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Die Turmherren an der Stadtmauer

Fragen Sie einen ortsansässigen Geraer nach den Türmen der Stadt. Gladitschturm, Fuchsturm, Ferberturm wird die Antwort sein, vielleicht noch die Türme der alterwürdigen Kirchen, viel mehr ist es nicht. Kaum jemand denkt an den alten Stadtmauerturm, der auch noch am Stadtgraben liegt. Und doch verdient er die Erwähnung schon wegen seines Alters, das die Lebensjahre eines Methusalems bei weitem überschreitet. 1530 wurde er das erste Mal urkundlich erwähnt. Aber das sagt bei weitem noch nicht alles über das wahre Alter des steinernen Zeugens unserer Stadtgeschichte.
Bleiben wird bei den letzten Jahren. Vor vielleicht drei Jahrzehnten, als man Platz schaffen wollte für Wohnbauten, wäre er beinahe der Abrissbirne zum Opfer gefallen, wie vor und nach ihm eine Reihe anderer steinerner Zeugen der Vergangenheit unserer Stadt. Hätte es nicht ein paar Leute gegeben, die sich vehement für die Erhaltung eingesetzt hätten, wie der damalige Museumsdirektor Clement Toepel oder der Architekt Werner Lonitz, dem wir den Wiederaufbau der Orangerie verdanken.
Damals gab es kühne Vorstellungen, die nie verwirklicht wurden. Der Stadtmauerturm sollte als eine kleine Galerie für Ausstellungen, kulturelle Treffs und ähnliches verwendet werden. Man stelle sich vor, abends nach der Vorstellung kommt man aus dem gegenüberliegenden Kino und sieht die Rest der Stadtmauer und natürlich den Turm, angestrahlt von zwei oder drei Scheinwerfern. Natürlich kostet so etwas Geld - und das fehlt eben.
Und so hat der Turm die Jahrzehnte überstanden, recht und schlecht. Die Turmhaube wurde in Ordnung gebracht, das Gemäuer ist statisch intakt, Treppen und Holzstufen sind erneuert, das Umfeld ist gut gepflegt und man sehnt sich in diesen Tagen nach den wärmeren Monaten, wo die Frühlingsblüher wieder ihre Pracht im angrenzenden Gelände zeigen.
Manchmal gibt es allerdings auch in unserer Zeit noch kleine Wunder. So klopfte zu Beginn des vergangenen Jahres Ernst-Wilhelm Wallmann an die Tür der Zentralen Gebäude und Grundstücks-Verwaltung (ZGGV), der die Geschäfte des Turmeigentümers, der Stadt Gera, führt, und erkundigte sich, was er ganz persönlich für den Turm tun könne. Herr Wallmann wollte kein beschauliches Rentnerdasein führen, dazu war sein Leben zu bewegt. Erst als Bergmann unter Tage, dann als Pilot der Lufthansa in den höheren Schichten unterwegs und schließlich ein paar Jahre an der Trasse in Sibirien, wie der Volksmund die Baustellen für die "Erdölleitung der Freundschaft" bezeichnete.
Seither war er unterwegs im Lande, besuchte alte Kirchen und ihre Türme und stieß auch auf den Stadtmauerturm, der ein Schattendasein führte, von außen gut anzusehen und alten städtischen Stolz dokumentierend, innen kalt und leer.
Der stolze Turm hat es ihm angetan, aber es blieb nicht aus, erst einmal die Umgebung von Unrat zu säubern, Wildwuchs zu beseitigen und Wege wieder begehbar zu machen. Mit Jens Werner fand er einen handwirklich talentierten Mitstreiter. Seitdem vergeht kaum eine Woche, wo nicht gebaut wird, ein neues Sammlerstück seinen Platz findet oder einfach ein paar Gäste den Turm gemeinsam mit den beiden Turmwärtern besteigen.
Seit April vergangenen Jahres hat man mit dem ZGGV eine Vereinbarung abgeschlossen, so dass zumindest Versicherungsschutz besteht, alles anderen geschieht ausschließlich in ehrenamtlicher Tätigkeit. Jens Werner ist gerade dabei, die Mauerritzen Schritt für Schritt zu verfugen, Bänke wurden gezimmert und eine Menge historisches Material herangeschafft. Zugegeben, es stammt nicht aus dem Turm, aber es vermittelt einen Eindruck in die Lebensweise dieser Zeit. Hin und wieder kommt eine Touristengruppe vorbei und begehrt Einlass. Wallmann und Werner freuen sich darüber. Die interessiertesten Besucher kommen übrigens aus Fort Wayne oder anderen amerikanischen Städten. Fast ehrfurchtsvoll betrachten sie die Exponate und das alte Gemäuer als Stücke des so alten Europa. Oder Schülergruppen, voller Neugier und Wissensdurst. Kein Wunder, denn nur wenige kennen z. B. noch eine Sense (Ernst Wilhelm Wallmann erklärt sie meist als den Rasenmäher früherer Zeiten, das verstehen die Mädchen und Jungen), ein Kummet oder ein Ortscheit aus bäuerlichem Besitz. Eine große Glocke, eine Kanone, Handfeuerwaffen, alles das haben die beiden Stadtturmleute gesammelt oder als Leihgaben bekommen. Stolz ist man auch auf ein altes Turmbuch, in dem es 1923 die letzte Eintragung gab. Ende?
Nicht ganz, denn jetzt gibt es ein neues Turmbuch, in dem auch stehen soll, was sich jetzt tut. Oder vielleicht, dass man sich wünscht, dass noch mehr Touristen das Angebot der Geraer Gästeführer annehmen und einmal vorbei schauen. Ein Kapitel wird auch der Bundesgartenschau gewidmet- "Nicht nur wegen der Buga, sondern das alles erhalten bleibt und gepflegt wird," so Wallmann.

Am guten Willen für die Unterstützung fehlt es nicht, aber am Geld. Die Nachbarn freuen sich über die gepflegte Umgebung und passen mit auf, damit nichts einer blinden Zerstörungswut anheim fällt. Und sie gewähren den Turmleuten auch einmal "Asyl" in dringenden Fällen. Denn es gibt weder Strom noch Wasser...

Und so bleibt der Wunsch nach einem angestrahlten Turm wohl eine Utopie, es sei denn, dass der Stadtsäckel einmal wieder etwas praller werden sollte. Ernst-Wilhelm Wallmann und Jens Werner stört das nicht - sie machen weiter, ganz uneigennützig, zur eigenen Freude und der der anderen. So etwas gibt es noch!

( Reinhard Schubert, 22.12.2006 )

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