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Auf den Spuren von Häußler-Bitter

Am 1. März 1859 wurde von der Firma Gebrüder Häußler eine neue Filiale am Geraer Bärenweg errichtet. Neben der Erbauung einer modernen größeren Destillationsanlage wurde ein Speditionsgeschäft eröffnet. "Nachdem den Kaufleuten Gebrüder Häußler für auf Ansuchen die Erlaubniß zur Betreibung eines Kommissions- und Speditionsgeschäfts auf hiesigem Platze nachträglich ertheilt worden ist, so setzen wir den Stadtrath hiervon in Kenntniß. Gera, den 28. 4. 1859, Fürstl. Reuß. Pl. Regierung". Damit hatten die Häußlers gegenüber der Konkurrenz eines voraus, ihr Geschäft war direkt am Bahnhof errichtet und verfügte über einen eigenen Gleisanschluß, so daß die mit der Bahn transportierten Waren reibungslos auf die Pferdefuhrwerke umgeladen werden konnten, um dann in Gera zu den Fabriken transportiert zu werden. Das Geschäft firmierte als "Gebr. Häussler in Gera, Rum-, Sprit-, Liqueur- und Essigsprit - Fabrik, Colonial - Waaren, auch Commissions-, Speditions- und Incasso - Geschäft." Die neue Filiale am Bärenweg wurde auch im Hinblick auf die in Vorbereitung befindliche Eisenbahnstrecke Gera - Weißenfels gegründet. Am 19. März 1859 vermeldete die Fürstl. Reuß. Geraische Zeitung: "So eben rüstet man sich zur festlichen Einweihung der Gera - Weißenfelser Bahn. Die nach dem Rathhause führenden Straßen legen ihren Festschmuck an, um den Tag zu feiern, an welchem wir durch das Schienennetz mit dem gesammten deutschen Vaterlande, ja mit der ganzen weiten Erde in nähere, engere Verbindung treten werden. Auf eisernen Bahnen rollt hinfort die Weltgeschichte und jeder neue Schienenstrang wird so im höheren Sinn des Worts zu einer Bahn des Fortschritts." Mit dem Festzug von Zeitz trafen 11 Uhr in Gera die "Spitzen der Behörden, das Eisenbahnkommitee, die Direktion der Thüringer Bahn und die Königl. Preußischen Kommisare" sowie Se. Durchlaucht der Erbprinz ein. " Der geschmückte Bahnhof Gera Kopf an Kopf umlagert. Die Artillerie der Schützenkompagnie sendet ihren Festgruß. Empfang und Begrüßung vom Stadtrathe etc... " Somit hatte Häußlers Speditionsgeschäft Anschluß an die Linie Gera - Weißenfels und die Preußischen Staatsbahnen und von dort an das deutsche Eisenbahnnetz und konnte seine Waren in alle größeren Städte Deutschlands expedieren. 1865 kam noch die Linie Gera Gößnitz hinzu.

