Partner

gebr_frank.jpg
verlag_dr_frank_gmbh.jpg
onicom.de.jpg
gera.jpg
RPG_Logo_1.jpg


Hinweise

acrobat_reader.jpg

Button_E_paper.png

Schlagzeilen der Woche

zurück

Marktgeschichten von Kanitz bis Kaffee-Richter

Der Markt scheint an Attraktivität zu gewinnen. Der "Süße Winkel" ist wohl jedermann bekannt. Aber daran schließt sich in der ehemaligen Kanitz´schen Buchhandlung das Café Kanitz an. Danach folgt "Subway", dann käme am Rathaus der Ratskeller und die Biermeile im ehemaligen Durchgang zum Kornmarkt, beides noch nicht offen, und schließlich folgt der "Burgkeller".
Das Café Kanitz eröffnete am 1. Juli 2006. Der Mietvertrag wurde schon Ende 2005 unterschrieben und die Bauarbeiten begannen im März dieses Jahres. Zwischenzeitlich verschwanden die Goldbuchstaben über den großen Schaufenstern, wurden aber nach dringend notwendigen Malerarbeiten der Fassade wieder angebracht und so künden die Buchstaben der ehemaligen "Kanitz´schen Buch- und Kunsthandlung" auch weiterhin von einer Geraer Tradition und bereichern das Marktensemble mit ihrem Goldschmuck. Im ehemaligen Buchladen empfängt den Besucher angenehme Musik, gedämpftes Licht und Kevin Schulz und Frank Mittasch, die jungen attraktiven Betreiber des Cafés, empfehlen ihren Gästen die Spezialitäten des Hauses. Kaffee aus original spanischen Kaffeebohnen steht an erster Stelle. Es gibt vier verschiedene Mischungen, die stärkste ist Diaz und besteht zu 100 Prozent aus arabica. Hauptaugenmerk wird auf ein ausgiebiges Frühstück gerichtet, welches man von 8.30 Uhr bis Mitternacht bekommen kann. Geöffnet ist solange, bis der letzte Gast gegangen ist. Am Nachmittag werden Gäste erwartet, die gern Cafe trinken und dazu ein gutes Stück Kuchen zu schätzen wissen. Drei mal in der Woche liefert ein Konditor aus Braunichswalde die neuesten Kuchen und Torten. Neben dem spanischen Cafe gibt es aber auch Cafe Creme, Latte Macchiato, Espresso und Cappuccino sowie Donuts, Berliner oder Muffins. Für die Abendunterhaltung sind Themenabende am Klavier, Buchlesungen oder Jazz-Auftritte angedacht. Die Bühne hierfür, das Podium, wurde bereits mit gebaut, gleich rechts neben dem Eingang, wo die bequemen, hellen, einladenden Polstermöbel stehen. Man sitzt hier wie zu Hause. Das ist beabsichtigt, denn man hat sich bewusst bemüht, einen Living-Room-Charakter zu gestalten. Die Geschäftsphilosophie Café - Bar - Leben scheint bei den Geraern gut anzukommen, das Café ist rege besucht und kann nur empfohlen werden. Übrigens stehen für Wodkaliebhaber 50 verschiedene Wodkasorten bereit. Es soll die einzige "Wodkaria" mit dieser Bandbreite in Gera sein, so der Geschäftsführer Frank Mittasch. Zuguterletzt, man kann von den bequemen Sitzmöbeln aus das Markttreiben ganz genau verfolgen.
"Durch Kanitz’ große Fensterscheiben
Sieht man bequem des Marktes Treiben.
Trinkt seinen Kaffee aus in Ruh´
Und schaut entspannt den andern zu." (P. B.)
Von einem anderen Kaffee, gleich um die Ecke am Kornmarkt 2 liegend, soll nun die Rede sein. Hier befand sich bis 1966 die Kaffee - Rösterei Max Richter. Vorher führte der Schwiegervater Ernst Jugelt hier ein Geschäft für "Kolonialwaren, Konserven, Tabak, Cigarren und Spirituosen". Letztere wurden auch ausgeschenkt. Ernst Jugelt kam mit seinen zwei Brüdern aus der Nähe von Zwickau nach Gera. Martin Jugelt gründete die Bäckerei in der Humboldtstraße. Ri-chard Jugelt hatte auf der Sorge 15 ein Kolonialwarengeschäft mit Kaffeerösterei, Zigarren- und Likörfabrik. Ernst Jugelt kaufte 1902 das Haus am Kornmarkt 2. Seine Tochter Irma heiratete Max Richter aus Rosswein in Sachsen. Nach 1922 wurde das Sortiment des Ladens zur Kaffeerösterei umgebaut und man firmierte unter "Kaffee - Rösterei Max Richter, Kaffee - Tee - Kakao Groß- und Kleinhandel". Der Schnapsausschank wurde abgeschafft. Der Laden war bis 1966 am Kornmarkt 2 und später noch einige Jahre in der Böttchergasse 9 (ehemals Zuckerbäcker Krause). Hier warb die Firma mit dem Slogan "Der Kaffee-Richter - Hoch die Tasse - ist jetzt in der Böttchergasse".
Später war in dem Haus die Gaststätte "Sliven" anzutreffen. Heute wird das Haus immer noch gastronomisch genutzt. Der Sohn von Irma und Max Richter, Hans Richter, erzählt: "Der beste Kaffe hieß Perlkaffee, Riesenbohne Marogype. Gut gerösteten Kaffee erkennt man am Schlitz in der Mitte der Bohne, der noch hell sein soll. Unser Kaffee wurde auch portionsweise in kleinen Tüten abgegeben. Der Kaffee - Richter mahlt auf Stein´ den Kaffee kühl und filterfein", hieß ein bekannter Werbespruch. Steingemahlener Kaffee wird kühler gemahlen, Stahlwerkmühlen laufen heiß und nehmen das Aroma. Die Röstmaschine wurde mit Gas betrieben, das Rösten dauerte etwa 10 Minuten.
