar.
Man sollte auch nicht, meinen einige der Gesprächsteilnehmer, das Engagement für die Sanierung des Theaters übersehen. 1992 begann die Restaurierung, für die tief in die Stadtkasse gegriffen wurde und wird. Jetzt ist auch die Orgel dran. Kaum eine deutsche Stadt tut und tat - auch dank Rauch - soviel für seinen attraktiven Musentempel wie Gera.
Ein gutes Händchen hatte die Stadt in der Rauchschen Amtszeit auch beim Europäischen Förderprogramm Urban II, um Brachflächen wieder zu nutzen und kleine und mittlere Betriebe anzusiedeln. Um Geld locker zu machen, wollte der Gersche OB es nicht mit einem Hofknicks in Erfurt bewenden lassen. Mehrfach fuhr er nach Brüssel, um die Anliegen ostdeutscher Großstädte vorzubringen. Zugute kam ihm dabei seine aktive Rolle im Gemeinde- und Städtebund. Urban ermöglichte in Gera die Schaffung von 250 Arbeitsplätzen.
Glanzstück ist nach Auffassung der Gesprächsrunde neben der Ansiedlung der Berufsakademie (gemeinsam mit der IHK) zweifellos der Anteil am Zustandekommen der BUGA. Was heißt: Stadtumbau (Beispiel: Stadtbahnlinie 1) und Revitalisierung einer Region. Bevor der Antrag 1997 zur Austragung gestellt werden konnte, gab’s Gespräche mit den Umweltministern Töpfer und Merkel. In Gelsenkirchen gelang es, dem Vorstand des Zentralverbandes Gartenbau und quasi BUGA-Obermanager Karl Zwermann, eine Zusage abzuringen. Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel hatte allerdings starke Bedenken und hätte lieber Erfurt bevorzugt. Rauch verstand es, ihn von Gera zu überzeugen. Übrigens: Das Havelland will, wenn es Ausrichter wird, so eine Doppel-Fete wie Gera-Ronneburg nachmachen.
Ein oftmals gehörter Vorwurf der Kritiker bezieht sich auf die Finanzen. Rauch kontert: Gera mache im Vergleich mit ähnlich gelagerten Städten wenig Schulden. Stets habe sich die Stadt um einen ausgeglichenen Haushalt bemüht. Auf vielen Gebieten könne sich die Stadt 16 Jahre nach der Wende inzwischen sehen lassen. So gesehen, sei eine Diskussion "Wir sind nichts wert und uns kennt keiner" kontraproduktiv.
In Geraer Rathaussaal hängen die Porträts der bisherigen Rathaus-chefs. Demnächst soll das Porträt Rauchs hinzukommen. Dazu meint die Runde: Na, das ist doch schon mal was.

( Harald Baumann, 16.02.2007 )

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