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Jeder Tag ist eine neue Prüfung

"Als ich den Krankenhausberg hochkam und sah das mit wildem Wein bewachsene Haus vor mir, war ich ganz hingerissen". Das war an einem sonnigen Herbsttag im Jahr 1967. Da betrat Dr. Heiner Hünicke zum ersten Mal das damalige Bezirkskrankenhaus in Gera. Es sollte ihn 38 Jahre lang nicht loslassen. Unzähligen Menschen hat er in dieser Zeit Hoffnung gegeben und Trost gespendet, hat sich selbst immer hinten angestellt und das Allgemeinwohl im Auge gehabt. "Das dankt Dir mal keiner", hat mal ein Kollege zu ihm gesagt. "Der Dank der Patienten ist mir genug", habe er damals geantwortet. Als er aber am Ende dieses Jahres einen Dank von "ganz oben" bekam, war er doch gerührt. Dr. Heiner Hünicke erhielt aus der Hand von Bundespräsident Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz am Bande. "Die Feierstunde war schlicht und herzbewegend", beschrieb er seinen Eindruck von der Veranstaltung im Berliner Schloss Bellevue. "Es war ein schöner Moment", doch als die Stadt Gera den Ausgezeichneten im Rathaus ebenfalls eine Feierstunde bescherte, gestand er: "Es war es für mich wie eine zweite Auszeichnung".
Wenn der heute 64-Jährige zurückdenkt, so erfüllt ihn tiefe Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber den Eltern, die ihn im christlichen Sinne erzogen haben, gegenüber Lehrern der Hermann-Francke-Schule, eine Montessori-Schule in Halle, gegenüber den Professoren der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, gegenüber seiner Frau und den beiden Kindern, Sohn und Tochter, seinen Berufskollegen, den Patienten und vielen Menschen, die ihn auf seinem Lebensweg begleitet haben. Sein großes Vorbild aber sei Albert Schweitzer gewesen, bekennt er. Aber auch der Sport habe ihn geprägt. Sport? Das ist bei einem Chirurgen, der wohl sehr auf seine Hände achten muss, schwer vorstellbar. "Doch, doch", lächelte er, "beim Sport muss man sich konzentrieren, bis in die Zehenspitzen", und so sei es auch vor einer Operation. Heiner Hünicke war übrigens Kunstspringer.
Die sportliche Laufbahn hat der junge Hallenser dann doch nicht weiter beschritten, denn er wollte schon immer Arzt werden. "Vielleicht haben mich auch die vielen Bücher im meinem Elternhaus, in denen ich viel gelesen haben, zum Beispiel über Albert Schweitzer, beeinflusst", überlegt er. Der Vater, der als Zahnarzt praktizierte, bestärkte den Sohn in seinem Wunsch, Medizin zu studieren. Nach dem Abitur 1960 hatte sich der junge Mann doch zuerst für ein Jahr Krankenpflege entschieden, wurde aber überraschend schnell zum Studium an der Medizinischen Akademie Magdeburg zugelassen. "Damals hatten viele Arztfamilien die DDR verlassen, so dass es einige Lockerungen gab", glaubt Dr. Hünicke. Nach dem Vorklinikum studierte er in Jena ab 1963 weiter und war schon 1966 ein Mediziner mit Doktortitel. Da war er 23 Jahre alt.
An die Zeit in Jena erinnert er sich auch gern. Nicht nur an das Medizinstudium, das sehr umfangreich war und das von dem angehenden Arzt sehr gründlich absolviert wurde. Das Innerste des Menschen kennen zu lernen, habe ihn Demut gelehrt. "Man konnte nicht übermütig werden, wenn man das Leid sah, das Menschen betroffen hat", sagt er. Aber auch das Flair der Jenaer Uni hat der Student genossen. Er besuchte Germanistikvorlesungen, - "da erfuhr man auch mal etwas über Hermann Hesse" - oder Vorlesungen zur Malerei. Eigentlich wollte der wissbegierige Mediziner an der Jenaer Universität bleiben, "doch dann lernte ich meine zukünftige Frau kennen", verrät er. Welch Glück für das Geraer Krankenhaus und die Patienten, dass diese aus Gera kam, denn das war auch der Grund, warum Dr. Hünicke an dem sonnigen Septembertag 1967 den Krankenhausberg unserer Stadt hinauf lief.
Eine fünfjährige Facharztausbildung zum Chirurgen begann. Die Prüfung legte er 1971 in Jena ab. Und wieder waren es Vorbilder, die seinen Lebensweg prägten: Prof. Beer, der ihn eingestellt hat, Prof. Nöller, bei dem er gelernt hat, Dr. Flachsbarth, von dem er die Hingabe zum Patienten bewunderte, die Oberärztin Dr. Melchert (spätere Dr. Nöller). "Sie haben es uns vorgelebt, was es heißt, Arzt zu sein", meint er. Dass er es ihnen gleichgetan hat und später seinen Assistenten und den jungen angehenden Fachärzten ebenfalls Vorbild war, hofft er heute.