Von 1909 bis 1911 gab es übrigens einen Streit um einen 33m2 großen Keller. Eigentlich ein Tonnengewölbe von 6,6 mal 5 m Länge und einer Höhe in der Mitte von 2,5m in das man vermittels einer steilen Treppe von 15 Stufen gelangte. Der Zugang erfolgte durch das Ladengeschäft Jugelt vom Kornmarkt 2 her. Der Keller selber aber lag schon unter dem Nachbarhaus Kornmarkt 1. Obwohl von dort nicht zugänglich, klagte plötzlich die Besitzerin auf Herausgabe des Kellers. Durch diesen Streit aber ist uns etwas über die Vorbesitzer des Hauses bekannt. Das Haus soll schon um 1850 existiert haben. Vor dem Jahre 1863 besaß es der Vater des Kupferschmieds Fürchtegott Weise, Johann Christoph Weise, der ca. 40 Jahre lang dort sein Handwerk ausübte. "Vom 23. Dezember 1863 bis zum 12. April 1876 besaß es der Kupferschmied Fürchtegott Weise, vom 12. April 1876 bis zum 15. September 1892 der Seiler Robert Reichelt, vom 15. September 1892 bis zum 1. August 1902 der Kaufmann F. W. Beyer." Alle Besitzer hätten den Keller offen, frei und ungehindert genutzt und es sei dort auch Bier ausgeschenkt worden. Ottilie Hager, geb. Schumann (1911; 61 Jahre alt), erinnerte sich, dass Beyer und Reichelt ihre Materialwaren in dem Keller lagerten. "Ich glaube mich auch bestimmt zu erinnern, dass zu Zeiten des alten Kupferschmiedes Weise in dem Keller Bier verschenkt wurde und ich als Kind solches daraus von den Weises geholt habe". Der Ratsdiener Heinrich Fickert (1911; 66 Jahre alt) gab zu Protokoll:
"Ich erinnere mich genau, dass ich in den Jahren 1865 und 66 als ich beim reussischen Bataillon hier als Soldat diente, Bier aus dem Keller des Hauses Kornmarkt 2 geholt habe, dass damals Braugerechtigkeit hatte. Das Bier wurde regelmässig in Krügen von Weise aus dem Keller geholt, für die Zeit besonderen Andrangs hatte er auch manchmal eine Bierschänkerin bestellt". Der Schuldiener Karl Heinrich Grossmann (1911; 68 Jahre alt) weiß, "dass ich als Junge etwa Anfang und Mitte der 50-er Jahre des vorigen Jahrhunderts Bier aus dem Keller des Hauses Kornmarkt 2 geholt habe. Damals war der Eigentümer des Hauses der alte Kupferschmied Weise. Er schänkte das Bier regelmässig nicht selber aus, sondern hatte eine Bierschänkerin dazu angestellt." Durch Ratsdiener Fickert wissen wir auch um die Verwendung der Bierstange: "Das Bier wurde seiner Zeit immer aus dem jenigen Hause geholt, aus dem das Bierzeichen, d.h. eine lange Holzstange mit einer einfachen Verzierung an der Spitze herausgesteckt war. Ich werde deshalb sowohl aus dem Hause Kornmarkt 2 als auch aus dem Hause Nummer 3 Bier geholt haben". Im Namen des Fürsten wurde schließlich am 30. Oktober 1911 die Klage abgewiesen. Jugelt und seine Vorgänger hatten sich das Superficialrecht auf Nutzung des Kellers ersessen. Das damalige Sächsische Recht, das damals auch für das Fürstentum Reuß Geltung hatte, sah die Zeit von 31 Jahren sechs Wochen und drei Tagen vor, die ausreichte, um sich sein Recht zu ersitzen. Mit der vollendeten Anlegung des Grundbuchs zum 1. Januar 1900 gab es die Möglichkeit der Ersitzung des Erbbaurechts nicht mehr.
Jugelt und seine Nachfolger hatten Glück, die Ersitzung des Kellers war schon um 1870 als abgeschlossen angesehen worden. Weitere ähnlich gelagerte Fälle zitierte der Oberlandmesser Pabst: "In der Leipziger Straße lag der Neumärkel´sche Keller unter dem Rußdorf´schen Grundstück. Beim Neubau des alten Schreiber´schen Hauses an der Salvatorkirche klagte die Stadt Gera gegen Herrn Geithe, dessen Keller unter dem städtischen Grundstück angetroffen wurde. Bei dem Senf´schen Haus am Stadtgraben befand sich dessen Keller unter den Feistkorn´schen und Maler Gross´schen Grundstücken". Dieses ließe sich in der heutigen Zeit wahrscheinlich immer wieder fortsetzen, man braucht dabei nur an die Höhler zu denken, die meistens ihren Verlauf über mehrere Grundstücke nehmen, sich nicht an die Grundrisse der Häuser über ihnen haltend. Aber immer noch halten die über 200 Höhler in Gera das eingelagerte Bier angenehm kühl, und es ist zu hoffen, dass das Höhlerfestbier am Wochenende den Durst der Besucher stillen kann.


( Dr. Holger Christel, 22.09.2006 )

zurück