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Der abenteuerliche Weg einer Chronik unserer Stadt

Unruhige Nächte habe er gehabt, gestand Stadtarchivar Klaus Brodale, aber jetzt sei er froh und zeigt glücklich auf ein sehr schmales, aber umso dickeres Buch - die Ursache seiner schlaflosen Zeit. Es handelt sich um die älteste handschriftliche Chronik Geras, und nur der Zufall führte sie an den Ort zurück, an dem sie einst vor rund 250 Jahren von Johann Christoph Günther geschrieben worden war. Klaus Brodale wusste, dass es so eine Chronik gab, aber über den Verbleib war nichts bekannt. Und dann begann alles mit einem Telefonat.

"Ich wurde angerufen, ob ich Interesse an einer Chronik von Johann Kaspar Zopf hätte, die auch ein paar handgeschriebene Seiten enthalte", erzählt der Stadtarchivar. "Da war ich noch ahnungslos", schmunzelt er. Erst, als Klaus Brodale um Kopien der handgeschriebenen Seiten bat, und der Besitzer ihm sagte, es sind aber 1000 Seiten, wurde er hellhörig. Er ließ sich den Band zuschicken, und dann hatte er das gute Stück in den Händen, nun wollte er es nicht mehr loslassen.
Jetzt begann die Zeit der unruhigen Nächte, denn die Stadt hatte keine Mittel für die nicht geplante Anschaffung im Stadtarchiv. In der Sparda Bank fand er einen Sponsor, der 500 Euro spendete. Filialleiter Alexander Konz meint: "Ich bin selbst Geraer, weiß, wo der Schuh drückt und wie wichtig die Chronik für die Stadt ist, deswegen wollten wir den Ankauf unterstützen".

Das Besondere an dem 1400 Seiten umfassenden Buch ist, dass der Verfasser die gedruckte Chronik von Zopf mit 230 Seiten aus dem Jahr 1692 - sie ist im Besitz des Stadtarchivs - als Ausgangspunkt genommen hat. Er ließ leere Seiten vom Buchbinder einschießen, und auf diese hat er seine Stadtgeschichtsforschungen niedergeschrieben. Seite für Seite in exakter deutschrer Schreibschrift füllte er. Der letzte Eintrag stammt von 1784. "Wissenschaftlich gesehen sind die Bemerkungen von Johann Christoph Günther sehr hoch zu bewerten", berichtet der diplomierte Stadtarchivar, denn er habe stets den Quellennachweis angegeben. Für besonders wertvoll hält Klaus Brodale die Einträge des Chronisten aus seiner eigenen Zeit Mitte bis Ende des 18. Jahrhundert, denn diese seien mit dem großen Stadtbrand alle verloren gegangen. Dabei berichtet Günther auch über Wetterbeobachtungen, Naturkatastrophen und Unglücksfälle, Ernteerträge, und welche großen Generäle sich im Siebenjährigen Krieg in der Stadt oder im umliegenden Reußenland aufhielten.
Johann Christoph Günther hat viele Jahre als Vertrauter und Hauslehrer auf dem Rittergut Liebschwitz gelebt und an seiner Chronik geschrieben. Doch eben so gut hat es ihn auch in die Welt gezogen. 1723 als Sohn eines Weißbäckermeisters in Gera geboren, studierte er in Jena und Leipzig Theologie, war im reußischen Kirchendienst an der Salvatorkirche und als Diakon in Saalburg tätig, reiste aber dann als Missionar zu Fuß, per Kutsche oder Schiff durch ganz Europa und nach China bis nach Westindien. "Leider sind seine Reiseberichte noch nicht aufgefunden worden", bedauert Klaus Brodale und auch dass das abenteuerliche Leben Günther den Tod gebracht hat. "Er ist auf dem Weg nach Fernost nur bis Ungarn gekommen und hier verschollen", weiß der Stadtarchivar. Wahrscheinlich wurde er im Siebenbürger Bauernaufstand erschlagen. 1796 wurde er für tot erklärt.
Für die Stadt Gera ist die Neuanschaffung von großem Wert. Das Glück von Klaus Brodale, der jetzt mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung, zum Beispiel das Aufstellen eines Registers, beginnt, wäre vollkommen, wenn sich auch der erste Band der Güntherschen Chronik im Besitz des Stadtarchivs befinden würde. "Ja, es gibt zwei Bände", berichtet er. Der erste Band war sogar einmal im Bestand des Stadtarchivs, wurde jedoch 1945 von der sowjetischen Militäradministration beschlagnahmt und nach Russland mitgenommen. Dort ist er noch heute.

( Helga Schubert, 09.06.2006 )

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