Eine Herausforderung kam auf ihn zu, als er sich Mitte der siebziger Jahre der Gefäßchirurgie, am Bezirkskrankenhaus ein völlig neues Gebiet, widmen konnte. Und wieder hieß es für ihn: lernen. Die Jenaer Universitätskliniken boten ihm dazu die Gelegenheit. Oft fuhr er mit seinen Geraer Patienten nach Jena, um sie dort behandeln zu lassen. Er führte mit Dr. Wünscher, Dr. Erich Gantenbein und Dr. Seyfarth die Gefäßsprechstunden in Gera ein. "Mit Hautarzt und Internisten war dies eine gute Kombination", ist er sich sicher. 1978 wurde Dr. Hünicke Oberarzt. Und er lernte weiter. An der Charité in Berlin durfte er operieren. Nicht selten sei er aus Berlin mit einem Koffer voll künstlicher Gefäße, die bereits damals in der Charité eingesetzt wurden, und Katheder nach Gera zurück gekommen.
Das erste künstliche Gefäß wurde 1979 in Gera eingesetzt. Dabei denkt Dr. Hünicke auch an die Narkoseärztin Oberärztin Dr. Weiser, die die Voraussetzungen in der Narkosetechnik für die großen Gefäßoperationen geschaffen hat, zurück und an andere Ärzte, die mit ihm zusammengearbeitet wie auch an Schwestern und Pfleger, die die gefäßchirurgische Station mit aufgebaut und betreut haben. Er erinnert sich an eine Geschichte, die viel später, erst nach der Wende in den alten Bundesländern passiert ist. Als bei einer Untersuchung eines Patienten ein künstliches Gefäß entdeckt wurde, tauchte die Frage auf: Wo wurde das denn eingesetzt? Und als die Kollegen dann erfuhren: "In Gera", schauten sie erst einmal auf der Landkarte nach: "Wo liegt denn das?" Die erste offizielle Anerkennung als Gefäßchirurg erhielt der Geraer Arzt 1986 nach einer Prüfung an der Charité. "Hoffentlich war das die letzte Prüfung", dachte er damals. Heute weiß er: "Jeder Tag ist eine neue Prüfung".
Dr. Hünicke hat sich jedoch nicht nur seinem Beruf mit Leib und Seele gewidmet, sondern genoss auch die Kultur. "Wir waren ja von Kultur umgeben. Als wir noch in den Prinzenhäusern wohnten, lag das Theater fast vor unser Haustür, die Orangerie, das Otto-Dix-Haus. All das nutzten wir", erzählt er. Auch später, als die Familie näher zum Krankenhaus, an die Eibe, zog, blieb sie dem Theater und dem Konzertsaal treu. Auch wenn nicht selten das Telefon klingelte, er in die Klinik gerufen wurde und sein Platz leer bleiben musste. Der Beruf ging immer vor. Dafür hatte seine Frau, selbst Laborärztin, stets Verständnis.
"Nach der Wende dachte ich, ich muss etwas von dem , was ich erhalten hatte, zurückgeben, begründete Dr. Hünicke seinen Entschluss, sich im Gemeinderat - die Familie war bereits 1981 nach St. Gangloff in ein altes Bauernhaus gezogen - zu engagieren. Er sollte sogar Bürgermeister werden. "Doch ich finde, Menschen zu führen, politische Entscheidungen zu treffen, muss man von der Pieke auf lernen", und lehnte ab. Trotzdem habe er auch als Gemeinderatsmitglied gelernt, wie schwer es ist, zu entscheiden, was für die Menschen nützlich ist. "Ich hatte immer Sorge, ob ich es auch richtig gemacht habe", bekennt er. In der Landesärztekammer wirkte er mit, aber Administratives liege ihm nicht, "Das Wichtigste war doch für mich das Krankenbett und die Zeit für den Patienten. Den Verein der Freunde und Förderer der Kunstsammlung sowie den Theaterverein unterstützt er aber noch heute.
2004 beendete Dr. Hünicke seinen Dienst am SRH Waldklinikum. Zwar noch nicht im Rentenalter trat er sein Amt an Jüngere, die von ihm gelernt haben, ab und wusste sein Werk in guten Händen. "Das war für mich sehr beruhigend. Wenn man 38 Jahre lang Tage und Nächte am Tisch steht, dann stellen sich auch gesundheitliche Probleme ein", überlegt er. "Wenn man körperlich nicht mehr fit, dann besteht Gefahr für die Patienten, deswegen habe ich aufgehört, sagt der verantwortungsvolle Chirurg. Einen Schonplatz gäbe es nicht.
Dem Krankenhaus und der Stadt Gera hat Dr. Hünicke ein schönes Denkmal hinterlassen. Er veröffentlichte das Buch "Aus der Geschichte der Krankenhäuser der Stadt Gera", erschienen im Verlag Dr. Frank. 1979 hat er begonnen, Tagebuch zu führen und Geschichten aus dem klinischen Alltag aufzuschreiben. "Immer sonntags", lächelt er. 1985, zum 65. Jubiläum des Krankenhauses, musste er das erste Mal einen Abriss der Geschichte vortragen. Dann war er zum 70., 75. und 80. Geburtstag immer dran. "Ich hatte dann auch konsequent gesammelt", verrät er.
Heute kann Dr. Hünicke Kultur voll genießen. Aber er hat noch eine Leidenschaft, in die er schon viel Zeit, Geld und Herz hineingesteckt hat, wie er gesteht. Das ist der Drei-Seiten-Hof in St. Gangloff. "Das denkmalgeschützte 250 alte Haus verlangt nun unsere ganze Fürsorge". Nur vorsichtig kann er dem alten Gemäuer zu Leibe rücken. Und damit er es richtig macht, hat er sogar ein Lehmbauseminar besucht. Eine Prüfung musste er nicht machen, aber nun weiß er, mit welchen Mitteln und mit wie viel Gefühl er operieren und wie vorsichtig er Zugekittetes wieder entfernen kann. Mit seinen Händen flößt er ehrfurchtsvoll dem alten Haus das neue Leben ein. Fast wie im Beruf.

( Helga Schubert, 22.12.2006 )

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