Das Geschäft ließ sich in den folgenden Jahren gut an. Die neuen Spiritusreinigungsapparate nach französischen Muster können Weinsprit von 93 - 95% herstellen. Eigentlich wollte man den Engros - Verkauf von Kolonialwaren nach außerhalb aufgeben, da aber dieses Detailgeschäft einen sehr guten Ruf hatte, dauerte es noch bis 1864, ehe man sich von diesem Geschäftsbereich trennte. Von 1863 an investierte man verstärkt in neue Apparate und ausländische Rohstoffe und produzierte Magenbitter und Liköre nach Holländischem Vorbild. 1868 betreibt die Firma auch ein "Wechsel- und Banquiergeschäft". In den 1870er Jahren firmierte man unter "Gebrüder Haeussler Gera, Sprit - Fabrik, Essig - Fabrik, Kornbranntwein - Brennerei ".Der Krieg von 1870/71 brachte für Deutschland einen erstaunlichen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Firma Gebr. Häußler entwickelte sich bis dahin kontinuierlich weiter, bis am 25. 10. 1876 eine Katastrophe eintrat: "Infolge unvorsichtigen Umganges mit einen Sturmlaterne, die beim Spiritusauslassen benutzt wurde, entstand ein riesiges Schadenfeuer, das die gesamte Spiritusfabrik vollständig vernichtete und große Warenverluste verursachte. Auch die Speditionsabteilung blieb von den Folgen des Brandes nicht verschont, deren umfangreiche, in Schuppen auf dem Fabrikgrundstück untergebrachten Lager wurden ein Raub der Flammen, und die Einlagerer forderten Schadenersatz für die verbrannten Güter". In dieser Situation war es ein Glück für die Firma, noch die alte Niederlassung am Geraer Markt zu haben, die immer wieder in schwierigen Zeiten die Firma am Laufen hielt.
Die Anträge auf einen Wiederaufbau der Fabrikanlage waren schnell gestellt, nur die Thüringische Eisenbahngesellschaft suchte durch strenge Auslegung der Gesetze einen Wiederaufbau an gleicher Stelle zu verhindern, da durch das "Häusslerische Feuer einer der Dachreiter auf dem Lokomotivschuppen in Brand gerathen und der Bahnverkehr sowohl durch das Feuer und den Einsturz der Gebäude als durch die Gefahr von Explosionen gefährdet worden sei". Letztlich konnte man aber an selber Stelle wieder die Gebäude errichten. Neugebaut wurden der Güterschuppen für Speditionsgüter am Bahnhof als zweigeschossiger Bau mit "Comptoir" sowie das Rectificationsgebäude. Unter Rectification versteht man das "wiederholte fraktionierte Destillieren einer bereits destillierten Flüssigkeit, um sie von beigemischten fremdartigen Teilen zu reinige oder sie stärker zu machen". 1878 wird ein neuer Spirituslagerschuppen gebaut. 1883 wird wiederum erweitert und es entsteht ein neues Kontorgebäude mit Lagerkeller, welches mit einer Anlage für eine Heißwasserheizung versehen ist. Ansonsten weist die äußere Gestaltung durch die Verwendung von Schmuckelementen schon darauf hin, dass man es mit einer im Aufschwung begriffenen Firma zu tun hat, man repräsentiert. 1897 kommt noch ein neues Spirituslagerhaus hinzu. Mit Abzieherei, Kesselhaus, Spiritusniederlage, Essigfabrik, Töpferwerkstatt, Kontorgebäude, Spiritusanlage, Speditionsgebäude und Remise für die Wagen ist ein ansehnlicher Produktionskomplex entstanden, der im Norden, durch Felder getrennt, an den Lokomotivschuppen der Weimar - Geraer - Eisenbahn grenzt und im Süden an die Lokomotivschuppen der Königlich - Preußischen - Staatseisenbahn sowie im Osten an die Geleise der Preuß. Staats - Eisenbahn. Hier liegt auch der firmeneigene Gleisanschluß.
Zum Speditionsgeschäft gehörte seit 1872 auch die Paketbeförderung nach allen größeren Städten in Deutschland, sowie in Gera und Umgebung. Man hatte in den anderen Städten mit den dortigen Zustellern Verträge abgeschlossen. Seit 1885 wurden unter dem Namen "Express - Packet -Verkehr" Gebr. Haeussler" auch Wertmarken verwendet. Insgesamt sind 5 verschiedene Werte überliefert: 5 Pfennige grün, 10 Pfennige rot,20 Pfennige blau, 30 Pfennige braun und 50 Pfennige olivgrau sowie 5 Pfennige grün/Violett. Am Oberrand der Marken steht Gebrüder Haeussler, darunter Express - Packet - Verkehr, in der Mitte der Wertmarke ist der Wert in Pfennigen angegeben und am unteren Rand liest man Gera (Reuß). Der Verwendung der Wertmarken beim Transport ist vielleicht der Einsatz der Wertmarken von Firmen wie Citykurier in unserer Zeit gleichzusetzen. Häußler verwendete die Wertmarken nur einige Jahre bis zum Verkauf der Speditionsfirma. Später verwendete man für Geschäftspost offizielle Marken der Reichspost, in die im Falle Häußler die Buchstaben GH (Gebrüder Häußler) ausgestanzt waren. Solche betriebsinternen Marken wurden bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts verwendet. So ließ die Geraer Firma Gebrüder Harnisch Maschinenfabrik GHG, die Firma Halpert &Co Teppichfabrik HAC und die Firma F.A.Jahn Maschinenfabrik J aus den Marken in Großbuchstaben ausstanzen. Von den Marken vom "Express - Packet - Verkehr" ist in Gera bei Sammlern kein vollständiger Satz mehr vorhanden. Vielleicht hat ja einer der geneigten Leser des Neuen Gera noch solche Stücke in irgend einem Kasten liegen...?
Am ersten Januar 1892 verkaufte man das "gutgehende, im Weltruf stehende, Speditionsgeschäft an die Geraer Straßenbahn A.-G.", die ein Jahr vorher am 9. Februar 1891 gegründet wurde und in deren Aufsichtsrat auch Eugen Häußler saß. In den ersten 10 Jahren nach Übernahme der Spedition sah man für die Gebrüder Häußler eine Gewinnbeteiligung vor. "Von den Herren Gebrüder Haeussler hat die Gesellschaft käuflich nach Taxe das Inventar des Speditions -Geschäftes, 14 Pferde, 21 Wagen, diverse Inventarien, einen Güterschuppen auf dem Preußischen Güterbahnhof etc. etc. übernommen, auch die sonst für das Speditions - Geschäft benutzt gewesenen Lokalitäten auf dem Grundstück der Herren Gebrüder Haeussler zwischen dem Preußischen Staatsbahnhof und dem Weimarer Bahnhof für 10 Jahre gemiethet", hieß es im Geschäftsbericht der Geraer Straßenbahn A.G.. Das Speditionsgeschäft erzielte 1892 einen Überschuß von 29.091.34 M. Am 20 Dezember 1911 wurde die Geraer Straßenbahn A.G. in "Geraer Elektrizitätswerk und Straßenbahn AG" umbenannt. Das Speditionsgeschäft führte der langjährige Prokurist der Firma Gebrüder Häußler Oskar Leuschke. Schließlich wurde am 11. Mai 1921 das Speditionsgeschäft aus der "Geraer Elektrizitäts - Werk und Straßenbahn AG." ausgegliedert und firmierte fortan unter "Geraer Speditions- und Lagerhaus- Gesellschaft m.b.H." als selbständiges Unternehmen.

( Dr. H. Christel, 22.12.2006 )

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