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Gute und schlechte Nachrichten und dazu viele Zwischentöne

Gute und schlechte Nachrichten kommen gelegentlich in kurzem Abstand - und manchmal gibt es noch Zwischentöne.
Die schlechte Nachricht zuerst: Der "Connex" wird mit Beginn des neuen Fahrplanes seine direkte Verbindung von Gera nach Berlin einstellen. Gründe des Unternehmens: zu wenig Frequentierung und keine durchgängige Elektrifizierung. Damit kommt unserer Stadt wieder das Prädikat zu: Die einzige deutsche Großstadt, die über keinen ICE-Anschluß verfügt und nun auch keine durchgehende Schnellverbindung in die Hauptstadt hat.
Es ist wohl auch nicht damit zu rechnen, dass die Bahn in die Bresche springt. Die Staats-AG hat schließlich ganz andere Sorgen: Börsengang ja, vielleicht oder doch nicht. Und wenn doch, dann mit oder ohne Schienennetz. Womit der Schwarze Peter bei der Politik liegt, die es sich schon mit der Mitte-Deutschland-Verbindung über Gera und der Elektrifizierung mehr als schwer getan hat und es noch tut. Buga hin - Buga her - der Bahn ist’s egal.
Das rollende Unternehmen kommt aber auch mit seinen stationären Einrichtungen hin und wieder ins Schlingern. Bestes Beispiel aus Gera: Der Fußgänger-Lift von der Straßenbahnhaltestelle direkt in den Hauptbahnhof ist nicht termingemäß fertig geworden. Lange Zeit stand auch auf der Kippe, ob denn die Bahnunterführung Ernst-Toller-Straße in Ordnung gebracht werden soll oder nicht. Sie wird es - allerdings später, so dass sich der gesamte Straßenverkehr gegenwärtig noch über die stadtauswärts führende Fahrbahn quälen muss. Einen Vorteil hat die ganze Sache: Man kann bestens erkennen, dass die noch aus Vorwendezeiten stammenden Wandkacheln zumindest geputzt werden. Vielleicht geschieht das noch.
Nun zur guten Nachricht: Die Geraer haben sich an die neue Stadtbahnlinie 1 gewöhnt, als hätte sie es seit Ewigkeiten gegeben. Als der Stadtrat ihren Bau beschlossen hatte, gab es eine Menge Vorbehalte, jetzt hat der Erfolg viele Väter. Es ist unbestritten, dass unsere Stadt noch Jahre gebraucht hätte, um ein derartiges Projekt aus eigenen Mitteln zu finanzieren.
Ganz reibungslos ist die Sache nicht abgelaufen, es gab Vorbehalte und Widerstände. Alles in allem ein durchaus normaler Vorgang in der Demokratie.
Freilich darf man weder in kleinliche Kritik verfallen, noch sich von Euphorie blenden lassen. Ganz klar: Ein derartiges Vorhaben wirft immer Probleme auf, die oftmals im Detail liegen. Dazu hat sich der Verkehrsbetrieb bekannt und erste Änderungen im Fahrplan vorgenommen. Weitere sollen folgen, wenn ein paar noch notwendige Bauarbeiten abgeschlossen sind.
Doch es gibt Zwischentöne, die man auch durch nicht so eifriges Drehen an der (Straßenbahn)Kurbel übertönen kann. Da fühlen sich einige Vororte erheblich benachteiligt. So hat der Ortschaftsratsvon Thieschitz angemahnt, dass er es nicht hinnehmen will, dass die Kinder - um die neue Verbindung nutzen zu können - am Morgen eine halbe Stunde früher aufstehen müssen, und sich die Fahrzeiten für manche Pendler vom Vorort bis zum Zentrum und zurück im Extremfall um eine knappe Dreiviertelstunde verlängern.
Oder die Lusaner, die früher mit dem Direktbus an die Beerweinschänke und zurück zum Einkauf gefahren sind und heute mit ihren Taschen und Beuteln zum Umsteigen gezwungen werden. Dabei handelt es sich in vielen Fällen um ältere Bürger oder Lusaner, die über kein Auto verfügen.
Ein eng mit der neuen Linie verbundenes Thema ist die Verkehrsregelung in der Innenstadt. Der Kampf um die alte Eiche auf dem Platz hat sich gelohnt, sie ist erhalten geblieben, und die Bahn kann trotzdem fahren. Der Platz selbst ist schön geworden, das steht außer Zweifel. Freilich gilt auch hier: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Dieser Schatten kommt dabei nicht vom städtischem Grün, weil es das hier nicht gibt und wohl auch nicht geben kann. Vielmehr wurde der Platz durch ein paar Säulen für den Verkehr gesperrt, Fußgänger natürlich ausgenommen.
Konsequenz: Der benachbarte Teil der Schlossstrasse droht zu veröden. Autofahrer meiden den Straßenabschnitt, weil sie mit ihren Fahrzeugen nicht mehr wenden können. Die Konsequenz ist ein dramatischer Rückgang der Kunden bei den betreffenden Geschäften. Rund 30 Prozent Rückgang des Kundenstroms beklagt der Apotheker, ähnlich ist die Entwicklung bei der Optik-Firma, beim Berufsbekleidungshändler, im Zeitungsladen und in der Imbiß-Gaststätte. Erschwert wird die Situation dadurch, dass die Post ihren Hof ebenfalls gesperrt hat und damit kein Wenden mehr möglich ist. Schon ist bei einigen Unternehmen die Rede von Entlassungen oder gar Standortwechsel.
Damit hat Gera übrigens neben dem bereits erwähnten Attribut die einzige Großstadt ohne modernerBahnverbindung übrigens ein weiteres hinzugewonnen: Unsere Stadt hat die einzige Hauptfiliale der Post, wo man nur mit Schwierigkeiten sein schweres Paket liefern kann. Übrigens schweres Paket: Lieferanten, die Waren in die Schlossstrasse schleppen, müssen die Pakete ziemlich weit transportieren, die städtische Verkehrsüberwachung hat hier gnadenlos eine sprudelnde Knöllchen-Quelle ausgemacht und nutzt sie. Dazu ein Tipp am Rand: Wenn Sie ehrlich sind und einen Parkschein erwerben wollen, rüsten Sie sich mit 50-Cent-Münzen aus, denn eine 1-Euro-Cent-Münze verschmäht der Automat.

Apotheker Sascha Jung hat sich wegen der existenzbedrohenden Situation an die Stadtverwaltung gewandt. Oberbürgermeister Dr. Vornehm hat eine erneute Prüfung zugesagt. Vielleicht rückt man die Betonbarrieren doch ein Stück weg und schafft eine Wendemöglichkeit für PKW. So einfach könnte es sein, ohne dass man fürchten muss, dass der neue Platz zerfahren wird.

Dann würden die guten Nachrichten wieder überwiegen!

Allen anderen Informationen zum Trotz hat die Bürgerinitiative in der Wiesestrasse ihren Kampf gegen aus ihrer Sicht unvertretbare Einschränkungen noch nicht aufgegeben, da regt es sich schon in Tinz in gleicher Richtung. Das Beispiel hat offenbar Schule gemacht.
Die einen sprechen von erfolgreichen Protesten, die anderen von Lehrstücken in Sachen Demokratie. Vielleicht kann man sich auf die Formel einigen: Entscheidungen mit den Bürgern und für die Bürger. Sachlichen Streit um die besten Argumente und Lösung. Aber kein Zerreden der guten Lösungen, zu denen die neue Stadtbahnlinie der Stadt Gera ganz ohne Zweifel gehört.

( Reinhard Schubert, 24.11.2006 )

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